"Bitte, kommen Sie sofort!“, sagte der Handwerker aufgeregt. „Das müssen Sie sich mal anschauen, was ich gerade entdeckt habe!“
Isolde Tarrach kaufte in einem Supermarkt ein, als der Mann sie auf ihrem Handy anrief; sie hatte ihn gebeten, eine Zwischenwand in ihrer Altbau-Wohnung nahe dem Kudamm einzureißen, um das Wohnzimmer zu vergrößern.
Ein seltsamer Fund
Sofort machte sich die 57-jährige Ex-RTL-Moderatorin Tarrach („Action – Neu im Kino“, Millionen TV-Zuschauern als „die große Blonde mit den markanten Stirnbändern“ in Erinnerung), auf den Weg. Angekommen in ihrem Wohnzimmer blieb sie wie angewurzelt stehen.
„Der Handwerker hatte gerade angefangen und ein großes Loch in die Mitte der 52 Zentimeter dicken Mauer geschlagen“, berichtet sie. „Und darin versteckt acht seltsame Päckchen gefunden!“
Umwickelt waren sie mit vergilbten Seiten der Tageszeitungen „Berliner Telegraf“ und „Der Kurier – Berliner Abendzeitung“ aus dem August 1946, festgezurrt mit Kordeln.
„Die Zeitungsseiten sind fast zerbröselt, als ich sie anfasste“, schildert sie. „Mit heftigem Herzklopfen“ habe sie zwei Päckchen geöffnet – und darin Geldscheine gefunden: mehrere Tausend 1er-, 3er-, 5er- und 10er-Noten mit dem Konterfei von Lenin – Tscherwonzen.
Der Tscherwonez (auch Tscherwonetz) war ursprünglich eine russische Goldmünze, später auch ein Geldschein, die Währung wurde 1947 durch den Rubel ersetzt.
In acht Päckchen verbargen sich die Geldscheine alter russischer Währung.
© Stefanie Herbst
Als Isolde Tarrach mit ihrer Tochter Tracy (25) im Internet recherchierte, stieß sie auf einen Krimi: die Tscherwonzenaffäre.
Eine Gruppe aus Exil-Georgiern, die für ein unabhängiges Georgien kämpften, Reichswehr-Offiziere und ein Öl-Magnat wollten 1927 mit 1,2 Millionen gefälschter Tscherwonzen-Geldscheine die Sowjetunion destabilisieren und das Regime stürzen. Doch die Gruppe flog auf, nachdem sie von 120.000 „Blüten“, in Frankfurt gedruckt, 12.000 in Umlauf gebracht hatte.
Geld aus kriminellen Machenschaften?
„Diese Affäre und das monatelange Zögern und Zaudern deutscher Politik und Justiz, ob man nun alles haarklein aufklären und harte Urteile fällen, oder eher alles unter den Teppich kehren solle, sorgte für einen Tiefstand der Beziehungen zwischen Berlin und Moskau“, sagt Isolde Tarrach. Das Klima war eisig, erst recht, als die Angeklagten, denen man die Schuld nicht eindeutig habe nachweisen können, freigesprochen wurden. Das sorgte in der Sowjetunion für einen Aufschrei der Empörung und gehörigen diplomatischen Druck in Berlin. Und mit dem hatten die Sowjets Erfolg. In einem Berufungs-Prozess wurden Haftstrafen verhängt.
Spannende Zeitgeschichte, die jetzt, über 90 Jahre später, durch den Fund eingemauerter Tscherwonzen-Pakete in Isolde Tarrachs Wohnung ein neues Kapitel erfährt?
Auf der Suche nach Antwort wandte sich Isolde Tarrach an den Historiker Uwe Winkler vom Stadtmuseum Berlin. Selbst für ihn ist der Fund mysteriös. „Diese Scheine sind echt, sie wurden 1937 ausgegeben, sie haben also nichts mit dem Fälscherskandal Ende der 20er-Jahre zu tun“, sagt der Experte. „Es sind legale Tscherwonzen. Seltsam, dass sie jemand stapelweise verpackt, verschnürt und eingemauert hat. Und das erst im August 1946, wenn man nach den Zeitungen geht. Darauf kann ich mir keinen Reim machen.“
Sicher ist laut Winkler nur so viel: In der Gegend um den Kudamm haben seinerzeit viele Russen gewohnt, auch zwielichtige Figuren. Hat einer von ihnen vielleicht mit kriminellen Machenschaften viel Geld gemacht und es dann rasch verschwinden lassen, als man ihm auf die Schliche kam?
Wertvoll ist der Geldfund nicht. „Auf dem Sammlermarkt gibt es genügend Tscherwonzen“, sagt Uwe Winkler.
Was wird Isolde Tarrach mit den Scheinen anfangen? Sie einrahmen? „Auf keinen Fall!“, sagt sie und lacht. „Ich möchte nichts mit einem Lenin-Konterfei an meinen Wänden hängen haben.“ Vorstellen kann sie sich das: einen spannenden Roman zu schreiben rund um die Tscherwonzenaffäre und ihren mysteriösen Fund. Michael Santen
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