Kommt mal wieder runter!

Die Spaß-Plage

Die Stadt hat ein neues Feindbild: Menschen, die auf E-Rollern stehen.

Paul Linke
Lesezeit 5 Min
Eine Fahrt zu zweit auf einem Roller ist in Deutschland verboten. 

Eine Fahrt zu zweit auf einem Roller ist in Deutschland verboten. 

© Uhlemann

Entschuldigung, suchen Sie auch ein Tier? Die Frau schaut mich an, als hätte ich bereits einen Vogel. Dabei hält sie wie ich ein Smartphone in den Händen, blickt abwechselnd aufs Display und in vier Himmelsrichtungen, sie scheint wie ich auf der Suche zu sein. „Nee“, sagt sie aber. „Hier soll irgendwo ein Burgerladen sein.“ Da vorne, sage ich. Sie bedankt sich, geht.

Und wo ist jetzt mein Tier? Die App zeigt doch an, dass ich nur noch drei Meter entfernt bin vom einem E-Scooter des Berliner Start-ups Tier, dem mit der Nummer 115027. Aktuelle Akkuleistung: 100 Prozent. Mein Status: bedingt abfahrbereit.

Ein Monat E-Scooter in Berlin

Seit einem Monat gilt ein deutsches Wort mit 33 Buchstaben: Elektrokleinstfahrzeugeverordnung. Seit einem Monat dürfen Verleiher wie Tier, Circ, Lime oder Voi ihre mit Elektromotoren betriebenen Tretroller in deutschen Städten aufstellen. In diesem Monat wurde auch in Berlin eine Verkehrsdiskussion losgetreten. Eine typisch deutsche Diskussion, der eine Eigenschaft abgeht: Gelassenheit im Umgang mit Minderheiten.

Denn das sind bislang nur Zehntausende E-Scooter im Vergleich zu 75 Millionen Fahrrädern und 47 Millionen Autos auf unseren Straßen – eine Minderheit. Eine allerdings, die offensiv Lobbyarbeit betreibt und auf das Momentum setzt. Aktuellen Studien zufolge machen sich drei Viertel der Deutschen Klimasorgen, ein Drittel will in Zukunft häufiger aufs Auto verzichten. Eine Verkehrswende soll es geben, aber noch hat die Regierung den Wendekreis eines Öltankers.
Ich rolle in den Berufsverkehr, wo Fahrradpapas Bestzeiten zwischen Kita und Büro aufstellen wollen und rote Ampeln als Vorschlag verstehen. In Deutschland ist auch ein Wort mit 22 Buchstaben gültig: Straßenverkehrsordnung. Zur Erinnerung die Grundregel: „Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.“

Seit Einführung der E-Scooter in Europa gab es einige tödliche Unfälle: Stockholm, Paris, Barcelona, London. In Berlin blieb es bei Verletzungen. Siegfried Brockmann erklärt: „Die Unfallzahlen sagen noch nichts aus, das ist purer Zufall.“ Der Leiter der Unfallforschung beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft geht davon aus, dass es erst nach zwei bis drei Jahren belastbares Datenmaterial geben wird. Brockmann sagt trotzdem: „Ich vermisse, dass die Polizei deutlicher gegensteuert.“ Fußgänger müssen mehr geschützt werden.

Berliner Verkehrspolitik gilt als liberal

Vor dem Park Inn stehen Herr Weber und fünf Kollegen: Verkehrskontrolle. Die Kelle geht raus, als fünf Scooterfahrerinnen auf dem Bürgersteig anrollen. Ein Bußgeld von 15 bis 30 Euro wäre denkbar, aber es bleibt bei einer Ermahnung, den Fahrradweg zu benutzen. „Berlin gilt als liberal“, sagt Herr Weber, „auch was die Verkehrspolitik angeht.“

Vor allem Touristen hielten sich deshalb nicht an Regeln, würden sich überschätzen, zu zweit oder zu dritt fahren, was verboten sei. Es wäre für alle einfacher, sagt Herr Weber, wenn der Verkehr insgesamt zurückginge. „Aber wer will das wie durchsetzen?“ Ich soll mir mal das Gedränge Unter den Linden anschauen. Mache ich. Mein Eindruck: Inoffiziell gilt hier das Recht des PS-Stärkeren.

Für die letzte Meile bis ins Büro: E-Roller-Fahrer mit Anzug.

Für die letzte Meile bis ins Büro: E-Roller-Fahrer mit Anzug.

© dpa

Grob getrennt gibt es zwei Argumentationsseiten in der Scooterfrage. Auf der einen stehen die innovationsfreudigen E-Anhänger, die sich zwanzigminütige Fahrten für fünf Euro leisten können, und natürlich die Anbieter, die behaupten, ihr Angebot würde den Weg, „die letzte Meile“, zum Bahnhof oder zur Haltestelle verkürzen, also eine Mobilitätslücke in den Städten schließen.

Pendler sind genervt

Auf der anderen Seite stehen die genervten Pendler, die Verkehr als Überlebenstraining empfinden; unterstützt werden sie von Verbänden wie dem ADAC, der bessere Gefahrenaufklärung fordert. Und dann sind da noch besorgte Lokalpolitiker, die Regulierung verlangen, wo Verleiher sich zu viele Freiheiten nehmen, aber wenig auf Pflichten geben. „Warum“, sagte Mittes Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel der Berliner Morgenpost, „stellen wir unser Straßenland kostenlos zur Verfügung, um Gewinnstreben von Privatunternehmen zu ermöglichen?“

In Mitte ist es besonders eng, sind die meisten Scooter unterwegs, nach Recherchen des rbb 2165. Auf Bürgersteigen abgestellt konkurrieren sie mit Kinderwagen oder Cafégästen um jeden Quadratzentimeter Lebensqualität. Der Bürgermeister hätte auch fragen können: Warum ist ein Fünftel der Berliner Gesamtfläche für parkende Autos reserviert?

Die Zentrale von Tier Mobility befindet sich im Ullsteinhaus in Tempelhof. Südlicher soll man in Berlin nicht rollen, außerhalb der mit GPS getrackten Verleihzone erlaubt der Motor nur Schrittgeschwindigkeit. Scooter sind bislang ein Innenstadtphänomen. Philip Reinckens würde das gern im Grunde ändern.

Reinckens, 34, ist der Deutschlandchef von Tier. Deutschlandweit plant das Start-up mit 10.000 Scootern. In Berlin ist das Start-up vor einem Monat mit etwa 1000 gestartet. Reinckens glaubt: „Der Verzicht auf das Auto wird durch ein erhöhtes Mobilitätsangebot vorangetrieben.“ Tier sei eine sinnvolle Ergänzung zu den öffentlichen Verkehrsmitteln.

Sperrzonen in Innenstädten errichtet

Seit April arbeitet Reinckens daran, aus den Fehlern der anderen zu lernen. In San Francisco stellten US-Anbieter Tausende Scooter auf, ohne die Stadt zu informieren. Es herrschte Chaos, es gab viele Unfälle. In einigen europäischen Innenstädten wurden bereits Sperrzonen errichtet. Der Widerstand wächst. Klimaschutz ist zu ernst, um ihn als Spaßveranstaltung zu vermarkten. „Das Schlimmste wäre“, sagt Reinckens, „dass wir aus den Städten ausgeschlossen werden.“

Der deutsche Markt ist der wichtigste für die Scooteranbieter in Europa. Über die deutsche Politik, die sich viel Zeit genommen hat bei der Klärung aller Sicherheitsfragen, sagt Reinckens, sie sei einen sehr konservativen Weg gegangen. Es war nun mal ein demokratischer Weg. „Früher oder später“, das ahnt Reinckens, „wird Reglementierung ein Thema für uns werden.“ Etwa: Begrenzungen der Scooter und Anbieter, eine Verpflichtung, die Außenbezirke zu beliefern. Reinckens Lieblingssatz lautet: „Wir haben unterschiedliche Möglichkeiten.“ Und ist da auch die Möglichkeit dabei, in Fahrradwege zu investieren? „Die ist uns momentan natürlich nicht gegeben.“  

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