Generation Wahnsinn

Spaß auf Leben und Tod

Das neueste Filmchen verbreitet jetzt einer der bekanntesten deutschen Youtube-Stars.

Florian Thalmann
Lesezeit 5 Min
Die Videos solcher Aktionen werden auf Portalen wie „Youtube“ schnell zu Hits.

Die Videos solcher Aktionen werden auf Portalen wie „Youtube“ schnell zu Hits.

© YouTube

Er springt über einen Zaun, sprintet zu einem 150 Meter hohen Turm, der auf dem Gelände steht. Und beginnt, über die dünnen Metallsprossen an der Seite des Turms nach oben zu klettern.  Ungesichert. Er liebt die Gefahr. So sehr, dass er sich, oben angekommen, an einer Metallstrebe nach unten hängen lässt.

Unter sich hat er nur den  Abgrund. Würde er die Kontrolle verlieren, wäre es sein sicheres Todesurteil. Warum er das tut? Weil er das Kitzeln des Adrenalins mag. Weil er die Gefahr liebt. Und weil er eines möchte: Tausende Klicks und schnellen Ruhm im Netz. Denn sein Abenteuer  hat der „Roofer“ – so nennen sich jene waghalsigen Kletterer, die gern ungesichert hohe Gebäude und Dächer erklimmen – auf Video festgehalten.

„Roofer“ erklimmen ungesichert hohe Gebäude und Türme, bringen sich in Lebensgefahr.

„Roofer“ erklimmen ungesichert hohe Gebäude und Türme, bringen sich in Lebensgefahr.

© Youtube

So tun es immer mehr junge Leute. Ein Hype, der sprachlos macht: Für den schnellen Ruhm spielen sie mit ihrem Leben. Sie profilieren sich mit bunten Bildern und bringen damit auch viele andere in Gefahr.

Ein schrecklicher Trend, meint auch Medienpsychologe Jo Groebel. „Gerade bei jungen Männern gab es diesen Hang zu Mutproben schon immer“, sagt er dem KURIER. „Deren Körper dreht unter dem Adrenalin regelrecht durch. Der Verstand wird ausgeschaltet, sie wollen den Kick erleben und gehen dafür sogar lebensgefährliche Risiken ein.“ Während sich Jungs früher nach solchen Aktionen auf die Schultern klopften, gibt es die „soziale Ansteckung“ heute in größerem Umfang.

Groebel: „Solche Fotos und Videos gehen durch die Welt, die Reaktionen werden um das Zehntausendfache multipliziert.“ Der Kletterer ist nur einer von vielen, die mit solchen Stunts im Netz um die Gunst der Zuschauer werben. Andere erklimmen Baukräne, Funktürme – oder die Dächer fahrender S-Bahnen. Im vergangenen Jahr sorgte ein Film der Sprayer-Gang „BerlinKidz“ für Furore. Darin zu sehen ist unter anderem, wie mehrere junge Männer auf dem Dach eines Zuges picknicken.

Der Youtuber Michi Leber

Der Youtuber Michi Leber

© Youtube

Über ein mindestens genauso waghalsiges Filmchen berichtete der KURIER erst am Sonnabend. Ein Verrückter klettert hier auf das Dach einer fahrenden Bahn, zündet Rauchfackeln, eine Drohne filmt das Spektakel. Brisant: Veröffentlicht wurde es auf dem Kanal eines  Youtube-Stars. Michi Leber (20) hat über 334.000 Fans, die regelmäßig seine Videos sehen. Unter anderem eines mit dem Titel „Extreme Klettermission in der Berliner U-Bahn“. Mehrere  Männer schlagen  sich durch die unterirdischen Tunnel der U-Bahn  – illegal und brandgefährlich.

„Irgendwelche Jungs klettern in die U-Bahn“, steht in der Beschreibung. Das Material sei ihm anonym zugeschickt worden – eine Taktik, die viele Youtuber anwenden, um nicht zum Ziel der Strafverfolgung zu werden. Die Gesichter der Männer wurden in Lebers Video zudem unkenntlich gemacht.

Doch seine Fans kommentieren: „Wenn die Leute dein Gesicht sehen wollen, müssen sie nur eins deiner anderen Videos schauen.“ Einer schreibt ironisch: „Immer diese Leute, die dir anonym Material schicken.“ Das Verbreiten solcher Filme sei aber eine juristische Grauzone, sagt auch Groebel – schwierig wird es erst, wenn die Ersteller der Videos gezielt dazu aufrufen, die Taten nachzuahmen.

Auch ohne solche Aufrufe ist Youtube aber ein extremer Verstärker. Groebel: „Bei solchen Aktionen besteht das Risiko, dass die Taten zum Kult werden und Leute sie nachmachen.“ Das könne – wie im Fall der Ice Bucket Challenge, die auf die Krankheit ALS aufmerksam machte – positive Effekte haben. Aber eben auch zu Straftaten anregen. Jo Groebel: „Es ist hochgradig verantwortungslos, dass ein Youtuber mit so vielen Fans sowas veröffentlicht. Er muss um die Wirkung seiner Sachen wissen. Für mich ist er ein Idiot.“

Hinzu kommt, dass  immer bessere technische Möglichkeiten dafür sorgen, dass aus einst wackeligen Handy-Bildern inzwischen Hochglanz-Filme werden. Junge Menschen, die sie sehen, bekommen Lust aufs Nachmachen – ein Fakt, der sich aus den Kommentaren unter den Videos ablesen lässt. „Jetzt will ich es auch probieren“, schreibt ein Nutzer unter dem Video eines „Trainsurfers“. Er antwortet: „Klar, bleib’ sicher, haha.“

Die S-Bahn warnt  vor solchen Taten. Laut Polizei besteht die Trainsurfer-Szene  Berlins aus einem überschaubaren Personenkreis – Möchtegern-Stuntmänner, die „sehr sportlich sind und vermutlich aus der Parcours-Szene stammen – sie sind sichtbar geübt im Springen und Klettern“,  sagte Jens Schobranski, Sprecher der Bundespolizei, in einem Interview.  „Das Schlimme ist: Sie denken, dass sie die Gefahr kontrollieren können.“ Doch sie können es nicht. „Selbst wenn sie glauben, die Strecke gut zu kennen, gibt es immer wieder mal Baumaßnahmen oder Schnellbremsungen – und dann haben sie keine Chance.“

Immer wieder enden solche Aktionen tödlich. 2014: ein 19-Jähriger surft auf der S1, verunglückt an einem Tunnel in Schöneberg. 2015: ein 14-Jähriger wird am Bahnhof Treptower Park bewusstlos auf dem Dach einer S-Bahn gefunden. Ebenfalls 2015: Ein 19-Jähriger knallt beim Zug-Surfen kurz vor dem S-Bahnhof Nikolassee gegen eine Brücke.

Potenzial zum Nachahmen bietet auch der neue Surfer-Film des Youtube-Stars. Warum er ihn veröffentlichte? Weder Leber noch sein Manager waren für den KURIER am Wochenende zu erreichen. Eine interessante Verbindung lässt sich aber auch so erahnen: Ursprünglich scheint das Video von  dem jungen Turm-Kletterer zu kommen. Sein Kanal auf „Youtube“ wirkt frisch, bisher sahen „nur“ Hunderte Zuschauer seine Filmchen. Im Netz bedankte sich Mio bei allen, die bei der Produktion des Stunts halfen: „Ich muss zugeben das Video ist Porno! Danke an alle die mitgeholfen haben!“

Anzeigen wurden schon erstattet

Betroffene Unternehmen zeigen sich weniger entzückt. Wer erwischt wird, kassiert eine Anzeige. Schobranski: „Die angebrachten Warnschilder, die ein unberechtigtes Betreten von Bahnanlagen verbieten, sind eindeutig.“ Wichtig seien vor allem Hinweise aus der Bevölkerung. Und auch bei Vattenfall ist man vom Kletter-Video auf Youtube alles andere als beeindruckt.

„Wir hatten einen ähnlichen Fall an einem unserer Berliner Standorte vor rund zwei Jahren schon einmal“, sagte Sprecher Lutz Wiese auf KURIER-Nachfrage. „Vattenfall erstattet in solchen Fällen grundsätzlich Anzeige.“

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