Ex-Terrorist

Der geläuterte Gotteskrieger

Irfan Peci war das Sprachrohr der al-Kaida und arbeitete später als V-Mann in der Terror-Szene. Heute will er mit beiden Seiten nichts mehr zu tun haben

Ann-Kattrin Palmer
Lesezeit 5 Min
Irfan Peci in Berlin. Heute lebt er in Bayern und handelt mit Autos. Mit seinem früheren Leben will er nichts mehr zu tun haben. Am Mittwoch, 17. Juni 2015, ab 20 Uhr liest Mitautor Oliver Schröm in der Buchhandlung Tucholsky (Tucholskystraße 47) aus Pecis Buch.

Irfan Peci in Berlin. Heute lebt er in Bayern und handelt mit Autos. Mit seinem früheren Leben will er nichts mehr zu tun haben. Am Mittwoch, 17. Juni 2015, ab 20 Uhr liest Mitautor Oliver Schröm in der Buchhandlung Tucholsky (Tucholskystraße 47) aus Pecis Buch.

© Otto Lizenz

Irfan Peci dreht sich langsam um, als wir den Raum betreten. Er mustert uns zurückhaltend. Ist er misstrauisch? Immerhin war das sein jahrelanger Begleiter.

Der Deutsch-Bosnier hat einen bayerischen Akzent. Er redet langsam, hat eine sanfte Stimme. Es gibt einem ein mulmiges Gefühl: Dieser nette, junge Mann hat also jahrelang Angst und Schrecken in Deutschland verbreitet. Er hatte sich dem Terror verschrieben. Er war gefährlich – er drohte mit Anschlägen.

Irfan Peci ist gerade erst 26. Er hatte bereits zwei Leben. Nun hat er sein drittes. Eines ohne Hass, sagt er. Denn davon war er jahrelang getrieben. Und von der naiven Vorstellung, Deutschland als Freund der USA in die Knie zwingen zu müssen. Als Deutschland-Chef der „Globalen Islamischen Medienfront“, eines der weltweit wichtigsten Propaganda-Netzwerke für al-Kaida, verbreitet e er aus einem kleinen oberpfälzischen Städtchen Tötungs-Videos.

Das Bundeskriminalamt (BKA) enttarnte ihn. Er landete im Gefängnis und später auf der Gehaltsliste des Verfassungsschutzes. Von 2009 bis 2010 arbeitete er als V-Mann. Er war einer der wichtigsten und bestbezahlten Quellen in der deutschen Islamistenszene.

Von Winter 2009 bis Herbst 2010 lieferte der Deutsch-Bosnier Informationen über Terrorverdächtige in Berlin, darunter Mitglieder der „Berliner Gruppe“ und der „Deutschen Taliban Mujaheddin“. Er verdiente erst 1400, später etwa bis zu 3000 Euro im Monat. Miete, Spesen für Reisen und teure Hotels bekam er ebenso erstattet.

Heute ist er geläutert. Er will mit beiden Seiten nichts mehr zu tun haben. „Ich wollte endlich selbstbestimmt leben, mir nicht mehr vorschreiben lassen, was ich machen darf oder wohin ich gehen darf“, sagt er.

Seit einigen Jahren versucht er, sein Leben ohne fremde Hilfe in den Griff zu bekommen. Er hat geheiratet, handelt mit Gebrauchtwagen und hat – zusammen mit Oliver Schröm – das Buch „Der Dschihadist“ (Heyne Verlag; 19,99 Euro) geschrieben. Ein Bericht aus einer dunklen Welt, in der beide Seiten – auch die deutschen Behörden – sich die Finger schmutzig machen, offenbar Straftaten vertuschen.

Irfan Peci verprügelte nach eigener Aussage 2010 einen US-Soldaten am Bahnhof Friedrichstraße. Sein V-Mann-Führer vom Verfassungsschutz sei „nicht erfreut“ gewesen, habe aber dafür gesorgt, dass die Straftat ungesühnt blieb, um seine Tarnung nicht zu gefährden. Peci: „Dann hat er schließlich gesagt: ,Ja, das haben wir schon mit der Polizei geklärt. Da haben wir uns unterhalten. Da kommt nichts mehr. Das wird nicht weiter verfolgt’.“

Um das Vertrauen der Szene zu gewinnen habe er, so Peci, „Ex-trageld“ vom Verfassungsschutz erhalten, das er als Spenden weitergab. Empfänger sei ein Kontaktmann von al-Kaida gewesen. Der Verfassungsschutz dementierte die Vorwürfe gegenüber dem ZDF, mündlich. Peci nimmt seine Darstellungen allerdings nicht zurück.

Was hat ihn überhaupt in diese dunkle Welt getrieben? „Der Hass auf alles und jeden“, sagt er. Der 26-Jährige ist in Weiden aufgewachsen, einem konservativen Örtchen. Die Menschen dort sind Fremden gegenüber nicht gerade aufgeschlossen. „Ich spürte die Ablehnung.“ Irgendwann ließ er sich „aufhetzen“, flüchtete sich in die Religiosität, in die Welt der Zerstörung. „Ich traf die falschen Leute, die mir einredeten, in dieser Gesellschaft nicht gewollt zu sein. Ich las die falschen Bücher und sah die falschen Videos“, sagt er heute. Weil er sich in der Gesellschaft als minderwertig fühlte, keine Perspektive sah und, ja auch das, sich langweilte.

„Meine Geschichte ist die Geschichte einer Radikalisierung, wie sie sich jeden Tag auf der Welt vollzieht. Auch in vielen Jugendzimmern mitten in Deutschland, dafür bin ich der lebende Beweis.“ Bei al-Kaida und beim IS bekämen Jugendliche ein Zugehörigkeitsgefühl vermittelt. Und es gebe nicht wenige, die still und leise vor sich hin lebten, um irgendwann zuzuschlagen.

„Diese Einzeltäter sind die gefährlichen“, sagt Peci. Auch er war bereit, in den Heiligen Krieg zu ziehen. Er übersetzte Propaganda, verbreitete diese im Internet und überzeugte Jugendliche, sich der Bewegung anzuschließen. Seine Droh-Videos – mit den einfachsten Mitteln gefilmt und ins Internet gestellt – seien „ernst gemeint“ gewesen, sagt er, „aber es gab keine konkreten Anschlagspläne“. 2008 wollte er selbst aktiv werden, plante eine Ausreise nach Wasiristan. Damals das Zentrum des Dschihad, heute ist das Syrien. Er wollte kämpfen. Inzwischen ist er froh, dass er verhaftet wurde.

Wann kamen die ersten Zweifel? „Im Gefängnis hatte ich viel Zeit zum Nachdenken, war den schlechten Einflüssen nicht mehr ausgesetzt. Und als ich nach Berlin ging – dort waren die Menschen viel offener und toleranter. Es ist einfacher, andere zu hassen, wenn sie einen auch hassen.“ Zudem stellte er sich immer mehr die Fragen, was das alles bringt? Was sich verbessert hat? Irgendwann merkte er: „Im Gegenteil, das hat nur zu mehr Hass geführt.“ Sein einstiger Antrieb fiel wie ein Kartenhaus zusammen.

Und was hat ihn jetzt angetrieben? Hat er nicht Angst, sein Leben zu verlieren? „Ich lebe schon so lange mit dieser Gefahr, mit Angst und Morddrohungen. Ich war damals bereit, mein Leben für die falsche Sache zu opfern und bin jetzt bereit, mein Leben für eine gute Sache zu opfern.“ Das sei es wert, um vielleicht schlimmere Dinge zu verhindern. Er habe einen Schlussstrich unter seine Vergangenheit gezogen, als Dschihadist und V-Mann: „Ich habe genug Fehler begangen. In beiden Rollen. Vielleicht kann ich anderen helfen, solche Fehler zu vermeiden. Ich weiß auch um das Risiko dieser Generalabrechnung. Doch jetzt gibt es kein Zurück mehr.“

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