KURIER-Serie

Nachts. Ein Grill. Sechs Probleme

Berliner lieben ihre Curry. Aber wie ist es, am Grill zu stehen?

Florian Thalmann
Lesezeit 6 Min
KURIER-Reporter Florian Thalmann bei seiner Schulung zum Currywurst-Experten.

KURIER-Reporter Florian Thalmann bei seiner Schulung zum Currywurst-Experten.

© Sabine Gudath

So ein Sch...! War klar, dass das passiert. Nur ganz kurz passe ich nicht auf – schon landet ein kochend heißer Fettspritzer auf meiner Hand. Ich zucke. Mist! Wenn man einer Imbissbude schuftet, gehört das dazu. Leider. Nachlassen darf ich trotzdem nicht.

Die Currywurst ist quasi das Nationalgericht Berlins. Viele finden sie lecker – aber wie ist es für die, die Tag und Nacht am Grill stehen, um zu brutzeln? Ich wage den Test: eine Schicht als Wurst-Koch bei Curry 36 am Mehringdamm.

Die Kette ist seit Jahren eine feste Größe der Imbiss-Kultur. Was als Futter-Wägelchen „Wurstmaxe“ begann, wurde ein Erfolg. Wie viele Kunden kommen pro Tag? „Wie oft atmest du?“, fragt Lazo (30) zurück. Er ist der Schichtkoordinator im Mehringdamm-Domizil, arbeitet hier seit fünf Jahren, macht mich zum Brater. Meine Schicht beginnt 21 Uhr, der Laden brummt. Bevor es um die Wurst geht, muss die Arbeitsklamotte stimmen. Im Hinterzimmer bekomme ich Curry 36-Weste und Schürze.

Erstes Problem.

Ich habe nie in der Gastronomie gearbeitet – und muss dreimal eine Schleife machen, bis ich vorzeigbar bin. Die richtige Kleidung muss sein. „Wenn du hier raus bist, stinken die Klamotten“, sagt Lazo. Privat-Kleidung wird im Spind eingesperrt.

Dann: Waschbecken, Hände waschen. Wir wollen ja die Nachtschwärmer von meinen Keimen verschonen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite mit welchen Problemen KURIER-Reporter Florian Thalmann alles zu kämpfen hat.

Zweites Problem.

Von der Belehrung, die ich mir vor Arbeitsantritt im Gesundheitsamt holen musste, habe ich die Hälfte vergessen. Lazo zeigt’s mir. Hände nass machen, mit Seife waschen, dann jeden Finger, Nagelfalze und die Handrücken.

Zuerst geht’s an die Fritteuse. Ein Job, der kräftig auf die Arme geht. Aber ein wichtiger. 100 Kilo Fritten werden pro Tag verbraucht, sagt Lazo. Während ich im Dunst stehe, senkt sich der Korb mit den Pommes ins Fett. „Wenn sie oben schwimmen, sind sie fertig“, sagt Lazo. Dann muss der Korb geschüttelt werden.

Nachts in der Currywurstbude

Drehen, drehen, drehen! Wenn vor dem Imbiss die Gäste warten, läuft der Bräter drinnen volle Pulle.

Drehen, drehen, drehen! Wenn vor dem Imbiss die Gäste warten, läuft der Bräter drinnen volle Pulle.

© Sabine Gudath

Hände waschen nicht vergessen! Hygiene ist zum Schutz der Gäste im Imbiss-Geschäft sehr wichtig.

Hände waschen nicht vergessen! Hygiene ist zum Schutz der Gäste im Imbiss-Geschäft sehr wichtig.

© Sabine Gudath

KURIER-Reporter Florian Thalmann füllt Ketchup nach – kein leichter Job.

KURIER-Reporter Florian Thalmann füllt Ketchup nach – kein leichter Job.

© Sabine Gudath

Lazo (30) erklärt dem KURIER-Reporter das Wurst-Wenden.

Lazo (30) erklärt dem KURIER-Reporter das Wurst-Wenden.

© Sabine Gudath

Auch die Arbeit an der Fritteuse geht mächtig auf die Arme, wenn die Kartoffelstäbchen im Korb geschüttelt werden müssen.

Auch die Arbeit an der Fritteuse geht mächtig auf die Arme, wenn die Kartoffelstäbchen im Korb geschüttelt werden müssen.

© Sabine Gudath

Bei der Arbeit in der Bude herrscht tolle Stimmung. Auch Ines (48) und Günter (61) sind immer bester Laune, wenn sie nachts am Grill stehen.

Bei der Arbeit in der Bude herrscht tolle Stimmung. Auch Ines (48) und Günter (61) sind immer bester Laune, wenn sie nachts am Grill stehen.

© Sabine Gudath

Kerstin (52) arbeitet seit neun Jahren bei Curry36, hat viel erlebt.

Kerstin (52) arbeitet seit neun Jahren bei Curry36, hat viel erlebt.

© Sabine Gudath

Carsten und Richard (beide 50) sind Stammkunden. „Wenn wir nach Berlin fahren, kommen wir oft als erstes hierhin, das ist schon ein Ritual.“

Carsten und Richard (beide 50) sind Stammkunden. „Wenn wir nach Berlin fahren, kommen wir oft als erstes hierhin, das ist schon ein Ritual.“

© Sabine Gudath

Mmmh! Nach der anstrengenden Arbeit in der Currybude schmeckt die Belohnungs-Wurst doppelt.

Mmmh! Nach der anstrengenden Arbeit in der Currybude schmeckt die Belohnungs-Wurst doppelt.

© Sabine Gudath

Drittes Problem.

Das ist nix für meine Spargel-Ärmchen. Sie tun nach Sekunden weh. Die Pommes knistern – noch ein Zeichen, dass sie gut sind.

Jetzt darf ich an den Wurst-Grill. Es ist eine der Königsdisziplinen der Bude. Lazo ist Profi. Vor im liegen die Würste in drei Reihen. Mit der Zange berührt er jede in der Mitte, rollt sie auf die andere Seite. Zack, zack, zack. Ein Wahnsinns-Tempo! In Sekunden sind alle gedreht.

Viertes Problem.

Ich bin dran. Trottelig versuche ich, die Fleischröllchen zu wenden. Durch die Glasscheibe können die Gäste zugucken – und sich amüsieren, wie ich scheitere. „Ich bin nur Praktikant“, sage ich. Lazo baut mich auf. Ich sei besser als andere Neulinge.

Dann, es musste passieren, landet der erste Spritzer auf meiner Hand. Ich zucke zurück. Ich bin echt ’ne Fett-Mimose. Lazo zeigt mir seine Arme. Auf dem rechten sind rote Punkte zu sehen. „Ich drehe die Würste mit rechts, wie man sieht“, sagt er. Ich übe, übe, übe. Konzentriert beuge ich mich nach vorn – „wenn du das so machst, kriegst du nach zwei Stunden krasse Rückenschmerzen“, sagt Lazo.

Unter mir blubbert Fett, um mich herum wuseln die Kollegen, um die hungrigen Mäuler der Kunden zu stopfen. Auch der Nachschub ist wichtig – mein nächster Job. Ich soll Ketchupflaschen nachfüllen. Easy! Aus einem Eimer mit Pumpe soll ich die rote Sauce in die Pullen pumpen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite das sechste Problem und warum alles doch gar nicht so schlimm.

Fünftes Problem.

Das mit der Hebelwirkung kapier’ ich nicht. Beim ersten Versuch springt der Deckel vom Eimer, weil ich falsch drücke. Lazo lacht. Nix für mich. Auch hier schmerzen mir nach Minuten die Arme.

Zurück zur Wurst, das kann ich. Aber: Nun soll ich verkaufen. Schneiden geht gut, aber der dazugehörige Plausch mit den Kunden? Ich bin nervös.

Sechstes Problem.

Wo nehmen die Profi-Currys nur ihre flotten Sprüche her? Da sitzt jeder Gag. Irgendwie fehlt mir das Improvisationstalent. „Zwei Curry mit Pommes, bitte!“ – „Na, dann fang mal an zu rechnen“, sagt Lazo zur Kundin. „Bist du auch auf 36,20 Euro gekommen?“ Die Wurst wird mit einem Lächeln serviert. Ich gucke meistens konzentriert. Mein einziger Spruch: „Ich bin hier nur Praktikant.“

Gerade der Kontakt mit den Kunden ist es, der dem Job die Würze gibt. „Wie wir hat auch jeder Gast eine andere Macke“, sagt Lazo. Einmal gab es einen, der 23 Würste schaffte – unvergessen. Bei einer anderen Gelegenheit versuchte ein Team, vor der Currybude einen Pornofilm zu drehen. Ein anderer Gast zog sich vor dem Laden aus, um eine Wurst spendiert zu bekommen. „Einmal kam ein Japaner, der die komplette Speisekarte bestellte. Alle Gerichte“, sagt Kerstin (52), die seit neun Jahren hier arbeitet.
Neun Jahre? Niemals! Nach ein paar Stunden quittiere ich den Dienst. Die Wurst-Krone darf ich mir heute nicht aufsetzen – denn essen kann ich besser als braten. Zumindest die Belohnungs-Curry habe ich mir verdient. Natürlich mit Pommes. Rein damit. Und alle Probleme sind vergessen. 

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