Eine polnische Putzfrau packt aus

Die schmutzigen Geheimnisse der Deutschen

Stefanie Hildebrandt
Lesezeit 4 Min

Frau Polanska. Der Name klingt falsch, weil er falsch ist. Würde Justyna Polanska ihre wahre Identität verraten - mit einem Wisch wäre sie all ihre Auftraggeber los. Ihre Kunden erwarten Verschwiegenheit. Nicht ohne Grund, wie man nach der Lektüre ihrer Aufzeichnungen weiß.Justyna Polanska ist Putzfrau. Jeden Tag schaut sie hinter die Fassade deutscher Eigenheime und Mietwohnungen. Sie blickt in Küchen- und Charakterabgründe, wagt sich an die schmierigen Ecken. Und Typen. Normalerweise lüftet Justyna Polanska Betten, jetzt sind die dreckigen Geheimnisse der Deutschen dran. "Unter deutschen Betten - eine polnische Putzfrau packt aus" (Knaur, 8,99 Euro) heißt ihr morgen erscheinendes Buch.Auf ihren Putz-Touren durch die Republik begegnet die Polin unterschiedlichsten Kunden: Da ist der obercoole Macho, der die blonde Putzfrau in sein Bett mit Bärchenbettwäsche lotsen will. Der Antiquitätenhändler, der zwar einen teuren Wagen vor der Tür, doch nicht mehr als Licht im Kühlschrank hat. Der Rentner, der im Wäschekeller regelmäßig Flusen aufsammelt, um sie der Polin vorwurfsvoll auf weißem Papier zu präsentieren.Justyna Polanska arbeitet heimlich schwarz für eine angesehene Richterin und ist die verschwiegene Komplizin eines Polizeihauptkommissars. Bei ihm putzt Justyna nicht nur, sondern gießt auch einmal die Woche die "Tomaten". Dass es sich dabei um Hanfpflanzen handelt, weiß sie spätestens, seitdem die Pflanzen duftend geblüht haben. "Aber wir tun weiterhin so, als hätten wir beide keine Ahnung von der illegalen Zucht auf dem großen Sonnenbalkon", erzählt Justyna.Doppelmoral wohin das gestrenge Putzfrauen-Auge blickt. Hinter der schönen Fassade bröckelt es bei vielen ihrer Kunden gewaltig. Niemand würde vermuten, dass der gut situierte Zahnarzt mit dem edlen Weimaraner-Rüden daheim geklaute Handtücher aus dem "Steigenberger-Hotel" hortet. Nach außen Snob, trinkt der feine Doktor in der eigenen Küche wie Otto Normalverbraucher aus alten Senfgläsern. Ein Balkon-Plastikgras-Teppich und eine Häkelhaube fürs Toilettenpapier im Gästeklo sind Stoff gewordene Beweise dafür, dass sich auch der 36-jährige Zahnklempner guten Geschmack nicht kaufen kann.Justyna sieht und schweigt. Oder lacht nach Dienstschluss darüber, wie peinlich viele ihrer Kunden sind. "Am Anfang habe ich mir alles sehr zu Herzen genommen. Jetzt lache ich meinen Ärger weg. Ohne Humor würde ich diesen Job nicht lange aushalten."Denn Putzen in Deutschland, das heißt auch täglich Anrufer abwimmeln, die statt Sauberkeit ihr dreckiges Sex-Vergnügen wollen. Das heißt, den treu sorgenden Ehemann resolut in die Schranken weisen, wenn er vor der Haushaltshilfe die Hosen runterlässt. Und es bedeutet, gründliche Kontrollen durch unwirsche Herrinnen nicht allzu persönlich zu nehmen.Eine ältere Lady platzierte einmal ein Cent-Stück als Feudel-Falle auf einem Bilderrahmen. Als es nach Justynas Dienstschluss immer noch da lag, feuerte sie die Putzfrau. Ein findiger Ingenieur klebte mit Tesafilm seine Haare auf Schranktüren und Schubladen, um zu prüfen, ob Justyna sie auch wirklich nicht öffnete. Eine auf den ersten Blick schrecklich nette Familie versteckte wochenlang Geldscheine in Sofaritzen oder unter Vasen, um Justynas Rechtschaffenheit zu testen. Lächelnd lieferte sie jeden einzelnen ab.Ein Test der anderen Art ist der forsche Blick in die dunklen Ecken. Wenn Justyna Polanska ihre Hand bis zum Ellenbogen in Toiletten steckt, hinter Schränke und unter Betten schaut, fördert sie oft Unglaubliches zutage. Auf Justynas persönlicher Hitliste der unter Betten gefundenen Gegenstände stehen: zwei Milchpackungen, eine leer, die andere halb voll und vergoren eine verschimmelte Pizza ein halbes Hähnchen benutzte Tampons benutzte Kondome ein Häufchen Hundekotze ein ganzer abgefallener Nagel eines großen Zehs zwei frisch entfernte Weisheitszähne eine lebende Natter und die mumifizierten Überreste eines seit Wochen vermissten Hamsters.Warum sie bei solchen Herausforderungen nicht längst das Putztuch geworfen hat? Weil es auch die Guten gibt: Die Nutten, die im Puff Süßigkeiten für die Putzfrau auf dem Nachttisch hinterlassen. Die chaotische Anwalts-Gattin, die den Vogeldreck am Villen-Fenster lieber selber abkratzt, als auf die Putzfrau zu warten. Justyna weiß: "Wirklich feine Menschen sind sich für nichts zu fein."------------------------------DIE "NETTESTEN" GESCHENKE DER ARBEITGEBERKleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Besonders zu Weihnachten oder zum Geburtstag nutzen viele von Justynas Kunden die Gelegenheit, ihrer Putzperle endlich einmal zu zeigen, wie sehr sie sie schätzen. Oder wie herzlich egal sie ihnen ist.Justyna Polanska hat über viele Jahr ihre persönliche Hit-Liste der "nettesten" Kunden-Geschenke aufgeschrieben. Sie hat sie alle tatsächlich bekommen...Eine Packung Lebkuchen, allerdings vom Vorjahr Ein Buch mit nützlichen Putztipps Ein Langenscheidt Deutschbuch Eine Stiege mit gemischten Obstkonserven nebst beigelegtem Zettel "Für Polen" Ein Teelicht und einen Teebeutel mit dem Hinweis: "Für einen entspannten Feierabend!" Ein Beutel Kräutermischung "Leckere Salatkräuter" Einen 5-Euro-Gutschein für H&M Ein Zwei-Euro-Stück mit dem guten Rat "Gehen Sie mal schön was trinken!" Ein Würfel Traubenzucker und der Spruch: "Damit Sie auch immer viel Energie beim Putzen haben!" Ein Werbe-Kugelschreiber der Deutschen Bank Zwei Flaschen Aldiwasserohne Kohlensäure und Ein Notfallnähset aus dem Hotel. Danke!------------------------------Zwischenzeile: STATT SAUBERKEIT WOLLEN SIE DRECKIGES VERGNÜGENZwischenzeile: HAMSTER- MUMIE UND EINE NATTER UNTER DEM EHEBETT

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