Fahrradunfall

Bewährung für den Mann, der Beate Flanz’ Leben zerstörte

Der Lkw-Fahrer, der die Radlerin so schwer verletzt hat, stand gestern vor Gericht.

Peter Neumann
Lesezeit 4 Min
Früher radelte Beate Flanz 20.000 Kilometer im Jahr. Nun braucht sie einen Rollstuhl.

Früher radelte Beate Flanz 20.000 Kilometer im Jahr. Nun braucht sie einen Rollstuhl.

© Sabine Gudath

Es geschah am 25. Oktober 2017 kurz vor 9 Uhr. In der Westfälischen Straße war Beate Flanz auf ihrem Trekkingrad unterwegs zur Arbeit. Sie war nicht zu übersehen: Zur knallroten Jacke trug sie einen weißen Fahrradhelm, und wie immer fuhr sie mit Licht. Die Spandauerin konnte das Bürohaus am Fehrbelliner Platz, in dem sie an drei Tagen in der Woche arbeitete, schon vom Rad aus sehen – da kam es zu dem Zusammenstoß, der ihr Leben für immer radikal verändern sollte. An der Kreuzung Konstanzer Straße wartete sie auf dem rot unterlegten Radweg, der abseits der Fahrbahn auf dem Gehweg verläuft, auf grünes Licht. Die Haltelinie liegt schräg vor der Haltelinie für die Autos, kein Baum versperrt den Blick.

Fahrradunfall: Zuerst der Sturz, dann ein Sattelzug mit 32 Tonnen

Als die Ampel umsprang, trat sie in die Pedale. „Ich war schon halb über die Kreuzung drüber, da kam innerhalb von Sekundenbruchteilen von links ein großes Fahrzeug und stieß gegen mein Vorderrad. Ich habe noch versucht auszuweichen, dann wurde mir schwarz vor Augen“, sagte Flanz vor Gericht. Sie ist im Rollstuhl in den Saal 3007 gekommen, begleitet von Freunden aus dem Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC).


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© Imago/Westend61/Berliner Kurier

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Nachdem die Zugmaschine das Vorderrad erfasst hatte, schlug die Lenkung des Fahrrads nach links ein, erläuterte der Sachverständige Roy Strzeletz. Es geriet in eine Pendelbewegung. Schließlich stürzte die Radlerin in der Verlängerung des Radwegs auf den Asphalt der Kreuzung.

„Der Sturz an sich wäre nicht schlimm gewesen“, sagte der Gutachter. Doch es folgte ja noch der Auflieger, voll beladen mit 32 Tonnen Boden von einer benachbarten Baustelle. Er überrollte Flanz mit drei Rädern. Der Fahrer hatte den Sattelzug aus dem Landkreis Potsdam-Mittelmark nicht angehalten, sondern war ungefähr mit Tempo 15 rechts abgebogen. Wenn es so war, wie Flanz und Zeugen erklärten, hätte er durch die Frontscheibe sehen müssen, wie die Frau auf dem Radweg stand und wartete. Dass der Rampenspiegel, einer der drei seitlichen Spiegel, zum Teil von einer Gardine verdeckt war, spielte in diesem Fall keine Rolle.

Gerichtsurteil: Geld- oder Freiheitsstrafe?

„Es war ein Moment der Unachtsamkeit, wie es jedem im Straßenverkehr passieren kann“, sagte der Strafverteidiger Stefan Busche. „Es wäre ein Einfaches für den Gesetzgeber, Abbiegeassistenten vorzusehen“ – die Fahrern Gefahrensituationen melden. Sein Mandant habe fahrlässig gehandelt, so Busche. Eine Geldstrafe sollte aber ausreichen.

Das Gericht folgte allerdings dem Antrag des Anklagevertreters. Der Fahrer hätte der Radfahrerin Vorrang einräumen müssen, sagte die Vorsitzende Richterin Beatrix von Hagen. Doch der Fahrer hielt nicht an. „Es mag sein, dass es sich nur um einen kurzen Moment der Unachtsamkeit gehandelt hat“, so die Juristin. Der Mann habe sich der fahrlässigen Körperverletzung schuldig gemacht. Angesichts der „extrem schweren Folgen“ käme eine Geldstrafe nicht in Betracht. Weil der Mann nicht vorbestraft sei, setzte das Gericht die Vollstreckung für zwei Jahre auf Bewährung aus. Marko K., der im Landkreis Potsdam-Mittelmark wohnt und sein monatliches Nettoeinkommen mit 1.600 Euro bezifferte, muss aber die Kosten tragen – auch für die Nebenklage von Beate Flanz. „Ich möchte mein tiefstes Bedauern ausdrücken, was der Frau Flanz passiert ist“, so der 49-Jährige. Er habe sich bislang nicht an sie gewandt, „weil ich nicht wusste, wie sie reagiert“.

Beate Flanz: „Jetzt vergeht kein Tag, an dem ich nicht denke: Wieso tue ich mir das noch alles an?“

Sie akzeptiere das Urteil, sagte Beate Flanz. „Es hat mich überrascht“ – normalerweise kämen Kraftfahrer in solchen Fällen mit Geldstrafen davon. Ruhe findet sie trotzdem nicht, denn die Auseinandersetzungen mit Behörden und Versicherungen gehen weiter – und zerren an den Nerven. Der Unfall habe ihr Leben zerstört, sagt sie. Früher habe sie im Jahr 20.000 Kilometer auf dem Rad zurückgelegt, sie fuhr Kanu und ritt auf dem eigenen Pferd. „Jetzt vergeht kein Tag, an dem ich nicht denke: Wieso tue ich mir das noch alles an?“

Es gebe einen weiteren Traum, der sie oft heimsucht, erzählt Beate Flanz. „Ich träume, dass der Lkw noch mal vorfährt und mir den Sand vor die Füße kippt. Da ist niemand, der mir eine Schippe in die Hand drückt oder sagt: Ich packe mit an. Ich muss für alles alleine kämpfen.“

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