Früher war er ihr Chef, dann wurde er zum Opfer. Eine ganze Nacht lang sollen zwei junge Männer einen 28 Jahre alten Unternehmer aus Baden-Württemberg in ihrer Gewalt gehabt haben – gefesselt, geknebelt, zeitweise im Kofferraum seines eigenen Autos. Seit diesem Montag müssen sich die beiden vor dem Landgericht Heilbronn verantworten.
Überfall im Gewerbegebiet: So lief die Entführung
Laut Anklage passten die 21 und 24 Jahre alten Männer ihren früheren Arbeitgeber Mitte März in einem Gewerbegebiet in Besigheim (Landkreis Ludwigsburg) ab. Beide Angeklagten hatten früher in der Firma des 28-Jährigen gearbeitet.
Die Staatsanwaltschaft schildert, wie der Geschäftsführer wehrlos gemacht wurde: zuerst Kabelbinder an den Händen und ein Jutebeutel über dem Kopf, später Klebeband über dem Mund und gefesselte Füße. Erst auf der Rückbank des Autos, dann im Kofferraum soll es über abgelegene Feldwege gegangen sein – und schließlich zu seiner Wohnung, die laut Polizei in einer Gemeinde im Landkreis Heilbronn liegt.
Mit Pistole bedroht: Opfer musste Passwörter verraten
In der Wohnung soll einer der Angeklagten dem Gefesselten eine Schreckschusspistole an den Kopf gehalten haben. Die Staatsanwaltschaft zitierte seine Drohung: „Wenn du einen Murks machst, kill ich dich.“ Aus Angst gab der Unternehmer die Zugangsdaten zu Laptop, Handys und Bankkarten preis.
Mit den Daten sollen die Männer im Internet Waren für mehr als 87.000 Euro bestellt und Bargeld abgehoben haben. Wie die Ludwigsburger Kreiszeitung im April unter Berufung auf die Polizei berichtete, verriet der Mann unter Druck auch den Code eines Tresors; die Täter erbeuteten demnach Schmuck, Bargeld und teure Kleidung.
Ein weiterer Vorwurf wiegt schwer: Die Angeklagten sollen ihr Opfer gezwungen haben, vor laufender Kamera zu behaupten, es interessiere sich für 13-jährige Mädchen und habe pädophile Neigungen. Wozu die Aufnahme dienen sollte, geht aus den bisherigen Angaben nicht hervor.
Radfahrerin hilft Entführungsopfer an Feldweg
Am frühen Morgen des 17. März setzten die Männer den Unternehmer nach Darstellung der Ermittler an einem Feldweg bei Steinheim an der Murr aus. Er hatte laut Staatsanwaltschaft Verletzungen im Gesicht, an Brust und Rücken sowie an Hand- und Fußgelenken. Eine Radfahrerin, die zufällig vorbeikam, half ihm, die Polizei zu verständigen.
Einer der beiden Angeklagten in Handschellen im Landgericht Heilbronn. Sie sollen ihrem Ex-Chef gedroht haben, ihn zu töten, um an seine Bankdaten zu kommen.
© Leonie Asendorpf/dpa
Gut zwei Wochen später griff ein Spezialeinsatzkommando zu. Am Gründonnerstag, dem 2. April, durchsuchte die Kriminalpolizei mehrere Objekte in den Landkreisen Ludwigsburg und Heilbronn sowie im Rems-Murr-Kreis, wie die Ludwigsburger Kreiszeitung damals berichtete.
Die beiden Verdächtigen, ein 24-jähriger Deutscher und ein 21-jähriger Bulgare, wurden festgenommen. Bei ihnen fanden die Ermittler laut Polizei auch Gegenstände, die mutmaßlich dem Opfer gehörten.
Erpresserischer Menschenraub: Welche Strafe droht
Die Anklage lautet auf erpresserischen Menschenraub. Das Strafgesetzbuch sieht dafür in Paragraf 239a eine Freiheitsstrafe von mindestens fünf Jahren vor, nur in minder schweren Fällen liegt die Untergrenze bei einem Jahr. Seit ihrer Festnahme sitzen die Männer in Untersuchungshaft, zum Prozessauftakt wurden sie in Handschellen in den Saal geführt.
Unklar ist bislang das Motiv. Ob es zwischen dem Unternehmer und seinen früheren Angestellten zuvor einen Konflikt gegeben hatte, ließ sich zunächst nicht sagen. Bis zu einem rechtskräftigen Urteil gilt für die beiden Angeklagten die Unschuldsvermutung.
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