Ermordete Natalja

Sie suchte das Glück und fand den Tod

Dies ist die tragische Geschichte einer jungen Ukrainerin.

Andreas Kopietz Klaus Oberst
Lesezeit 4 Min
Kriminaltechniker stellten Spuren am Tatort sicher. In dem anonymen Elfgeschosser wurde die 25-Jährige erstochen.

Kriminaltechniker stellten Spuren am Tatort sicher. In dem anonymen Elfgeschosser wurde die 25-Jährige erstochen.

© dpa

Am 25. Juli entdeckten Polizisten in Tempelhof Grausiges: In einer Wohnung lag die blutüberströmte Leiche einer 25-Jährigen – ermordet offenbar von einem 64-jährigen Rentner. Jetzt werden Hintergründe bekannt. Natalja M. aus der Ukraine hatte große Pläne und Hoffnungen, sie suchte in Deutschland ihr Glück und fand den Tod.

Rückblick: Am 25. Juli wurde die Polizei zu einem elfgeschossigen Plattenbau in der Burgemeisterstraße gerufen. In der Wohnung von Bernd S. (64) fanden eine Leiche. Was war passiert?

Mehrere Ukrainische Medien berichten, dass Natalja – von ihren Bekannten Natascha genannt – davon träumte, in ihrer Stadt Zastavna in der Region Czernowiz einen eigenen Schönheitssalon zu eröffnen. Dafür brauchte sie viel Geld, sie verließ ihr gewohntes Leben und ging, wie Tausende aus ihrem Land, zur Arbeit nach Deutschland.

Nur ein dreimonatiges Touristenvisum

In Czernowitz war sie demnach in einem Schönheitssalon angestellt, verlängerte Wimpern und manikürte Nägel. Mit ihrer Arbeit wollte sie auch die Zukunft ihrer achtjährigen Tochter sichern, die zu Hause auf sie wartete. So wie auch ihr Mann.

Sie habe viel gearbeitet, sagt ein Bekannter dem KURIER. Er berichtet, dass die junge Frau im Wechsel mit ihrer Mutter in Berlin als Putzfrau gejobbt habe. Abwechselnd deshalb, weil ukrainische Staatsbürger für Deutschland nur ein dreimonatiges Touristenvisum erhalten.

Ihre Reise in den Tod begann im Mai. Natalja wollte ein letztes Mal Geld verdienen und dann für immer zur ihrer Familie zurückkehren, zu Mann und Kind.

Kaum Kontakt zu den Nachbarn, die sie für eine Polin hielten

Bernd S., der bis zu seiner Rente als Hausmeister in dem Elfgeschosser arbeitete, hatte einen Labrador. Irgendwann traf er auf Natalja, die Hunde liebte und Mitglied in einem Hundeclub war. Er bot ihr an, seinen Campino auszuführen – sie stimmte zu. Er lud sie ein, nicht nur mit dem Hund spazieren zu gehen, sondern auch bei ihm zu Hause zu wohnen und zu putzen. Fortan lebte und arbeitete sie bei ihm in der Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung.

Zu den Nachbarn hatte sie kaum Kontakt. Diese dachten nur, dass S. sich „eine Polin“ geangelt habe. Ob die Ukrainerin und Bernd S. außer der Arbeits- auch eine Liebesbeziehung hatten, weiß niemand so genau. „Sie war aber wohl keine Nonne“, sagt ein Bekannter, der mit ihr aufgewachsen ist, dem KURIER.

Offenbar betrachtete der Rentner die junge Frau als seine Leibeigene. Laut einer ukrainischen Zeitung hatte Natalja Freunden gegenüber erwähnt, dass der Mann sie nicht gehen lassen wollte. Plötzlich sei ihr Reisepass verschwunden. Sie vermutete, dass Bernd S. ihn versteckt hatte. Natalja ließ sich ein Ersatzdokument ausstellen, um zurückzukehren.

Leiche lag mehrere Tage in der Wohnung

Am 21. Juli telefonierte sie mit ihren Eltern und ihrem Ehemann. Sagte, dass sie am nächsten Tag zurückkehren wolle. Nach drei Tagen war sie immer noch nicht da. Ihr Handy war ausgeschaltet. Die besorgten Eltern schickten eine in Berlin lebende Ukrainerin zur Wohnung. Bereits im Flur der 7. Etage sah sie, dass Wände und Boden voll Blut waren. Im Flur und in der Wohnung musste ein Kampf stattgefunden haben. Niemand reagierte auf ihr Klopfen.

Von der Ukraine aus riefen die Eltern die Polizei. Beamte rammten die Tür ein. In der Wohnung lag Natalja – bereits vor zwei Tagen erstochen. Bernd S. war die ganze Zeit bei ihr. Neben Natalja lag ihr Reisepass.
Nach Angaben der Staatsanwaltschaft kann sich der Mann an das Geschehen angeblich nicht erinnern. „Zum Motiv gibt es keine gefestigten Erkenntnisse“, sagt ein Sprecher.

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