Frauen dominieren den Schlager

Alles tanzt nach ihren Stimmen

Der KURIER erklärt den Erfolg von Helene & Co.

Marcus Böttcher
Lesezeit 5 Min
Sängerin Helene Fische ist die Schlager-Queen.

Sängerin Helene Fische ist die Schlager-Queen.

© dpa

Pure Lebensfreude trifft Riesen-Geschäft. Die Lust auf Schlager ist ungebrochen. Starke zehn Prozent des Umsatzes der Musikindustrie erwirtschafteten Schlager und Deutsch-Pop im vergangenen Jahr, die Grenzen zwischen den beiden Musikrichtungen sind fließend.

Die Anzahl der Schlagerproduktionen in den von GfK Entertainment wöchentlich ermittelten offiziellen deutschen Album-Charts hat sich innerhalb der letzten drei Jahre nahezu verdoppelt. Allein 2015 waren 60 Schlager-Alben in den Top 100 platziert, TV-Shows werden in gigantischen Hallen mit mehr als 10.000 Zuschauern produziert, die Sendungen von Florian Silbereisen oder Carmen Nebel erreichen am Abend Traum-Quoten.

Was aber ist das Geheimnis des Schlagers? Woher kommt dieser Erfolg? Schließlich haftete ihm vor noch gar nicht allzu langer Zeit ein verstaubtes Image an. Heute ist er frisch, modern, zukunftsorientiert – und funktioniert. Das zeigen die Verkaufs- und Absatzzahlen. Der KURIER möchte es in Kooperation mit „radio B2 Deutschlands Schlager-Radio“ (UKW 106,0) genauer wissen, will das „Phänomen Schlager“ verstehen.

Was aber macht die Frauen so besonders? 

Gesprochen haben die Reporter mit Plattenfirmen-Bossen, Schlagerradio-Chefs, Stars, die seit Jahrzehnten in der Branche singen, Newcomern, Party-Veranstaltern, Politikern, Musikwissenschaftlern – heraus kam der zweite Teil der großen Schlager-Serie über Millionen, Macher und Moneten.

Und die macht vor allem das weibliche Geschlecht. Frauen dominieren die Schlagerszene, sie sind die Superstars, alles tanzt (wortwörtlich) nach ihren Stimmen. Was aber macht die Frauen so besonders?

Das Können: Der Gesang ist bei allen meisterhaft. Und doch gibt es eine Königin, die über allem schwebt. Helene Fischer. Vor wenigen Tagen erschien ihr neues Album. Die wichtigste Musikveröffentlichung des Jahres. Die Standard-Variante kostet 12,99 Euro, die limitierte Fanbox gibt es für 33,99 Euro. Viel Geld, dass ihre Fans gern ausgeben.

Vanessa Mai nimmt derzeit an der RTL-Sendung „Let’s Dance“ teil. Ihre Fans machen sich Sorgen, sie wiegt wegen der sportlichen Belastung nur noch 48 Kilogramm.

Vanessa Mai nimmt derzeit an der RTL-Sendung „Let’s Dance“ teil. Ihre Fans machen sich Sorgen, sie wiegt wegen der sportlichen Belastung nur noch 48 Kilogramm.

© imago/Sven Simon

Helene Fischer ist nicht die einzige Frau, die die Schlagerszene aufmischt.

Fischer legte mit dem neuen Album den besten Charts-Start seit Herbert Grönemeyer im Jahr 2002 hin. Mit 300.000 verkauften Einheiten ist es der erfolgreichste Albumstart der letzten 15 Jahre. In den Single-Charts platzierte die 32-Jährige sich mit gleich drei Liedern: auf Platz 18 mit „Herzbeben“, auf Rang 19 mit „Flieger“ und auf Platz 50 mit dem Lied „Nur mit dir“.

Helene Fischer aber ist nicht die einzige Frau, die die Schlagerszene aufmischt. Andrea Berg (51) verkaufte mehr als 13 Millionen Tonträger, ihr „Best of“ aus dem Jahr 2001 hält mit 347 Wochen den Rekord für die längstplatzierte LP aller Zeiten in den deutschen Charts.

Beatrice Egli (28) schüttelte das Castingsieger-Image ab, produzierte vier Alben, hat mittlerweile auch die Millionen-Verkaufs-Marke geknackt, geht auf internationale Tournee (am 17. Juni in der Waldbühne). Und auch für Schlager-„Küken“ Vanessa Mai könnte es nicht besser laufen. Sie bekam im vergangenen Jahr den Echo in der Kategorie Schlager.

Helene Fischer wirkt perfekt und ohne jeden Makel

Beatrice Egli, die Metzgertochter aus Pfäffikon. Die 28-Jährige schüttelte ihr DSDS-Image ab. Ihre ersten beiden Platten nach dem Castingshow-Sieg produzierte sie mit Pop-Titan Dieter Bohlen.

Beatrice Egli, die Metzgertochter aus Pfäffikon. Die 28-Jährige schüttelte ihr DSDS-Image ab. Ihre ersten beiden Platten nach dem Castingshow-Sieg produzierte sie mit Pop-Titan Dieter Bohlen.

© imago/STAR-MEDIA

Das Aussehen: Schön sind alle, medial damit gut zu vermarkten. Attraktive Frauen sieht sich jeder gern an. „Auf unterschiedliche Art und Weise spielt die Optik eine bedeutsame Rolle“, so Musik-Experte Ingo Grabowsky. Der Mann, der „Professor Schlager“ genannt wird, sieht da besonders Helene Fischer im Vorteil: „Sie ist in ihrer an Makellosigkeit grenzenden Erscheinung ein dem Alltagsleben der meisten Fans entrückter Star.

Vermutlich wird sie deswegen von den Frauen nicht als Konkurrenz empfunden“, so Grabowsky. „Weil klar ist: Helene ist als nahezu perfekte Erscheinung für den Freund oder Ehemann außerhalb jeder Erreichbarkeit.“

Präsenz: Betritt Beatrice Egli einen Raum, scheint die Sonne. Das bestätigen Kollegen, Manager, Plattenbosse, Journalisten, Fans. Ihr Strahlen steckt an, und das funktioniert auf der Bühne. Laut Grabowsky ist auffallend, „dass das von vielen Künstlerinnen besungene Bild der schwachen, sich nach ihrem Mann oder Liebhaber sehnenden Frau nicht dem nahezu überbordenden Selbstbewusstsein entspricht, das gerade die erfolgreichen Schlagerfrauen im hohen Maße zu besitzen scheinen.“

Disziplin: Besitzen ebenfalls alle. Wie stark diese bei den erfolgreichen Frauen ausgeprägt ist, zeigt Vanessa Mai. Die 25-Jährige, die am 15. Juli beim radio B2 Schlagerhammer auf der Rennbahn Hoppegarten auftritt, ist Favoritin der aktuellen „Let’s dance“-Staffel. Für die RTL-Sendung trainiert die Sängerin neun Stunden täglich, wiegt nur noch 48 Kilogramm.

Disziplin braucht jeder Schlager-Star

Nicht immer geht alles gut: Wie gerade Helene Fischer erleiden musste. Beim DFB-Pokalfinale, beim gellenden Pfeifkonzert im Olympiastadion. Zwar richtete sich dieses nicht gegen Helene als Person oder die Musik an sich, sie bekam aber die Wut der Fans auf die fortschreitende Kommerzialisierung des Fußballs zu spüren.

Helene trafen die Pfiffe, aber sie ist professionell genug, diese wegzustecken. „Da muss ein Musiker vielleicht auch mal durch“, sagte sie hinterher. Fischer wird an dem Erlebten wachsen. Fischers Disziplin, die die anderen erfolgreichen Damen auch haben, ist bemerkenswert. Nach einer Auszeit ist sie wieder voll auf ihren Job fokussiert. „Generell ist in meinem Job Disziplin wichtig“, sagte sie kürzlich.

Helene Fischer ist die Schlagerkönigin

69 Auftritte stehen in der kommenden Tour an. „Ich werde zum ersten Mal mit den Akrobaten vom Cirque du Soleil zusammenarbeiten. Das bedeutet natürlich auch: Disziplin im sportlichen Sinne. Da wird sicherlich einiges von mir abverlangt.“

Im Sommer 2018 kehrt Helene Fischer an den Ort ihrer größten beruflichen Niederlage zurück – am 8. Juli tritt sie im Olympiastadion auf. Als Frau, die es gepackt hat. Als Megastar. Als Schlagerkönigin. Und alles wird nach ihrer Stimme tanzen.  

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