Ex-Unioner, Sportinvalide

Dustin Heun: Ich beklage mich (K)nie

Für Ex-Unioner Dustin Heun war Kicken alles, dann wurde er Sportinvalide, trotzdem ist er jetzt glücklich.

STEVEN JAHN
Lesezeit 6 Min
Dustin Heun schreit nach einem Tor für Union seine Freude heraus.

Dustin Heun schreit nach einem Tor für Union seine Freude heraus.

© Imago Lizenz

Viele von Ihnen erinnern sich sicher noch an Heuner. An den großen, schlaksigen, tätowierten Knipser, der 2008 zu Union kam. An den Stürmer, der immer mit Voll-Karacho in die Zweikämpfe ging, sich immer reinhaute. Aber diesen Dustin Heun gibt es nicht mehr. „Ich bin jetzt Sportinvalide“, erklärt er.

Er spricht diese Wortbestie, die für jeden Sportler der Horror ist, aus, als ob es das Normalste der Welt wäre. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall, auch für ihn. Aber der mittlerweile 31-Jährige hat sich mit seiner Situation arrangiert.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal kann und dass ich, ohne selbst zu spielen, glücklich sein kann. Aber es geht“, meint Heuner. „Fußball war und ist mein Leben. Ich habe immer 100 Prozent auf dem Platz gegeben.“ Unioner wissen, wovon er redet. Als er im Januar 2008 vom VfB Lübeck nach Köpenick kam, wurde er schnell zum Fan-Liebling. Seine kampfbetonte Spielart passte perfekt in die Alte Försterei. Er war schon damals ein cooler Typ, aber vor allem auch ein richtig guter Angreifer.

Und trotzdem kam er in seinen anderthalb Jahren bei Union nur auf elf Pflichtspiele (acht Treffer). Denn schon nach sechs Liga-Partien packte das Schicksal die Blutgrätsche aus. Im Regionalliga-Heimspiel am 22. März 2008 knallte der damals 23-Jährige in der 51. Minute mit Erfurts Torhüter Dirk Orlishausen zusammen. Der Moment, der sein Leben veränderte. Heun: „Da kam eine Flanke in den Strafraum, wir beide hatten nur die Augen auf dem Ball. Dann sind wir voll zusammengerauscht.“

Heuner ging zu Boden und blieb liegen. Er schrie vor Schmerzen. Minutenlang wurde er behandelt. Er erinnert sich: „Noch auf dem Feld sagte unser Team-Arzt: ,Junge, da ist alles im linken Knie kaputt.‘ Ich habe sofort gesagt, dass ich wiederkommen werde. Egal, was es ist.“

Lesen Sie auf der nächsten Seite: "Alles ist kaputt"

Doch da wusste er noch nicht, was der Doc mit „alles ist kaputt“ meinte. Das hintere Kreuzband war gerissen und auch der Meniskus und das Innenband waren kaputt. Diese Monster-Diagnose war wenige Tage später natürlich ein Schock für Heuner.

Das änderte aber nichts an seiner Einstellung. Er tat das, was er schon immer gemacht hatte, er kämpfte. Dieses Mal nicht für, sondern um seine Karriere. Insgesamt fiel er zwölf Monate aus, wurde operiert und ackerte in der Reha. Keine einfache Zeit für ihn, doch auch die ging vorbei.

Mit eisernem Willen kam er zurück. Fast auf den Tag genau ein Jahr später feierte er in der 3. Liga sein Comeback. Am 18. März 2009 beim 0:0 in Burghausen wurde er für die letzten acht Minuten eingewechselt. Zwei Kurzeinsätze folgten noch. Er konnte sich auch Drittliga-Meister und Zweitliga-Aufsteiger nennen. Eine Riesen-Erlösung nach dieser brutalen Zeit.

Aber die Freude hielt nicht lange, denn trotz seiner Rückkehr war für ihn bei Union Schluss. Heuner: „Das lief echt blöd. Wir hatten uns auf eine Verlängerung geeinigt und eingeschlagen. Aber unterschrieben wurde nichts. Ich kann Union da auch ein Stück weit verstehen, ich war lange verletzt. Es war ein Risiko. Doch die Art und Weise, naja ...“

Aber auch das ist abgehakt. Der 1,88-Meter-Riese: „Union ist einfach der geilste Verein. Die Fans sind Weltklasse. Wie sie mich aufgenommen haben, als ich kam, und wie sie mich unterstützt haben während meiner Verletzungspause. Das war unglaublich. Da bekomme ich gleich wieder Gänsehaut.“

Wenn er über Union spricht, ist das Feuer sofort wieder da. Sein Herz hat Köpenick nie verlassen. Der Rest von Heuner zog im Sommer 2009 zum 1. FC Kaiserslautern. Über die U23 wollte er sich für das Zweitliga-Team der Roten Teufel empfehlen. So war der Plan. Und der war gut. Lauterns Boss Stefan Kuntz versprach ihm, dass er seine Chance bei den Profis bekommen würde.
Doch Kuntz musste sein Versprechen traurigerweise nie einlösen. Heun erklärt warum: „Ich war sechs Wochen beim FCK, dann war alles vorbei. Zwei Kurzeinsätze an den ersten beiden Spieltagen der Regionalliga-Saison 2009/10 hatte ich noch, danach habe ich mich im Training wieder verletzt.“

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Neues Leben als Scout und Analyst

Ihm, der sonst immer nur positiv dachte, war klar: „Das war’s. Jetzt ist es vorbei. Da habe ich mich an den Spielfeldrand geschleppt und, ja, auch geweint.“ Mit 26 Jahren war seine Laufbahn endgültig vorbei. „Das hintere Kreuzband knallte wieder durch.“ Wenn er heute darüber spricht, wirkt er aufgeräumt. Locker und lässig wie eh und je, aber reifer.

So ist jetzt auch sein Leben. Mittlerweile lebt er mit seiner Frau Magda (37) und seiner Stieftochter Mia (7) in Wolfsburg. Er arbeitet beim VfL als Scout und Analyst bei der U23. Heuner: „Das passt perfekt zu mir. Nach dem ich nicht mehr spielen konnte, hat mir die Berufsgenossenschaft eine zweijährige Umschulung finanziert.“

Also studierte er Fußball-Management und war zwei Jahre Praktikant bei den Wölfen. Er scoutete Spieler, Gegner, wertete Trainingseinheiten und Spiele aus. Heuner machte seine Sache so gut, dass er nach dem Praktikum einen festen Vertrag über zwei Jahre bekam. Und der wurde jetzt erst wieder um weitere 24 Monate verlängert.

Er gehört zum Trainer-Team der U23 mit Chef-Coach und Ex-Profi Valerien Ismael. Der gebürtige Duisburger Heun verrät: „Ich habe viel über Taktik dazugelernt, ich suche mir alte Spiele aus der Premier League raus und analysiere sie für mich, um mich zu verbessern. Das ist mein Ding. Ich wollte unbedingt etwas mit Fußball machen. “

So steht er weiter täglich auf dem Rasen. Und ab und an ist er auch mal mittendrin. „Wenn wir Vier-gegen-Zwei spielen, kann ich mitspielen. Zumindest das macht das Knie mit.“

Ansonsten geht nicht mehr viel. Aber das ist okay. „Klar hätte ich gern weitergespielt. Und wenn man bedenkt, dass ich mein letztes Spiel über mehr als 45 Minuten mit 23 Jahren gemacht habe, dann ist das echt traurig“, spielt er auf dieses verflixte Match gegen Erfurt an.

„Wenn ich jetzt ins Stadion zu Union, den VfL-Profis oder Braunschweig gehe, dann ist das eine andere Welt“, sagt Heuner. Dann kann er kaum glauben, dass er selbst mal vor 20 000 Fans gespielt hat. „Es ist wie ein anderes Leben. Eines, das auch schön war. Aber ich will mich nicht beklagen. So, wie es jetzt ist, ist es für mich am Ende gut gelaufen.“

Ihre Meinung interessiert uns. Feedback zu diesem Beitrag senden Sie bitte an leser-bk@berlinerverlag.com

Lesen Sie mehr zum Thema