Extremjob Tote und Schwerverletzte

Das stumme Leid der Retter

Feuerwehrmann Jens Krüger war einer der Ersten bei dem Unfall auf der A10, bei dem sechs Menschen starben.

MARCUS BÖTTCHER
Lesezeit 4 Min
Jens Krüger, im „eigentlichen“ Leben Außendienstler, wurde einen Tag vor dem Unfall 40 Jahre alt. Als zehnjähriger Knirps stieg er bei der Freiwilligen Feuerwehr in Blumberg ein, steckt seitdem – genau wie seine Kameraden – viel Herzblut und Engagement in die ehrenamtliche und wichtige Arbeit.

Jens Krüger, im „eigentlichen“ Leben Außendienstler, wurde einen Tag vor dem Unfall 40 Jahre alt. Als zehnjähriger Knirps stieg er bei der Freiwilligen Feuerwehr in Blumberg ein, steckt seitdem – genau wie seine Kameraden – viel Herzblut und Engagement in die ehrenamtliche und wichtige Arbeit.

© Otto Lizenz

Nach vier Stunden in der sengenden Hitze standen 28 Feuerwehrleute auf dem heißen Asphalt der A10. Abgekämpft, in Gedanken versunken. Sie alle hatten in die Hölle geblickt, mussten sechs Leichen, darunter ein 15-jähriges Mädchen, aus einem Transporter bergen. Todesfalle Berliner Ring. Hauptbrandmeister Jens Krüger brauchte einen Moment, um sich zu sammeln, dann ergriff er das Wort: „Männer“, sagte er, „ich bedanke mich für die tolle Zusammenarbeit. Ihr habt einen Riesenjob gemacht.“

Eine Woche später sitzt Jens Krüger neben den KURIER-Reportern. Sieben Tage sind seit dem Unfall vergangen. Und doch kommt Krüger nicht von ihm los. „Diesen Einsatz werde ich nie vergessen. Momentan beschäftigt mich das Erlebte jeden Tag.“
Am Donnerstag zuvor feierte Krüger seinen 40. Geburtstag, den Freitag hatte er sich frei genommen. Abschalten vom Außendienst-Job bei einem Pumpenhersteller. Einzige Aufgabe: Einkaufen fahren. Plötzlich aber heult die Sirene, der Pager piepst. „HVU klemm“ zeigt er an, übersetzt heißt das „Hilfeleistung, Verkehrsunfall, eingeklemmte Person“. Es ist 15.08 Uhr.

600 Meter sind es von Krügers Zuhause bis zur Wache. Er springt ins Auto, tritt aufs Gas Angekommen springen er und seine sechs Kameraden in den MAN-Lkw und fahren zur Autobahn. Das Dreieck Schwanebeck, der Unfallort, liegt um die Ecke.

Normalerweise rücken die insgesamt 29 Feuerwehrmänner und fünf -frauen circa zwei Mal in der Woche aus, zumeist beseitigen sie Ölspuren oder Plastikteile nach Unfällen. An diesem Tag ist alles anders. Schon von Weitem sieht Hauptbrandmeister Jens Krüger den Sattelschlepper, auf den der Transporter gekracht war. Krüger spürt seinen Puls. Noch weiß er nicht, was ihn gleich erwartet. Seine Einheit ist die erste Feuerwehr am Unfallort. „Es sah nach einem normalen Crash aus. Ein Kamerad sagt: Schau mal ins Auto rein.“

Auf der nächsten Seite: "Da merkte ich, wie meine Finger zittern"

Krüger läuft zum Mercedes, blickt durch die Seitenscheibe. Er weiß sofort, dass dies sein schlimmster Einsatz ist. In 30 Jahren Feuerwehr. „Der Anblick war nicht angenehm“. Vorsichtige Worte. Er stockt. Krüger, ein Mann wie ein Baum von 2,04 Körpergröße, bricht die Stimme, seine Augen werden glasig. Er sagt es nicht, doch der Hüne ist tief bewegt.

In dem Wagen befindet sich Reibeputz, die klebrige Masse hatte sich über die Leichen verteilt. „Ich war wie in Trance. Ich habe meine Frau angerufen, gesagt, wir hätten eine ganze Weile zu tun. Schon beim Telefonnummer eintippen habe ich gemerkt, wie durch ich bin, wie meine Finger zittern.“

Krüger fängt sich. Trotz des Wissens von sechs Toten im Auto. Nachalarmierung, Planung, Verkehrsüberwachung, Anfordern eines Kriseninterventionsteams. Die trainierten Abläufe funktionieren. Bei allen Beteiligten. Viele der Kameraden der Freiwilligen Feuerwehren verbringen einen Großteil ihrer Freizeit auf dem Gelände der Feuerwehr. Sie opfern, wie viele andere in Berlin und Brandenburg, Zeit mit der Familie. Sie setzen ihr Leben aufs Spiel, um Menschen zu retten. Trotzdem werden sie oft belächelt, es mangelt an Anerkennung und Wertschätzung.

In Blumberg etwa gibt es Menschen, die sich über die Sirene beschweren. Andere meckern über das Martinshorn oder bezeichnen die FFW als Partytruppe, die eh nur feiert und trinkt. Von wegen. Am vergangenen Freitag müssen sie die Sitzbänke herausschneiden und erschlaffte Körper aus einem Wrack ziehen.

Alle arbeiten Hand in Hand, bis an den Rand der körperlichen und psychischen Belastungsgrenze. Krüger: „All diejenigen, die uns nicht für voll nehmen, sollten einen Einsatz wie den in der vergangenen Woche mitgemacht haben.“ Nach dem Einsatz sitzen die Feuerwehrleute zusammen auf der Wache, rauchen, reden über das Erlebte. Krüger: „In der Einsatznacht habe ich gut geschlafen. Der nächste Tag war hart. Da habe ich viel gegrübelt. Ich bin stolz auf meine Truppe.“

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