Felicitas Schirow (59)

Berlins berühmteste Hure - alle Träume verpufft

Die Kämpferin für die Rechte von Prostituierten steht vor dem Nichts.

Rolf Kremming
Lesezeit 5 Min
Einst war Felicitas Schirow eine erfolgreiche Unternehmerin. Ihr bordellartiges „Café Pssst!“ in Wilmersdorf war europaweit bekannt. 

Einst war Felicitas Schirow eine erfolgreiche Unternehmerin. Ihr bordellartiges „Café Pssst!“ in Wilmersdorf war europaweit bekannt. 

© Kremming

Es duftet nach Kaffee und Kuchen. Kinder lachen, sie spielen verstecken. Die Sonne scheint durch das Terrassenfenster. Die Sonntagsidylle täuscht.
Es ist kühl im Haus, der provisorische Elektro-Ofen heizt nur spärlich. Ein Berg von Kartons und Kisten versperrt den Weg zu Sofa und Sessel. Altlasten aus ihrer zerbrochenen Ehe.

Felicitas Schirow (59), Berlins streitbarste Hure, steht vor dem Nichts. „Seit 17 Monaten stapeln sich die Sachen meines Noch-Mannes im Haus. Das Gericht hat ihm bis Ende Juni Zeit gegeben die Dinge abzuholen.“

Dann wären da noch die fünf Aktenordner auf dem Tisch zu erwähnen, vollgestopft mit Anwaltsschreiben und der Korrespondenz mit dem Jobcenter – alles Ablehnungsbescheide wegen mangelnder Mitwirkung.

„Dabei habe ich jedes Formular ausgefüllt“, beteuert Felicitas Schirow. „Angeblich wäre nichts angekommen oder die Unterlagen seien nicht vollständig gewesen.“ Sie schneidet drei Stücke Torte ab und reicht sie den Kindern. „Habe ich gestern selbst gebacken!“ Dann versucht sie, dem Elektro-Ofen etwas mehr Wärme zu entlocken.

Erster Schritt ins Sexgewerbe mit 16

Ein Blick zurück: Den ersten Schritt ins Sexgewerbe machte Felicitas mit 16 Jahren. Auf dem Weg in die Disco sah sie in der Kurfürstenstraße Straßenhuren stehen. „Eine von ihnen trug eine schicke Kaninchenfelljacke. So eine wollte ich auch haben. Nachdem mich ein paar Männer nach meinem Preis gefragt hatten, sagte ich eines Abends keck ,50 Mark!’ und ging mit.“

Nach der Kaninchenfelljacke kamen weitere Wünsche, die sie sich auch später von ihrem Gehalt als Krankenpflegehelferin nicht leisten konnte. Als Hure konnte sie.

Felicitas Schirow

Felicitas Schirow

© Kremming

„Es gab Zeiten, da hatte ich 100.000 Euro auf meinem Konto. Plus, versteht sich. Das Geld war für einen neuen Laden gedacht. Heute habe ich Schulden in gleicher Höhe und keine Ahnung, wie ich sie jemals wieder loswerde.“
An manchen Tagen fühlt sich Felicitas Schirow, als zöge ihr jemand den Boden unter den Füßen weg und sie stürze in die Tiefe. „Ich wache nachts schweißgebadet auf und habe Angst vor der Zukunft – und dass mir mein Kind weggenommen werden könnte.“

„Café Pssst!“ europaweit bekannt

Es ist noch gar nicht lange her, da war sie eine erfolgreiche Unternehmerin. Ihr „Café Pssst!“, Treffpunkt von Männern und Frauen, die für Geld Zweisamkeit auf Zeit genießen wollten, war europaweit bekannt. Talkshows rissen sich um sie. Selbst Alice Schwarzer zollte ihr Respekt.

„Ich plante den Umbau des Cafés und hatte den Auftrag bereits an eine Baufirma vergeben“, erzählt Felicitas Schirow. Dann kam die Finanzkrise, und selbst bei der schönsten Sache der Welt wurde nun kräftig gespart. Sie kam in Zahlungsnot, stoppte den Umbau. Die Ehe kriselte. Und ging vor zwei Jahren in die Brüche.

Von einem Tag auf den anderen ohne jegliches Einkommen

„Das Ende unserer Beziehung riss mich in ein tiefes finanzielles Loch“, sagt Felicitas Schirow. Sie musste ihre Lebensversicherung auflösen, weil das Finanzamt eine Umsatzsteuernachzahlung von 200.000 Euro verlangte.
„Später zahlte ich die Miete für mein Café nicht immer pünktlich und wurde wegen verspäteter Mietzahlungen gekündigt.“ Am 20. November 2015 kamen die Möbelpacker mit Umzugskartons und Sackkarre. Ein fast 18 Jahre alter Traum ging zu Ende.

„Von einem Tag auf den anderen war ich ohne jegliches Einkommen und konnte die elementarsten Dinge des Lebens nicht mehr bezahlen.“ Sie verkaufte ihr Haus, um der Zwangsversteigerung zu entgehen. Und sie verpfändete ihr Auto, damit sie eine Reitlehrerausbildung bezahlen konnte. „Es war, als säße ich in einer nur abwärts fahrenden Achterbahn.“

Jetzt scheint sich die Achterbahn in die letzte Kurve zu legen, um noch weiter nach unten zu rasen. So jedenfalls empfindet sie es. Doch sie will auch glauben, dass es nach abwärts wieder aufwärts geht. Sie ist ein „Stehauffrauchen“.

Das war auch vor 17 Jahren so, als der Wilmersdorfer Baustadtrat ihr „Café Pssst!“ schließen wollte. Sie klagte, das Verwaltungsgericht gab ihr Recht. Ihr Kampf führte sogar zur beruflichen Anerkennung der Prostitution, mit Krankenversicherung und allem Drum und Dran.

„Damals glaubte ich, unverwundbar zu sein“, sinniert sie. „Ich war stolz auf das, was ich für die Frauen in meinem Gewerbe erreicht hatte.“

Nur eines blieb ihr verwehrt: ein Kind. Die letzte Möglichkeit waren mehrere Kinderwunschbehandlungen. Kostenpunkt: 50.000 Euro. Ihr Sohn ist heute neun Jahre.

Vor gut einem Jahr trat Felicitas Schirow den schweren Gang zum Jobcenter an. Der Ablehnungsgrund für ihren Hartz-IV-Antrag: Scheinverkauf des Hauses. Sie hatte es im März 2016 veräußert, blieb darin als Mieterin wohnen. „Sie behandeln mich wie eine Sozialschmarotzerin! Dabei habe ich doch jahrelang Steuern gezahlt!“

Flüchtlingsfamilie aus Syrien aufgenommen

Um ihre Miete zu verringern, hat Felicitas Schirow eine Flüchtlingsfamilie aus Syrien aufgenommen: eine Mutter mit zwei Kindern. Die Miete, die sie zahlen, wird ihr als Einkommen angerechnet.

Außerdem wirft das Amt ihr vor, sie habe nicht deutlich gemacht, dass sie und ihr Sohn von Wohnungslosigkeit bedroht sind.

Unaufgeräumt ist derzeit das Leben von Felicitas Schirow. Zu Problemen mit den Behörden kommen Altlasten ihrer Ehe. Immerhin hat ihr Noch-Mann diese Sachen jetzt abgeholt.

Unaufgeräumt ist derzeit das Leben von Felicitas Schirow. Zu Problemen mit den Behörden kommen Altlasten ihrer Ehe. Immerhin hat ihr Noch-Mann diese Sachen jetzt abgeholt.

© Kremming

„Muss ich mit meinem Sohn erst unter der Brücke schlafen, damit mein Antrag bewilligt wird?“, schimpft sie. „Oder soll ich als fast 60-Jährige wieder als Prostituierte arbeiten?“ Aus Sorge und Verzweiflung ist Wut geworden.
Inzwischen wurde ihr das Gas abgestellt. Damit wenigsten die Kinder warm duschen können, hat sie eine Campingdusche mit Gasflasche besorgt.

Der Hortplatz in der Schule wurde gekündigt. Deshalb muss sie mittags zu Hause sein, Essen für ihren Sohn kochen und mit ihm Hausarbeiten machen. Die Zeit fehlt ihr, um mit Reitstunden Geld zu verdienen.

Trotz allem träumt sie davon, schon bald eine kleine Reitschule aufbauen zu können, so dass sie für ihren Sohn und sich selbst wieder sorgen kann.

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