Ehrlich wie nie

Djamila Rowe in der DDR von den Eltern verlassen: „Ich hatte Angst, keine gute Mutter sein zu können“

Djamila Rowe spricht offen über ihre Eltern, die sie in der DDR zurückließen. Bis heute belasten sie die Folgen ihrer schweren Kindheit.

Foto von Autor/Autorin: Julia Nothacker
Lesezeit 6 Min
Djamila Rowe wuchs ohne Eltern auf.

Djamila Rowe wuchs ohne Eltern auf.

© Henk Hogerzeil/Berliner Zeitung

Die Erinnerungen lassen sie bis heute nicht los. Djamila Rowe (59) blickt auf eine schwere Kindheit zurück, geprägt von der Abwesenheit ihrer Eltern und Gewalt in fünf Kinderheimen und einem Jugendwerkhof. Erfahrungen, die ihr Leben nachhaltig geprägt haben. Wie sehr, das wird jetzt deutlich, als wir die Dschungelcamperin von 2023 zum Interview treffen und mit ihr über ihre Vergangenheit sprechen.

Gewalt statt Geborgenheit: Djamila Rowes bewegende Kindheitsbeichte

Bereits als Kind verlor Djamila die wichtigsten Bezugspersonen ihres Lebens. Ihre Eltern flohen zur Zeit der Mauer aus der DDR in den Westen. Noch, als Djamila ein Baby war, wurde ihrer Mutter das Sorgerecht entzogen. Nach eigenen Angaben haben ihre Mutter und ihr damaliger Freund sie misshandelt. „Ich war immer die, die keine Eltern hat. Ich war immer die, deren Mutter in den Westen abgehauen ist. Das war für ein Kind, das in der DDR aufwächst, sehr schwer. Ich erinnere mich daran, wie es als Kind in der Schule war, komplett ohne Eltern aufzuwachsen. Das ist ein Gefühl, das mich bis heute verfolgt. Ich werde das nie vergessen.“

Anschließend kam Djamila zu ihren Großeltern, doch auch dort hörte die Gewalt nicht auf. „Bei mir gab es keine Mutter und keinen Vater, die jemals zu einem Elternabend erschienen sind. Auch meine Großeltern waren nie dort, weil sie schwere Alkoholiker waren. Die waren gar nicht in der Lage dazu, einen Elternabend zu besuchen.“

Die Situation eskalierte schließlich so sehr, dass Djamila als Jugendliche mehrere Heime durchlief und später sogar im Jugendwerkhof in Crimmitschau landete. Djamila ist sich heute sicher, dass sie nicht in den Jugendwerkhof kam, weil sie etwa aufmüpfig oder schwer erziehbar war. „Nein. Ich kann ganz klar sagen: Mich haben sie deswegen weggesperrt, weil mein Mutter republikflüchtig war.“ Diese Info würde auch in ihrer Stasi-Akte stehen, erzählt Djamila.

Im Jugendwerkhof hat Djamila Grausames erlebt: „Stell dir das Schlimmste vor, das du dir vorstellen kannst! Psychische und physische Gewalt durch die Erzieher. Ich musste dort im Dreischicht-System arbeiten. Wenn man versucht hat, abzuhauen, wurden einem die Haare auf drei Millimeter abrasiert, damit man in der Gruppe als Ausbrecherin gebrandmarkt war. Einer hält dich fest, der andere schneidet oder rasiert.“

Mehr zu ihrer Zeit im Jugendwerkhof erzählt uns Djamila im ersten Teil des Interviews.

Kein Kontakt zur Mutter: Djamila Rowe zieht einen Schlussstrich

Dass ihre Eltern sie einfach verlassen und sie in der DDR sich selbst überlassen haben, kann Djamila ihnen bis heute nicht verzeihen. Es gab zwar Versuche einer Annäherung, doch diese endeten immer wieder in Enttäuschungen. „Als ich den Dschungel damals gewonnen habe, ist meine Mutter dezent ausgerastet und hat Sprachnachrichten geschickt, weil ich ja auch im Dschungel über meine Vergangenheit geredet habe. Sie hat das abgestritten. Ich hätte mir das alles ausgedacht, es würde nicht stimmen.“

Zu ihrer Mutter möchte Djamila deswegen heute keinen Kontakt mehr. „Um Gottes Willen, bloß nicht! Ich habe sie auf Instagram gefunden. Danke, nein!“

Djamila Rowe mit 13 Jahren.

Djamila Rowe mit 13 Jahren.

© privat

Djamila hat mit den Jahren auch eine emotionale Distanz zu ihrer Mutter aufgebaut, um sich selbst zu schützen. Zwischendurch wird aber immer wieder deutlich, wie sehr sich Djamila verständlicherweise nach der Liebe und Zuneigung einer Mutter sehnt: „Es gibt immer wieder Momente, in denen ich mich frage, wie es heute wäre, wenn ich eine Mutter hätte, die ich auch mal um Rat fragen könnte.“

Auf die Frage, ob Djamila früher Angst hatte, deswegen selbst keine gute Mutter sein zu können (Djamila hat einen erwachenen Sohn und eine Tochter im Teenager-Alter), antwortet sie ehrlich: „Ja, die hatte ich. Wenn man selbst nie gelernt hat, eine Mutter zu haben, die sich um einen sorgt, woher soll man es wissen? Natürlich gibt es den Urinstinkt in uns Frauen, aber keiner sagt uns gewisse Dinge. Aber ich denke, meine Kinder können sich nicht beschweren.“

Vom Heimkind zur Kämpferin: Djamila Rowes bewegender Lebensweg

Von ihrer Mutter nimmt Djamila also bewusst Abstand. Doch was wurde eigentlich aus ihrem Vater? Djamila weiß nicht viel über den Mann, der sie ebenfalls in der DDR zurückgelassen hat, um in den Westen zu gehen. Nur so viel: „Ich weiß, dass er Perser war und irgendwann nicht mehr nach Ostberlin einreisen durfte. Das habe ich noch mitbekommen. Er lebte zuletzt in Essen und ist inzwischen verstorben“, erzählt Djamila. Mehr Infos hat sie nicht.

Wie kann man nach all dem, was Djamila Furchtbares in ihrer Kindheit und Jugend erlebt hat, immer noch so lebensbehajend sein wie Djamila? Das ist eine Frage, die dem TV-Sternchen immer wieder gestellt wird. Djamila ist sich sicher, andere wären an all dem Leid schon längst zerbrochen. Doch Djamila hat sich immer wieder aus den Tiefs der vergangenen Jahren herausgekämpft. „Irgendwann muss ja auch mal Schluss sein. Man muss die Vergangenheit loslassen, sonst zerbricht man daran“, sagt sie. „Ich gehe aus jeder Krise gewachsen raus. Alles, was passiert, passiert nicht ohne Grund. Auch, dass ich vier Jahre lang weggesperrt war und von einem Heim ins nächste gekommen bin, hat mich stärker fürs Leben gemacht.“

Djamila Rowe geht aus jeder Krise gestärkt heraus, sagt sie.

Djamila Rowe geht aus jeder Krise gestärkt heraus, sagt sie.

© Henk Hogerzeil/Berliner Zeitung

Trotz der tiefen Wunden ihrer Vergangenheit hat Djamila Rowe ihren Lebensmut nie verloren. Heute blickt sie zwar mit Schmerz, aber auch mit einer beeindruckenden Stärke auf die schweren Jahre ihrer Kindheit und Jugend zurück. Statt an den Erlebnissen zu zerbrechen, hat sie gelernt, nach vorne zu schauen und sich ein eigenes Leben aufzubauen. Besonders ihre Rolle als Mutter gibt ihr dabei Halt und zeigt ihr, dass sie vieles anders machen konnte als die Generation vor ihr.

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