KURIER am Sonntag: Frau Sass, was haben Sie gedacht, als Ihnen das Drehbuch für die Komödie "Blond bringt nix" angeboten wurde? Katrin Sass: Falsche Adresse! Was wollen die von mir? Doch dann war ich doch sehr überrascht, dass es nicht so eine oberflächige Komödie ist.Sondern?Eine interessante, sehr lebensnahe Frauenrolle.Sie spielen eine Tagesmutter in einer Mietshaus-Siedlung in München.Eigentlich gehört der Film nach Berlin, in einen Plattenbau in Marzahn.Die alltäglichen Probleme alleinerziehender Mütter - konnten Sie da aus den Erfahrungen des DDR-Alltages schöpfen?Natürlich, die Frauen in der DDR haben immer gearbeitet, auch mit drei Kindern. Und sie haben immer mehr gemacht als die Männer. Ich habe das bei meiner Schwester beobachten können. Doch für mich kam dieses Familienleben - und immer aneinem Ort - nicht infrage. Sie haben keine Kinder.Mit Anfang 30 hatte ich so eine Phase: Ja, jetzt möchte ich ganz gerne Mutter werden! Aber dann kam doch wieder ein schönes Rollenangebot. Außerdem war mein damaliger Mann 20 Jahre älter. Es hat einfach nicht so gut gepasst. Vermissen Sie etwas?Manches sieht man sicherlich anders, wenn man Kinder großgezogen hat. Aber ich bin mit mir im Reinen. Und eigentlich fange ich immer wieder neu an. Auch bei jedem neuen Film-Projekt empfinde ich so, als ob ich gerade von der Schauspielschule komme. Das ist ein schönes, altersloses Gefühl.Fast alle, die Ihre Schauspielkunst beschreiben, entdecken neben Bodenständigkeit und Direktheit auch einen melancholischen Grundton. Wie erklären Sie sich das?Das liegt tiefer, möglicherweise sind es Narben aus der Kindheit. Der Regisseur Hermann Zschoche, mit dem ich als 23-Jährige "Bürgschaft für ein Jahr" gedreht habe, hat mir damals gesagt: Katrin, deine traurigen Augen ... Da schimmert immer etwas anderes durch. Hatten Sie einen Mädchentraum?Ich habe ein Mädchen aus meiner Klasse bewundert. Deren Vater war Arzt und ließ die Tochter immer mit einem Wartburg aus der Schule abholen. Und sie hatten sogar eine Garage, von der man aus direkt ins Haus gelangen konnte. Damals habe ich mir gesagt: Wenn ich mal viel Geld habe, wünsche ich mir ein Haus, in dem ein Auto verschwinden kann. Denn ich durfte noch nicht einmal mein Jugendweihe-Geld behalten. Ich wollte mir davon ein Fahrrad kaufen. Doch mein Vater fragte mich, ob ich ihm den Umschlag ausleihen könne. Er bezahlte dann davon die Feier. Das Geld habe ich nie wieder gesehen.Als DEFA-Schauspielerin gehörten Sie später aber zu den Privilegierten, oder?Sicher, in den Studios gab es einen eigenen Friseur, Fleischer, man war rundherum versorgt. Mir ging es innerlich aber nicht gut.War es nicht schön, ein Star zu sein?Stars? Die gab es nicht, wir hatten alle gleich zu sein. Nachdem ich bei der Berlinale 1982 den Silbernen Bären bekommen hatte, wurde ich in der DDR zwei Jahre lang kaltgestellt. Erst wurde das Gerücht verbreitet, ich sei schwanger. Dann hieß es, ich hätte einen Ausreiseantrag gestellt und dürfte deshalb nicht mehr besetzt werden. Gleichzeitig bekam ich eine Gagenerhöhung. So perfide, wie die das anstellten, konnte ich gar nicht denken. 1986 waren Sie wieder Gast bei der Berlinale.Ja, und mein Kollege Sylvester Groth aus dem Film "Das Haus am Fluß" blieb dann auch im Westen. Ich habe mit mir gerungen, werde diesen West-Berliner Taxifahrer nie vergessen. Der sagte mir: Mensch, Mädel, bleib doch hier, die Kathi hat es doch auch geschafft! Er meinte Katharina Thalbach. Die war schon mit 16 Jahren rübergegangen. Was hat sie abgehalten?Heimat, Freunde, mein Mann Siegfried Kühn. Der kam ursprünglich aus dem Westen, er war aber überzeugt, bei der DEFA besser arbeiten zu können. Sie haben oft beschrieben, wie schwer es für Sie war, im Westen Fuß zu fassen.Ich habe sofort beim Theater gekündigt. Mir haben damals viele gesagt: Bist du wahnsinnig, die sichere Stelle aufzugeben! Aber ich wollte einfach nur frei sein. Und dann dachte ich: Jetzt musst du anders werden, anders aussehen, anders sprechen.Und?Das war falsch. Und ich hatte auch meine Ausrutscher bezüglich der Rollenauswahl. Ich kann mich nicht verbiegen. In "Weissensee" spielten Sie eine Sängerin, in deren Privatleben sich der ganze Stasi-Wahnsinn eingenistet hat. Das klingt wie die Rolle Ihres Lebens.Absolut! Und im August beginnen die Dreharbeiten zur zweiten Staffel. Darauf freue ich mich ungemein. Denn das hat alles sehr mit mir zu tun, vor allem mit meinen Aggressionen gegenüber der Stasi. Sie sind am Theater in Halle von einer besten Freundin ausgespäht worden. Ist dieses schmerzliche Kapitel für Sie abgeschlossen?Ja, und ich möchte dieser Frau gar nicht mehr so viel Aufmerksamkeit schenken. Sie ist bestraft genug: Sie lebt in einem Plattenbau, Hartz IV, getrennt von ihrem Mann, verbittert.Die Lotti in "Blond bringt nix" verbirgt eine frühere Alkohol-Sucht. Auch dieses Thema lässt sie offenbar nicht los.Ja, aber ich bin trocken, und da gehe ich einfach professionell mit um. Meine jungen Kolleginnen und selbst die Regisseurin wussten gar nichts von meiner Sucht. Ich habe Ihnen das erst beim Drehen erzählt.Was ist mit dem Haus und der Garage? Das habe ich nun seit knapp drei Jahren in Berlin. Und da gibt es sogar einen eigenen Steg mit Boot. Mein Paradies!BU: In dem Erfolgskinofilm "Good Bye, Lenin!" (2003)BU: Katrin Sass in "Bürgschaft für ein Jahr" (1981)BU: Katrin Sass (54) hat trotz vieler Probleme in ihrem Leben das Lachen nicht verlernt. Ihr neuer Film ist die Komödie "Blond bringt nix" (ARD, Mittwoch, 16. Februar, 20.15 Uhr).
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