Feuerwehr-Notstand

Sie pfeifen aus dem letzten Schlauch

Ausnahmezustand wird häufiger ausrufen – weil die Personalsituation katastrophal ist!

Andreas Kopietz
Lesezeit 3 Min
Feuerwehrleute löschen den Brand an einem ehemaligen Pumpwerk an der Onkel-Tom-Straße.

Feuerwehrleute löschen den Brand an einem ehemaligen Pumpwerk an der Onkel-Tom-Straße.

© Paul Zinken/dpa

So einen Tag erleben Feuerwehrleute selten: Ein Großaufgebot wird zum Flughafen Tegel gerufen, weil ein Gefahrgutbehälter undicht ist. In Reinickendorf brennen zur selben Zeit mehrere Hallen eines Pferdehofs. An der Martin-Luther-Straße strömt Gas aus einem Hochdruckrohr. Auch die Krankenwagen des Rettungsdienstes sind mit allen möglichen Einsätzen voll ausgelastet. Und dann meldet auch noch der Deutsche Wetterdienst eine heranziehende Unwetterfront. Die Leitstelle verhängt den „Ausnahmezustand Rettungsdienst“ als auch den „Ausnahmezustand Wetter“.

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Den ersten Tag dieser Woche werden viele Feuerwehrleute nicht vergessen. In den vergangenen Tagen haben Unwetter und zeitgleich größere Löscheinsätze die Feuerwehr an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit gebracht: zuletzt noch mal am Mittwoch, als sie gegen 20.50 Uhr schon nach 40 wetterbedingte Einsätzen den Ausnahmezustand ausrief. Zum Schluss waren es 116 Einsätze.

Berliner Feuerwehr rief dieses Jahr bereits elfmal den Ausnahmezustand aus 

Das ist nicht besonders viel. In früheren Jahren gab auch schon Unwetter, die 250 oder 300 Einsätze zur Folge hatten. Dass die Feuerwachen immer öfter am Limit sind und den Ausnahmezustand ausrufen, sobald 80 Prozent der Fahrzeuge im Einsatz sind, lag in den vergangenen Tagen an der Häufung besonderer Einsätze, aber auch an der angespannten Personalsituation. Keine der 34 Berliner Feuerwachen hat die geplante Soll-Stärke ihrer Einsatzkräfte. Hinzu kommt, dass die von der EU vorgeschriebene Senkung der Wochenarbeitszeit die Zahl der täglich verfügbaren Feuerwehrleute von 596 auf 500 gesenkt hat.

Im Dong Xuan Center benötigten 250 Feuerwehrleute mehrere Stunden zum Löschen. 

Im Dong Xuan Center benötigten 250 Feuerwehrleute mehrere Stunden zum Löschen. 

© Eric Richard

In diesem Jahr hat die Feuerwehr nach eigenen Angaben elfmal den Ausnahmezustand ausgerufen: Sechsmal im Rettungsdienst, viermal aufgrund von Unwetter, und einmal – am vergangenen Montag – zeitgleich aus beiden Gründen. Ausnahmezustand bedeutet, dass Notrufe nicht mehr nach der Reihenfolge ihres Eingangs bearbeitet werden, sondern nach Dringlichkeit. Wenn ein Menschenleben bedroht ist, fahren die Retter dort zuerst hin. Wer wegen eines vollgelaufenen Kellers anruft, muss dann warten. Ist der Ausnahmezustand ausgerufen, werden die Freiwilligen Feuerwehren zur Unterstützung alarmiert.

Personalmisere bei der Berliner Feuerwehr soll sich durch Neueinstellungen ändern

Manchmal ist die Feuerwehr auch kurz davor, den Ausnahmezustand zu verhängen – etwa am 27. Juli. An diesem Tag war zum einen der Christopher Street Day zu betreuen. Zum anderen gab es in Prenzlauer Berg einen Dachstuhlbrand, der 80 Einsatzkräfte band, und in Grünau brannte der Wald, wo 50 Feuerwehrleute eingesetzt waren. Freiwillige Feuerwehrleute mussten die verwaisten Wachen besetzen.

Die Personalmisere soll sich durch Neueinstellungen ändern. Im vergangenen und diesem Jahr gab es 354 neue Stellen, mehrere Hundert sind für den neuen Haushalt angemeldet. „Wir müssen durch dieses Tal durch“, sagt Feuerwehrsprecher Thomas Kirstein. „Aber mit jedem frischen Jahrgang, der von der Feuerwehrschule kommt, werden wir die Personaldefizite weiter auffüllen.“

Hauptbrandmeister Oliver Mertens: „Versäumnisse lassen sich so schnell nicht aufholen“

Oliver Mertens, Hauptbrandmeister und Vize-Chef der Gewerkschaft der Polizei, ist der Meinung, dass die Talsohle wegen der bevorstehenden Pensionierungen noch nicht erreicht ist: „Wir haben zwar die Einstellungszahlen hochgefahren, aber sind jahrelang auf Verschleiß gefahren worden. Diese Versäumnisse lassen sich so schnell nicht aufholen. Wir sind längst an der Grenze unserer vorhandenen Ausbildungskapazitäten. Das wird uns noch Jahre begleiten.“

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