Ex-Agent packt aus

Die fröhlichen Spione vom Teufelsberg

Zu Sonderschichten trugen sie FDJ-Hemden, hingen Sowjetfahnen auf. Nachts mussten sie in die DDR, um dort den Müll zu checken

Stefanie Hildebrandt
Lesezeit 3 Min
Bill Scannell lauschte in den 80er Jahren als Analyst ...

Bill Scannell lauschte in den 80er Jahren als Analyst ...

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... auf dem Teufelsberg in den Ostblock.

... auf dem Teufelsberg in den Ostblock.

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In der „Field Station“ spionierten zeitweise 1500 Amerikaner und Briten.

In der „Field Station“ spionierten zeitweise 1500 Amerikaner und Briten.

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Die großen Schredder-Maschinen, genannt „The Jaws“ – das Maul.

Die großen Schredder-Maschinen, genannt „The Jaws“ – das Maul.

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1500 Amerikaner und Briten sitzen im Kalten Krieg auf der höchsten Erhebung Berlins, dem Teufelsberg und belauschen die feindliche Kommunikation bis tief in den Ostblock hinein. Einer von ihnen ist Bill Scannell. Zwei Jahre lang ist er in den 80er-Jahren dort für die National Security Agency, die NSA, als Analyst auf Abhörposten. 30 Jahre später beschreibt er in seiner Rede vor dem Chaos Computer Club in Hamburg seinen Agenten-Alltag – eine Mischung aus Hanni-und-Nanni-Streichen für Spione und Pleiten, Pech und Pannen.

Da sind zum Beispiel die Kassettenbänder, die eindeutige Warnungen vor dem Bau einer Mauer in Berlin enthalten. Doof nur, dass sie bei der NSA keiner abhört. Die sensiblen Daten, die auf dem Teufelsberg gesammelt werden, müssen erst ins US-Headquarter geschickt werden.

Als man sechs Monate später endlich im Bilde ist, haben die Bauarbeiten für die Mauer längst begonnen. Scannell erinnert sich weiter: „Geheime Akten wurden auf Mülldeponien entsorgt – und die lagen auf DDR-Gebiet.“ Die heikle Folge: US-Officers machten ständig nachts über die Grenze um die Papierpacken zu durchwühlen und zu prüfen, ob auch wirklich keine Top Secret-Daten in der DDR vermoderten.

Von ihren Streifzügen brachten die Agenten dann Ostblock-Propaganda und Sowjetfahnen mit, dekorierten damit ihre Büros. Zu Sonderschichten erschienen sie auch schon mal im FDJ-Hemd, ein Schock für unerfahrene Wachsoldaten am Eingang zur „Field Station“, Riesengaudi für Spione. Beliebt waren auch Wetten auf Abstürze der für ihr Draufgängertum bekannten Roten Armee-Piloten. Wenn die Manöver über der DDR flogen, klingelte auf dem Teufelsberg die Kasse. „Ich kann mich noch gut an einen Mann erinnern, der viel Geld gewonnen hat, als zwei Piloten über Jüterbog crashten“, weiß Scannell. Bitterböser Spionage-Spaß, der binnen Sekunden ernst werden konnte.

Wie eines Tages, als Scannell zur Arbeit erschien und absolutes Chaos vorfand. Alarmstufe Rot! Warnungen über einen bevorstehenden Angriff der Sowjets wurden von der „Field Station“ in die ganze Welt geschickt. Nukleare Raketen seien unterwegs, hieß es, chemische Waffen würden für den Krieg aufgerüstet. „Wir alle dachten, wir würden sterben. Das war’s!“, erinnert sich Scannell. Bis klar wurde, dass sich US-Präsident Reagan bei der Vorbereitung auf seine wöchentliche Radioschalte einen Spaß erlaubt und bei schon laufendem Mikro Bomben auf Russland in den nächsten fünf Minten angekündigt hatte.

Gesendet wurde der verantwortungslose Spruch des US-Oberindianers nie. Den Sicherheitsapparat einer der größten Nationen brachte er dennoch ordentlich ins Schleudern. SHI

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