Monate, vielleicht nur noch Wochen: Wie viel Zeit ihr bleibt, will Franziska Hutschenreuther nicht wissen. „Dieses Wissen würde mir die Kraft zum Kämpfen nehmen! Wäre ich 85, wäre mir alles egal. Aber ich habe einen Sohn, der nicht schon mit fünf Jahren seine Mutter verlieren soll. Darum muss ich kämpfen“, sagt die Frau.
Sie ist zehn Jahre alt, als ihre Leidensgeschichte beginnt. „Die Ärzte diagnostizierten bei mir Krebs im linken Lungenflügel“, sagt Hutschenreuther. Ein Jahr fehlte sie in der Schule – wegen der Strahlentherapien, die sie im Krankenhaus Buch bekam. „Ich hatte keine Angst, dachte, es wird alles gut. Wurde es ja auch. Der Tumor war nach Bestrahlungen und Chemo weg“, sagt sie. „Nach ständigen Nachsorgeuntersuchungen galt ich zehn Jahren später als geheilt.“
Ehemann Ronny unterstützt Franziskas Kampf gegen den Krebs – auch für den gemeinsamen Sohn Hugo-Frederik.
© AKUD/Lars Reimann
Hutschenreuther glaubt, den tödlichen Feind im Körper für immer besiegt zu haben. Sie führt ein schönes Leben. Als Anwaltsnotargehilfin hat sie einen guten Job, reist viel, lernt ihren späteren Mann Ronny (49) kennen. 2012 kommt ihr Sohn Hugo zur Welt. Ein Wunschkind.
Doch plötzlich ist der Feind wieder da. Nach fast 30 Jahren meldet er sich in Form eines faustgroßen Tumors zurück, der sich bei der Frau nun im rechten Lungenflügel eingenistet hat. „Es war, als würde man mir den Boden unter den Füßen wegziehen, als ich Ende 2015 die Diagnose erfuhr“, sagt Hutschenreuther. Wieder Chemo, wieder Bestrahlungen. Im Sommer 2016 wird der Tumor samt betroffenem Lungenteil entfernt.
„Ich kämpfe – bis zum Schluss.“
Ein Jahr später erfährt sie: „Der Tumor hat gestreut. Mein Kopf ist voller Metastasen“, sagt Hutschenreuther. Sie bekommt nun Immuntherapien, die die Krebszellen stoppen sollen. „Bisher ohne Erfolg“, sagt die Frau. „Meine Ärzte wissen nicht weiter. Sie sagen, ich bin austherapiert. Ich war wütend, habe geweint. Dann traf ich den Entschluss: Ich kämpfe – bis zum Schluss.“
Die Frau erkundigt sich verzweifelt nach neuen Therapien, versucht es mit Akupunktur, für die sie monatlich 400 Euro zahlt. Als das nicht hilft, kontaktiert sie bundesweit einen Krebs-Experten nach dem anderen. Von einigen bekam sie teure Medizin, die nicht den erhofften Erfolg brachte. Sogar bei einer Privatklinik wurde sie vorstellig, dort verlangten die Ärzte 5000 Euro für eine Operation.
Momentaufnahmen eines Lebens, das geprägt ist vom Kampf gegen den Krebs.
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Doch ihre gesetzliche Krankenkasse bezahlt nicht jede neue Therapie, OP oder Arznei. „Weil deren Erfolg nicht immer eindeutig nachgewiesen ist“, sagt ein Sprecher des GKV-Spitzenverbandes. „Denn Krebs-Patienten sind nach dem aktuellen Forschungsstand gut versorgt.“ Im Klartext: Wer von ihnen andere Therapien in Anspruch nehmen will und nicht privat versichert ist, muss sie selber bezahlen.
Dies kann Franziska Hutschenreuther aber nicht auf Dauer. Wegen ihrer Krankheit geht sie nicht mehr arbeiten, soll bald Rente bekommen. Geld von ihrem Mann fehlt auch. Er ließ sich als Kraftfahrer für zwei Jahre von der Firma beurlauben, um den Kampf seiner Frau zu unterstützen. In ihrer Not startete das Paar auf Facebook die Spendenseite „Franziska soll leben“. „Viele Freunde unterstützen uns finanziell“, sagt Hutschenreuther. „Ohne sie wären wir längst abgerutscht.“
Alte Fotos erinnern Franziska an die schönen Zeiten.
© privat
Franziska Hutschenreuthers Schicksal ist kein Einzelfall, weiß die Berliner Krebsgesellschaft. „Viele austherapierte Patienten kommen zu uns in die kostenlose Beratung, weil sie sich mit der Diagnose nicht abfinden wollen“, sagt Sprecherin Maren Müller. Über vier Millionen Deutsche leben mit der heimtückischen Krankheit.
„Das Thema Krebs betrifft uns alle, auch wenn wir von der Krankheit nicht selbst betroffen sind“, sagt Müller. „Jeder kennt einen Fall in der Familie, im Freundes- oder Kollegenkreis. Man muss sich dazu nur die aktuellen Zahlen ansehen.“
Jährlich 15.000 neue Fälle
Diese Zahlen gab das Statistische Landesamt zum Weltkrebstag (4. Februar) für Berlin heraus. 2016 wurden in den Kliniken der Hauptstadt 51.228 Frauen und 52.185 Männer wegen dieser Krankheit behandelt. Ein Anstieg von 17 Prozent innerhalb von zehn Jahren. Etwa 15.000 neue Fälle kommen jährlich dazu. Das Schlimme: Krebs ist mittlerweile nach Herz-Kreislauferkrankungen die zweihäufigste Todesursache in der Hauptstadt. Fast jeder Vierte stirbt daran.
Franziska Hutschenreuther will leben. Neue Hoffnungen knüpft sie nun an einen Spezialisten in Erfurt. Es gibt Augenblicke, da vergisst die Mutter sogar ihre Krankheit, die Schmerzen. Immer dann, wenn sie ihrem Sohn Hugo abends eine Gute-Nacht-Geschichte über Dinosaurier erzählt oder aus einem Buch vorliest. Dann schöpft sie neuen Mut, dass sie den Kampf vielleicht doch irgendwann gewinnen wird.
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