Einstürzende Altbauten

Der Trümmer-Späti ist kein Einzelfall

Die Folgen und die Angst: Kann mir das auch passieren?

Marcus Böttcher
Lesezeit 3 Min
Späti-Chef Yunus Uygur in seinem zerstörten Geschäft im Prenzlauer Berg.

Späti-Chef Yunus Uygur in seinem zerstörten Geschäft im Prenzlauer Berg.

© Eric Richard

Am 5. Mai krachte die Decke des Altbaus in den Späti in der Kanzowstraße in Prenzlauer Berg. Am hellen Tag. Jetzt reagierte das Bauamt – es könnte für Uygur und seine Nachbarn dramatische Folgen haben.

Doch von vorn: So wirklich ernst scheint man im Bezirk Pankow den Fall nicht genommen zu haben. Obwohl bereits am Tag des Deckeneinsturzes informiert, besichtigte erst nach dem KURIER-Bericht vom Freitag die Bauaufsicht den Laden. Der eilig informierte Außendienstmitarbeiter machte große Augen: „Das ist schon außergewöhnlich, so etwas sieht man selten bis nie. Hier haut auf jeden Fall etwas nicht hin.“

Ein Außendienstmitarbeiter der Bauaufsicht fotografiert die Schäden.

Ein Außendienstmitarbeiter der Bauaufsicht fotografiert die Schäden.

© Paulus Ponizak

Ersten Einschätzungen zufolge riss die Rohrputzdecke die darunter befestigten Deckenplatten auf mehreren Quadratmetern herunter. Warum sie sich löste, ist bislang völlig unklar. Der Außendienstler: „Eine solche Decke fällt nicht einfach ab.“ Sorge bereitet auch der Blick auf die braunen Holzbalken der tragenden Decke. Einige fehlten, und die, die da waren, machten keinen guten Eindruck. Zum Teil waren sie leicht durchgebogen, einige wirkten angefault, vergammelt und marode.

In der Hauptstadt dürfte dies kein Einzelfall sein, auch wenn es anderswo aufgrund von Verschönerungsarbeiten nicht auf so dramatische Art und Weise zum Vorschein kommt. In der Wiederaufbauphase nach dem Zweiten Weltkrieg, bis in die 1960er-Jahre hinein, wurden zum Bau neuer Häuser oft Restmaterialien verwendet. Zwangsweise, aus Mangel, wurde vor allem an tragenden Bauteilen gespart – was sich nun wie in der Kanzowstraße zu rächen scheint.

Am Freitag berichtete der KURIER über den Deckeneinsturz in „Mizgin Minimarkt“.

Am Freitag berichtete der KURIER über den Deckeneinsturz in „Mizgin Minimarkt“.

© Paulus Ponizak

Zum einen wurde an der Holzqualität gespart, was heute zu verstärktem Schädlingsbefall führt. Wurde an der Holzmenge gespart, kann sich das auf die Statik auswirken.  Vor allem Dachstühle alter Häuser  sind gefährdet. Wie viele Berliner Wohnhäuser betroffen sind, lässt sich nicht seriös schätzen – zumal Bauämter großteils erst eingeschaltet werden, wenn dicke Risse zu sehen sind oder Brocken aus Wänden herausfallen.

Der für Stadtentwicklung zuständige Pankower Stadtrat, Vollrad Kuhn, will nun im Fall des „Mizgin Minimarkts“ für Aufklärung sorgen. „In der kommenden Woche wird sich ein technischer Sachbearbeiter mit der Hausverwaltung in Verbindung setzen“, sagte der Grünen-Politiker dem KURIER.

Das Haus in der Kanzowstraße ist sanierungsbedürftig.

Das Haus in der Kanzowstraße ist sanierungsbedürftig.

© Paulus Ponizak

Wahrscheinlich ist, dass die Firma mit Sitz in Schmargendorf dazu aufgefordert wird, ein Statikbüro mit der Prüfung der Decken zu beauftragen. Wenn es dumm läuft, stellt dieses fest, dass der Viergeschosser die Lasten nicht mehr aushält, er wegen Einsturzgefahr gesperrt werden muss.

Bislang ist dies noch Spekulation. Im Haus nahe dem S-Bahnhof Prenzlauer Allee aber geht das Horrorszenario schon um. Wie bei Aryane Beaudoin, die seit vier Jahren in der Kanzowstraße über dem Späti wohnt. „Sicherlich war mir immer klar, dass das Haus kleine Ausbesserungen nötig hätte, eine Komplettsanierung kam mir aber nie in den Sinn“, so die 29-Jährige.  

Anwohnerin Aryane Beaudoin fürchtet umfangreiche Reparaturen fürchtet.

Anwohnerin Aryane Beaudoin fürchtet umfangreiche Reparaturen fürchtet.

© Paulus Ponizak

Für Späti-Chef Yunus Uygur geht unterdessen der Kampf um sein Lebenswerk weiter. Bier, Zigaretten, Tiefkühlpizza, Süßigkeiten, Katzenfutter, Einwegrasierer, alles das was oft benötigt wird und Geld bringt, kann er nicht mehr verkaufen. Ihm bleibt nur, Obst und Gemüse an seine Kunden zu bringen.

Dafür hat er draußen vor seinem Minimarkt Verkaufsstände aus Holz gebastelt. Um sein Geschäft damit dauerhaft am Laufen zu halten, reichen die Einnahmen jedoch nicht. Uygur muss schnellstmöglich den gesamten Laden wieder öffnen. Ob das jemals möglich sein wird, entscheidet der Statiker.

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