Fans im Rededuell

„Habe in Stuttgart alles erlebt, was ich nicht will“

Die Union-Fans Tommy (55) und Zimmi (51) diskutieren über die Bundesliga.

Dajana Rubert
Lesezeit 4 Min
Im Rede-Duell sprechen die Union-Fans Tommy (55) und Zimmi (51) über die Bundesliga – mit zwei völlig unterschiedlichen Meinungen

Im Rede-Duell sprechen die Union-Fans Tommy (55) und Zimmi (51) über die Bundesliga – mit zwei völlig unterschiedlichen Meinungen

© Rubert

Der KURIER setzte zwei an einen Tisch und spielte Mäuschen. Sie sind Freunde seit den frühen Achtzigern. Sind beide Mitglieder im Fanclub Wildauer Kickers. Und doch haben sie zum Thema Bundesliga komplett unterschiedliche Meinungen.

Tommy: „Ich habe in Stuttgart alles erlebt, was ich nicht will. Ich stand ganz außen am Zaun zum Heimbereich. Es kam gefühlt 20 Mal pro Halbzeit irgendein Verkäufer vorbei. Ein Fräulein mit Brezeln, ein Typ mit Bier, Programmhefte hier und dort wieder was anderes. Wollen sie dies? Nein, ich will Fußball gucken!

Wollen Sie das? Nein, ich will Fußball gucken. Dazwischen diese endlose Anmache vom Stadionsprecher in einer Lautstärke, die kaum zu ertragen war. Die Ecke wird präsentiert von Hinz, der Einwurf von Kunz und, und, und. Alles, was ich nicht bei uns haben will, war in Stuttgart.“

Zimmi: „Aber da liegt es doch an uns, die Liga anders zu rocken. Wir müssen doch nicht den VfB Stuttgart oder den VfL Wolfsburg nachmachen. Die Frage ist doch, was wir den Jungchen weitergeben und was wir in die anderen Stadien transportieren.

Wir können doch auch in der Bundesliga zeigen, dass Fußball auch anders sein kann. Ohne 90 Minuten Werbebeschallung, Gewinnspiel, Halbzeitspiel.“

Tommy: „Wir halten den Umschwung doch jetzt schon kaum noch aus. Wir Alten ja. Aber die Neuen? Wir singen im Block „Unsere Farben sind Weiß und Rot, wir bleiben treu bis in den Tod“ und trotzdem läuft auf der Waldseite jemand mit einer blauen Jacke mit weißen Streifen rum. Das ist doch krank. Sowas gab es früher nicht.“

Zimmi: „Trotzdem können wir in unserem Stadion unsere Kultur transportieren. Ausverkauft sind wir sowieso fast immer. Und die Fernsehkameras transportieren auch eine Menge. Der aktuelle Hype kommt doch nicht von ungefähr. In jeder Zeitung – ich gucke auch viel in Österreich und der Schweiz −, im Radio, im Fernsehen. Union ist gerade überall präsent.“

Tommy: „Gutes Thema: Fernsehkameras. Wo sollen bei uns denn bitte 21 Kameras hin, die in der Bundesliga gefordert werden? Da brauchen allein die Übertragungswagen eine Fläche so groß wie Köpenick.“

Zimmi: „Mehr Fernsehen bedeutet aber auch mehr Kohle. Das darf man nicht außer Acht lassen: Wir sind ein Wirtschaftsunternehmen. Ob wir das wollen oder nicht. Durch die Neuverteilung der Fernsehgelder werden die Bundesliga-Absteiger künftig einen riesigen Fallschirm mit in die 2. Liga bringen. Da wird es in den nächsten Jahren nicht leichter für uns, aufzusteigen.“

Tommy: „Aber noch einmal: Halten wir die Bundesliga aus? Wieder: nicht wir beide. Auch nicht unser Fanclub. Aber halten die neuen Union-Fans sechs Niederlagen am Stück aus? Bundesliga hin oder her. Wann gibt es bei uns die ersten Pfiffe?

Wann fliegen bei uns die ersten Becher? Wann gibt es bei uns die ersten Unmutsbekundungen – wie in Stuttgart –, weil ein Spieler den Ball nicht richtig stoppt?“

Zimmi: „Und wenn wir es nicht aushalten, erleben wir zumindest den Reinigungsprozess, den sich einige wünschen. Auch ich. Die Erfolgsfans und Hypies dürfen gern wieder wegbleiben. Dann sind wir wieder unter uns und sagen „Wir sind Unioner!“ Aber sieh’ die Bundesliga doch auch mal positiv.

Ich sehe in meiner Nachbarschaft kaum noch Kids mit Bayern-Trikot. Ich habe den Hype anfangs negativ gesehen. Aber mittlerweile gefällt er mir. Die Gören sagen plötzlich: Eisern Union. Selbst mein Piepel – den hat Fußball bis vor kurzem gar nicht interessiert – hat jetzt stolz einen Union-Schal und ein Shirt und will mit ins Stadion kommen. Auch mein Fräulein…“

Tommy: „Bleiben wir doch mal bei deinem Piepel und deinem Fräulein: Wo nimmst du für die denn Karten her, wenn sie plötzlich mit zu Union wollen. Von dem Typen mit dem blau-weißen Anorak auf der Waldseite?

Im Moment bekommen doch nicht mal Fans, die seit 40 Jahren Unioner sind, eine Eintrittskarte, wenn sie an dem einen halben Tag des Ticketverkaufs arbeiten müssen oder der Rechner zu langsam ist für den Onlineverkauf. Lass es uns doch alles nach und nach machen: Erst Infrastruktur ausbauen und Stadion erweitern. Und dann von mir aus in dieser scheiß Bundesliga Ferien machen.

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