Der Rufton des Telefons ertönt drei Mal, dann meldet sich seine Stimme: „Jolly Sverrisson hier. Hallo, wie geht es euch in Berlin?“ Der frühere Abwehrrecke ist locker wie immer. Dann macht er gleich einen Scherz: „Jetzt spielen wir gegen den orangen Fußballzwerg.“ Zur Erklärung: Island spielt heute in der EM-Quali in Amsterdam gegen Holland. Jollys nicht ganz ernst gemeinter Witz sagt ziemlich viel aus über das neue Selbstbewusstsein des kleinen Inselstaates.
Sverrisson beendete 2003 seine Karriere bei Hertha BSC und ging zurück in seine Heimat. „Ich wollte in Island mithelfen, etwas für den Fußball aufzubauen, für die vielen Talente, die wir haben.“ Ein Jahr zuvor entschloss sich die Regierung des Landes, Sporthallen zu bauen, so groß wie Flugzeughangars. Sieben von diesen stählernen Monstern sind auf Island verstreut. Der Grund war ganz simpel. Sverrisson: „Wir sind eine sportbegeisterte Nation, doch mit dem Fußball gab es immer im Winter ein Problem: Zu eisig, zu windig ist das Klima. Fußball gab es vorher nicht zu der Jahreszeit. Wir haben dann immer nur Handball oder Basketball in der Halle gespielt.“ Sverrisson war einer der besten Basketball-Spieler des Landes, spielte bis zu seinem Wechsel 1990 zum VfB Stuttgart in der Basketball-U21-Nationalmannschaft.
Mit diesen riesigen Sporthallen, die Kinder bis 10 Jahre umsonst nutzen dürfen, begann langsam, aber gewaltig, der Aufschwung. Sverrisson, der U21-Nationaltrainer Islands: „Wir haben daraus Trainingszentren für die Jugend gebaut. Jetzt bleiben die Kids beim Fußball – auch im Winter.“ Acht Jahre später die ersten Früchte. Sverrisson: „2010 haben wir mit der U21 Deutschland aus der EM-Quali gekegelt. Im deutschen Team haben damals die jetzigen Weltmeister Hummels, Großkreutz, Höwedes gespielt.“
Die Fußballwelt horchte zum ersten Mal auf. Doch das geht doch nicht nur, weil man Hallen für den Winter baut? Was ist wirklich das Erfolgsgeheimnis? „Athletisch sind Isländer alle, dazu haben wir einen Charakter zum Durchsetzen. Vielleicht liegt das an unserer rauen Natur.“ Gute Grundeigenschaften, dann erklärt Jolly: „Das ist es aber nicht. Wir haben die Trainingsstunden erhöht, wir haben intensive Technik- und Taktikeinheiten eingeführt. Die Trainer müssen eine Ausbildung haben, sonst dürfen sie hier keine Kinder betreuen. Bei uns gibt es keine Vatertrainer mehr. Dazu gibt es auch Mentaltrainer.“
Fünf Jahre später spielt die gesamte U21-Mannschaft von 2010 in der A-Nationalmannschaft und schockt die Riesen in der EM-Quali: 3:0 gegen die Türkei, 2:0 gegen Holland, 2:1 gegen Tschechien. Sverrisson ist stolz: „Die Jungs habe ich alle vorher trainiert.“
Heute soll es das nächste Wunder in Amsterdam geben. Jolly: „Wir haben in den letzten Jahren daran gearbeitet, dass die Spieler an sich glauben, auch wenn wir gegen große Gegner spielen. Sie entwickeln immer mehr eine Winner-Mentalität. Wir sind alle so stolz. Das ist einmalig im Fußball, so ein kleines Land hat so viel Erfolg.“
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