33820 Kinder werden in Berlin eingeschult
Das Dorf, in dem unser Sohn die letzten fünf Jahre einen großen Teil seiner Tage verbrachte, das sein Netz wurde, mit Freunden und Ritualen – die Kita – hat ihn rausgeworfen. Mit sechs Jahren ist ein Kind schulpflichtig, da gibt es nichts zu rütteln. Die behütete Zeit ist mit Konfetti, Festen und Luftballons zu Ende gegangen.
Heute feiern wir, wie 33820 Familien von Erstklässlern in Berlin, den Einzug in ein größeres Dorf. Eins mit strengeren Regeln, mit mehr Einwohnern – auch doofen, mit mehr Möglichkeiten. Aber auch mit mehr Herausforderungen.
Berliner Schul-Realität: Übervolle Klassen, zu wenig Plätze
Kinder, die nicht gut genug Deutsch sprechen, um in der ersten Klasse gut anzukommen, Schulen, die Zelte aufstellen müssen, damit alle das kostenlose Mittagessen auch zu sich nehmen können, übervolle Klassen, Schulgebäude, die sanierungsbedürftig sind, zu wenige Schulplätze. Es kann einem schon bange werden, beim Umzug ins chaotische Berliner Bildungssystem. Doch zum Glück ist es nicht so, dass unser Kind aus einem Kita-Paradies in die irdischen Jammertäler geschubst wird, die in der Schullandschaft an der Spree zu Durchwandern sind. Wir sind gerüstet.
Eltern eines Berliner Erstklässlers hatten genug Zeit, sich mit fehlendem Personal, und anderweitigem Mangel in der Kita auseinanderzusetzen. Doch auf unserem Weg haben wir etwas sehr Wichtiges gelernt: Darauf zu vertrauen, dass Kinder, dass Du, mein Sohn, es schon gut machen wirst, egal wie widrig die äußeren Umstände sind. Und dass da immer wieder Menschen sind, die ihr Bestes geben und so vieles wettmachen.
Endlich Lesen, Schreiben und Rechnen lernen – Du freust dich auf die Schule. Neulich haben wir uns beim Abendbrot über Atome unterhalten. „Ihr glaubt es nicht“,, hast Du gerufen, „die schwimmt!“ Begeistert hattest Du ein Stück Gurke mit einem Mega-Plopp in Deinem Wasserglas versenkt.
Es muss ja nicht gleich Astrophysik sein
Es wird eindeutig Zeit für mehr gelenkten Input. Es muss ja nicht gleich Astrophysik sein. Klar ist, unser neuer Alltag wird von Montag an in geordneteren Bahnen verlaufen. Taktgeber wird der Stundenplan sein und die gezeitengleiche Folge von Ferien und Unterricht. Du wirst in eine ganz normale Schule gehen, wie über 90 Prozent der anderen Erstklässler auch. Keine private Einrichtung. Der Schulweg, den Du einmal alleine bewältigen sollst, die Freunde in der Nähe, mit denen Du nachmittags spielen kannst, die soziale und kulturelle Mischung, sie haben uns die Entscheidung leicht gemacht.
In der letzten Woche haben wir für ein paar Stunden schon einmal den Schulhort getestet. Es gab kostenloses Mittagessen. Chinanudeln. Eklig. Alles normal also. Und es gab eine Erzieherin, die sich euch Neuen liebevoll zuwandte. „Im Grunde sind es doch die Verbindungen mit Menschen, welche dem Leben seinen Wert geben“, sagt Wilhelm von Humboldt. Ich hoffe, Deine Klassenlehrerin weiß, welch wichtige Rolle sie in Deinem Leben spielen wird. An meine Frau Bär habe ich noch heute die besten Erinnerungen. Der Eintritt in die Leistungsgesellschaft bereitet mir noch keine Bauchschmerzen. Noch tragt ihr im Klassenzimmer Hausschuhe. Eins nach dem anderen.
Für heute aber dies: Das ist Dein Tag, mein Großer. Ich wünsche Dir, dass Deine Neugier bleibt, der Enthusiasmus auch. Ich wünsche Dir, dass der doofe David sich als doch ganz nett entpuppt, dass es oft Eierkuchen gibt und noch öfter „Ihr glaubt es nicht“-Momente der Begeisterung. Ich wünsche Dir, dass Du Freunde fürs Leben findest, dass Du mutig in die Welt hinausgehst, sie braucht euch alle.
Wer mal Astronaut werden will, wie Du, der muss genau hier und heute mit dem ersten Schritt anfangen. Und mit einer randvollen Zuckertüte und unseren Händen, die Du greifen kannst. Immer. Also, wenn es Dir nicht peinlich ist.
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