Junge für Dreharbeiten gesucht. Besondere Merkmale: witzig und eher rundlich.“ So lautete der Text zu Deutschlands härtestem Kinder-Casting mit rund 5000 Kandidaten, das lange nicht, aber dann doch ein Happy End fand. Ein gelungenes.
Denn die Premierengäste der Filmbiografie „Der Junge muss an die frische Luft“ (ab 25. Dezember im Kino) erlebten vergangene Woche in der Essener Lichtburg einen besonderen Moment: Hape Kerkeling drückte Julius Weckauf ganz fest an sich. Dabei glühten die Wangen des jungen Hauptdarstellers voller Freude – und Stolz.
Über den Jungen, der ihn als Kind nun eindrucksvoll auf der Leinwand verkörpert, sagte der 54-jährige Entertainer: „Julius ist ein kleines Wunder: Er ist smart, clever, charming, witzig, und er ist auch noch diszipliniert und sehr begabt. Als hätte man ihn sich gebacken.“ Der Schauspielneuling Julius Weckauf lässt die Kindheit von einem der größten Unterhaltungskünstler des Landes wieder lebendig werden.
Roy Black zwischen Party-Schnittchen und Eierlikör
1972 im westfälischen Herten-Scherlebeck: Da wird der spätere Hape noch Hans-Peter gerufen. Seine moppelige Statur ist Fußball-untauglich, und der Achtjährige rauft sich auch nicht gerne mit den Jungs aus der Nachbarschaft.
Hape Kerkeling als Horst Schlämmer.
© Imago/IPON
Stattdessen zeigt sich früh ein anderes Talent: Hans-Peter schlüpft in Frauenkleider, um die Macken seiner Tanten oder der drallen Kundinnen aus dem Lebensmittelladen seiner „Omma“ zu imitieren.
Wenn er Roy Blacks Schlager „Du bist nicht allein“ zum Besten gibt, kringelt sich die Familie vor Lachen in ihrer Wohnzimmergemütlichkeit zwischen Party-Schnittchen und Unmengen an Eierlikör.
Eine Herzensangelegenheit für Caroline Link
Der Regisseurin, Oscar-Preisträgerin Caroline Link („Nirgendwo in Afrika“), ist diese Welt sehr vertraut: „Wir sind beide Jahrgang 1964. Hape wuchs am ländlichen Rand des Ruhrgebiets auf, ich im kleinen hessischen Bad Nauheim. Die Beschreibung seiner schrulligen Familie, dieses Milieu der einfachen Leute, kenne ich genau.“
Die Verfilmung von Kerkelings Bestseller-Biografie aus dem Jahr 2014 war für die Gastwirtstochter eine Herzensangelegenheit: „Als Jugendliche träumte ich von einem Beruf, in dem ich mit Kindern zu tun habe. Nun, das hat sich irgendwie erfüllt.“
Das passende Kind zu finden, war zunächst jedoch schwerer als gedacht.
Nach monatelangen Testaufnahmen in ganz Deutschland drängte sich kein Bewerber auf. Und echt lustige Jungen waren einfach zu schlank für die Rolle.
Und dann kam Julius
Dann half ein Zufall. „Julius’ Eltern haben einen Schreibwarenladen in der Nähe von Mönchengladbach“, erzählt Link, „eine Kundin hatte ihnen von einem Casting-Aufruf im Radio erzählt.“ Ein Junge aus Nordrhein-Westfalen, der die passende Sprachfärbung mitbringt: Es sind nicht die einzigen Parallelen.
Schauspieler Julius Weckauf, der den jungen Hape Kerkeling im Film „Der Junge muss an die frische Luft“ spielt.
© Caroline Seidel/dpa
Julius Weckauf: „Die schönsten Szenen sind immer die, wenn ich Streuselkuchen essen darf, den Hans-Peter sehr oft bekommen hat. Streuselkuchen ist auch mein Lieblingskuchen.“
Während sich Hape Kerkeling für seine hohe Kunst der liebenswerten Parodie in Großmutters Ruhrpott-Eckladenwelt schulte, nutzte auch Julius Weckauf den Tresen früh als Bühne für kleine Gags und Gesangsdarbietungen. Die Stammkundin, die das bemerkte, ermunterte die Weckaufs schließlich, ihren Sohn fürs Vorsprechen anzumelden.
Eine stark von Frauen geprägte Familie
Caroline Link: „Julius hat mich überzeugt, als er ein ziemlich kompliziertes Lied, bei dem er zwei verschiedene Rollen gleichzeitig spielen musste, sehr lustig umgesetzt hat. Da war mir klar: Julius ist ein schlaues Kerlchen. Auch wenn er über keinerlei Filmerfahrung verfügte, würde seine schnelle Auffassungsgabe das problemlos kompensieren.“
Hape Kerkeling war stark in das Projekt eingebunden. Und er traf auch früh Julius. „Bei ihrer Begegnung habe ich gemerkt, wie sehr es Hape rührte, Julius kennenzulernen: ‚Du wirst ich sein!‘“, erinnert sich Link. „In unseren Gesprächen habe ich neben Hapes Schmunzeln und seinem Schalk auch ein Stück weit seine Verletzung lieben gelernt.“
Hans-Peter Kerkeling wächst in einer stark von Frauen geprägten Familie auf. Die von Joachim Król und Rudolf Kowalski gespielten Großväter sind warmherzige, doch zugleich gebrochene Männer der Kriegsgeneration.
Regisseurin Caroline Link.
© Caroline Seidel/dpa
Vater Heinz (Sönke Möhring) ist meistens auf Montage und mit dem Umstand, dass seine Frau Margret (Luise Heyer) an Depressionen leidet, überfordert.
So setzt Hans-Peter sein komödiantisches Talent zunehmend dazu ein, seine traurige Mutter im Alltag aufzumuntern. Doch den Selbstmord kann er nicht verhindern, und dieses Erlebnis prägt das Leben des Jungen, dem seine kapriziöse lebenslustige Großmutter Änne (Hedi Kriegskotte) prophezeit: „Aus dir wird einmal etwas ganz Besonderes.“
Nach dem Tod von Oma Änne ist es die sanfte, lebenskluge Oma Bertha (Ursula Werner), die den mutterlosen Hans-Peter umsorgt – und ihn anders sein lässt. „Auch wenn hier jeder auf seine Art spinnt, ist es eine herzliche Geborgenheit, die Hape viel Liebe erfahren lässt“, sagt Link.
Detailverliebt im 70er-Jahre-Ambiente
Kerkelings anfängliche Angst, ob die Tonalität des Filmes nicht zu traurig werden könnte, habe sie ihm nehmen können: „Die Wunde nach dem Tod der Mutter hat Hapes Warmherzigkeit schließlich mitgeprägt, auch seine Sensibilität und seine Kraft. Es war ihm immer ein aufrichtiges Bedürfnis, Menschen lachen zu sehen. Humor, Blödsinn und Schmerz: Hape trägt das alles in sich, und deshalb ist er so nahbar und liebenswert für seine Fans. Er überhöht sich nicht, er bleibt einer von ihnen, trotz allen Erfolges.“
1987: Hape Kerkeling als Hannilein.
© imago/Horst Galuschka
Neben den Wurzeln des begnadeten Entertainers Hape Kerkeling zeichnet der Film „Der Junge muss an die frische Luft“ ein Bild vom Alltag in einer ganz normal verrückten Familie in der frühen Bundesrepublik. Detailverliebt im 70er-Jahre-Ambiente, atmosphärisch dicht, ans Herz gehend.
Und mit einem pfundigen Debütanten, von dem man noch viel erwarten darf.
Während der Dreharbeiten zog sich Hape Kerkeling immer mehr zurück. Der Entertainer: „Ich weiß nicht, wie Caroline das hinbekommt, aber alle Szenen sind voller Seele, ob sie komisch oder traurig sind. Irgendwann konnte ich mich entspannt zurücklehnen: Die ist Oscar-Preisträgerin – da halt ich jetzt einfach mal die Klappe!“
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