Wolf-Dietrich stellt seinen Kunststoff-Klapphocker neben den Stuhl vor dem Esstisch. Dann stützt er sich mit der linken Hand auf und zieht sich mit dem rechten Arm hinauf. „Immerhin sind das 32 Zentimeter mehr, die mir das Leben erheblich erleichtern“, sagt er und lacht. Er ist nur 1,20 Meter groß und seine Frau Geertje dagegen 1,80 Meter.
Liebe beseitigt sämtliche Distanzen
„Für uns war der Größenunterschied nie ein Problem“, sagt Geertje Molzow. Sie war gerade 17, als sie ihren Mann zum ersten Mal traf. Das Schicksal hatte sie zusammengeführt, „aber meine Mutter hat damals auch ein bisschen nachgeholfen“, sagt Wolf-Dietrich Molzow. Seine Geertje sang im Kirchenchor, den seine Mutter in ihrer Heimatgemeinde Hohn bei Rendsburg leitete. „Sie lud Geertje nach der Chorprobe zu uns ein. Ich habe sie auf Anhieb gemocht, als sie uns miteinander bekannt machte.“ Dabei war ihr Kennenlernen alles andere als romantisch. „Seine Mutter schob mich einfach in Wolf-Dietrichs Zimmer und sagte: ,Nun unterhaltet euch mal’.“
Ihre Zuneigung musste zunächst nicht nur den Größenunterschied, sondern auch eine räumliche Distanz überwinden. Sie steckte mitten im Abitur und besuchte das Gymnasium und er studierte etwa 300 Kilometer entfernt in Braunschweig. Doch Wolf-Dietrich musste ständig an Geertje denken und wagte nach einem Jahr endlich, ihr zu schreiben. Er sendete Geertje eine Postkarte aus seinem Ostfriesland-Urlaub. „Ich vermisse Dich, nicht nur wegen Deines Windschattens“ stand darauf. Worte, die auch Geertje tief berührten. Wolf-Dietrich und Geertje kamen sich langsam näher. Sie trafen sich immer häufiger, mal in Rendsburg, mal in Braunschweig. Ihre Liebe besiegte sämtliche Distanzen.
Für das Paar war der Größenunterschied nie ein Problem.
© Bernd Friedel
Humor als Selbstschutz
Dass Menschen tuschelten, wenn sie mit ihrem 60 Zentimeter kleineren Partner das Restaurant betrat, störte Geertje Molzow nicht. Für Wolf-Dietrich gehören erstaunte Blicke ohnehin zum Alltag. „Einmal fragte mich eine Verkäuferin an der Kasse, warum ich denn vor ihr niederknien würde“, sagt Wolf-Dietrich Molzow und lacht laut los. Er lacht auffallend viel, wenn er über das Leben mit seinem Handicap erzählt. Er sagt: „Humor ist mein kleiner Selbstschutz.“ Molzow kam mit der Behinderung zur Welt. Das Medikament Duogynon, das seine Mutter während der Schwangerschaft nahm, hatte bei ihm körperliche Schäden verursacht.
„In der Schule war es nicht immer einfach, wenn man so klein ist wie ich“, erzählt Wolf-Dietrich Molzow. Als sich die ersten Jungen in seinem Alter verliebten, sich für ihn aber kein Mädchen interessierte, habe das schon geschmerzt. Umso glücklicher war er, als er seine Geertje ein paar Jahre später traf. Eine Frau, die genügend Selbstbewusstsein besitzt, um ihn so zu akzeptieren, wie er ist.
Zum Küssen in die Hocke gehen
Heute sind die Beamtin und der Elektroingenieur 35 Jahre verheiratet. Im Alltag sind sie längst ein eingespieltes Team. Sie besuchen gemeinsam den Kanusport-Verein, gehen einmal pro Woche in Restaurants wie ihren „Lieblings-Kroaten“ in Tiergarten und reisen gern in die USA. Auch im Haushalt sind die Rollen klar verteilt. „Wolf-Dietrich putzt den Boden und ich die Fenster, er benutzt die unteren Regale, ich die oberen“, sagt seine Frau.
Ihre Liebe kann auch anstrengend sein. „Wenn ich Wolf-Dietrich umarmen oder küssen will, muss ich in die Hocke gehen“, verrät Geertje Molzow. Ob sie sich nie einen größeren Mann an ihrer Seite gewünscht hat, einen dem sie, ohne sich zu bücken, in die Augen schauen kann? „Warum? Wolf-Dietrich ist der Mann, den ich liebe“, sagt sie – und das klingt ganz schön groß. Ein Leben ohneeinander, das wäre für die Molzows unvorstellbar.
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