Lebenselexier Freundschaft

Woran erkenne ich einen wahren Kumpel?

Freundschaft gibt uns Sicherheit, macht selbstbewusster und hält gesund.

Anne-Kattrin Palmer
Lesezeit 6 Min
Guten Freunden gibt man ein Küsschen.

Guten Freunden gibt man ein Küsschen.

© imago/Westend61

Manchmal merken wir erst, wenn einer geht, wie wertvoll er war. Mitunter ist eine Trennung aber auch sinnvoll. Doch eins ist sicher: Freundschaften sind  wichtig. Sie machen   selbstbewusster, glücklicher, halten gesund und müssen allerdings gepflegt werden, so Psychologen. Und wenn sie zerbrechen,  dann oft wegen Illoyalität oder einem „Sich-ausgenutzt-fühlen“, so eine Umfrage. Wir sprachen mit Ghania Ibelaidene, Coach für zwischenmenschliche Beziehungen, über den Wert von Freundschaft.

Was bedeutet Freundschaft?

Die Expertin: „Freundschaft erfüllt einige unserer wichtigsten menschlichen Grundbedürfnisse, wenn sie ernst gemeint ist. Zum Beispiel die Bedürfnisse nach Gemeinschaft, Nähe, Unterstützung, Geborgenheit, Vertrauen, Zugehörigkeit, Ehrlichkeit. Diese Bedürfnisse haben alle Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft, Religion, Kultur oder ihren Wertvorstellungen.“ Und dabei gehe es nicht um den Eros, also die erotische Anziehungskraft oder romantische Gefühle, sondern um eine  menschliche Verbindung: „In Freundschaften geht es also weniger darum, zu gefallen, Menschen zu beeindrucken, sondern darum, „echt“ oder authentisch sein zu können. Im Gegensatz zu Verwandtschaft haben wir die Freiheit der Wahl, wenn es um unsere Freundschaften geht. Das macht Freunde und Freundschaften nochmals bedeutungsvoller für uns, denn hier haben wir die Qualität unserer Beziehungen selbst in der Hand.“

Was ist das Geheimnis?

Ghania Ibelaidene: „Vertrauen, Respekt, Ehrlichkeit und Achtsamkeit. Vertrauen ist die Grundlage aller Beziehungen, aber in Freundschaften steigt der Stellenwert von Vertrauen deswegen so an, weil wir unseren Freunden oft die Dinge anvertrauen, die wir nicht einmal einem Seelsorger beichten würden. Respekt und Ehrlichkeit sind der Brennstoff.“

Ein wahrer Freund oder eine wahre Freundin sage, ob einem der Pulli wirklich steht, den man gerade gekauft hat. Sie fügt hinzu: „Freunde, die kritiklos alles hinnehmen, sind keine Freunde. Freundschaft braucht die Reibung, die durch Ehrlichkeit entsteht.“ Wichtig sei vor allem Respekt: „Er fängt dort an, wo wir uns gegenseitig einfach sein lassen, einander nicht verändern oder in ein Schema pressen. Und es geht mit dem Respekt vor den Lebensentscheidungen des anderen weiter.“

Zudem Achtsamkeit. „Ein Freund, der uns kennt, dem man nichts vorspielen kann, weiß, wie es uns wirklich geht, selbst wenn wir nach außen scheinbar fröhlich wirken. Achtsamkeit in den kleinen Dingen, die Hühnersuppe, die eine Freundin kocht, wenn man krank im Bett liegt. Diese kleinen Gesten der Freundschaften sind wertvoller als teure Geschenke und dramatische Gesten. Wer kennt das nicht: Man geht in ein Bewerbungsgespräch oder hat einen anderen wichtigen Termin und kurz vorher schickt ein Freund eine aufmunternde Nachricht oder einfach nur ein „Toi, toi, toi“. Diese kleinen Zeichen der Anteilnahme und Achtsamkeit machen eine Freundschaft zu einer einzigartigen Erfahrung.“

Wie wichtig sind sie?

„Freunde sind die Menschen, die einen in jedem Zustand und jeder Lebenslage gleichermaßen lieben, respektieren und unterstützen. Gerade in schweren Zeiten braucht jeder Mensch Zuspruch, Unterstützung, Trost. Aber auch in guten Zeiten wollen wir unsere Erfolge mit Menschen feiern und teilen. Menschen, die über Freunde verfügen, sind besser für die Herausforderungen des Lebens gewappnet.“ Zudem hätten sie auch noch eine andere Funktion, „die ausgesprochen wichtig für unsere Persönlichkeitsentwicklung ist.“ Sie fügt hinzu: „Es sind die Menschen, die einem die Wahrheit sagen können. Und sie sind unsere „Geheimniswahrer“ und unser Sicherheitsnetz. In Zeiten der häufigen Berufswechsel und zunehmender berufsbedingter Ortsveränderungen geben Freunde Sicherheit und Stabilität.

Der große Dichter George Bernard Shaw hat einmal gesagt: ’Freunde sind Gottes Entschuldigung für Verwandte.’“

Was tun, wenn eine Freundschaft zu zerbrechen droht?

„Wenn Sie einen Fehler gemacht haben, dann hilft nur eines: Farbe bekennen und Verantwortung übernehmen. Wenn ein Freund einen Fehler gemacht hat, dann gilt dasselbe. Egal, wie schwer es fällt und wie lange es dauert, ob Sie schreiben oder sprechen. Sagen oder schreiben Sie, was Sie bewegt.

Mindestens ebenso wie zu sprechen  ist es, zuzuhören. Die Regel lautet: Statt Vorwürfen und „Du-Botschaften“ lieber von sich selbst sprechen. „Ich bin enttäuscht, ich bin traurig“, und nicht „Du hast mich enttäuscht“. Druck auszuüben, Ultimaten zu stellen oder übereinander, statt miteinander zu sprechen, sind der sichere Weg in das Ende einer Freundschaft, wenn diese sowieso belastet ist.“

Was sollte eine Freundschaft  ertragen können? 

Die Expertin: „Nur so viel wie der Einzelne auch selbst tragen kann. Man kann von Freunden nicht alles verlangen, denn nicht jeder kann geben, was man gerade braucht. Beispiele für Themen, die eine Freundschaft schwer belasten können sind Tod, Trauer, Krankheit. Es gibt Menschen, die mit dem Tod und dem Sterben nicht umgehen können. In solchen Fällen ist es besser, den Freund nicht zu belasten, sondern sich professionelle Unterstützung durch einen Sterbebegleiter zu holen. Freunde sind keine Hilfstherapeuten. Wenn Menschen an schweren psychischen Erkrankungen leiden, dann gehört das immer in die Hände eines Therapeuten. In solchen Fällen können Freunde einen nur begleiten, aber die Grenzen der eigenen Gesundheit müssen natürlich bei aller Freundschaft gewahrt bleiben. Es nutzt keinem, wenn ein Freund aus lauter Solidarität in die Selbstauflösung geht, um einen „zu retten“.

Grundsätzlich kann man sagen, dass die Grenzen der Freundschaft dort sind, wo die Arbeit eines professionellen Helfers anfängt.“

Erkennen Sie diesen Kumpeltyp wieder?

Der Eigenbrötler

Er ist nicht so gerne mit anderen zusammen. Deren Marotten machen ihn irre, er ist daher lieber alleine. Nachteil: Diese Einstellung macht einsam. Rat: Wenn dieser Kumpeltyp  auch nur einen guten Freund haben sollte, dann sollte er diese Freundschaft ab jetzt pflegen! Ein sonntäglicher Anruf – das reicht schon.

Der Netzfreund

In der virtuellen Welt sammelt er Freunde wie andere Leute Panini-Bildchen, aber im Kontakt mit den realen Mitmenschen hapert’s. Freunde, die man nur auf Facebook „trifft“, sind keine Freunde, allerhöchstens entfernte Bekannte. Rat: Ermuntern Sie ihn, mal wieder  mit den echten Freunden auszugehen.

Der Berechnende

Zur Freundschaft gehört es auch, dass man sich in Notsituationen hilft. Klar, das darf nicht in Ausnutzen ausarten. Aber jede gute Tat gegeneinander aufzurechnen, bringt ebenso nichts. Etwas für einen Kumpel zu tun und mal nichts dafür zu erwarten, das ist wahre Freundschaft. Ewiges Aufrechnen hat hier nichts zu suchen.

Der Dosierte

Er braucht seinen Freiraum, das ist in Ordnung. Denn wer  ständig aufeinander klebt, streitet mehr.  Nähe und Abstand sind  für den Dosierten im Wechsel wichtig. Wenn er das seinen Freunden transparent macht und offen sagt: „Hey, ich brauche gerade Zeit für mich“, wird ihm keiner böse sein und ihn als ehrlichen Typ schätzen.

Best friend forever

Dieser Typus ist wirklich immer da, wenn Freunde ihn brauchen. Er zählt nicht jeden beliebigen Bekannten zu seinen Freunden, aber ist man im elitären Kreis angekommen, dann ist das in Stein gemeißelt. Mit ihm kann man einfach Pferde stehlen. Eben ein BFF – best friend forever (bester Freund für immer). Klasse!

Der extrem Anhängliche

Man kann es auch übertreiben. Ständiges Aufeinanderhocken, Telefon-Terror und Budengerenne bei Freunden. Das kommt  nicht gut an. Wenn sich manche dann zurückziehen, könnte es daran liegen, dass dieser Freund wie eine Klette an einem klebt. Rat: Die Aufmerksamkeit lieber auf mehr Freunde verteilen.

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