Sie wurde für ihr Aussehen verspottet, für ihre Beauty-OPs belächelt und jahrelang auf das Image des „Botschaftsluders“ reduziert. Doch hinter der schillernden Fassade von Djamila Rowe (59) steckt eine Geschichte, die grausamer kaum sein könnte. Eine Geschichte über Gewalt, Einsamkeit und eine Jugend in der DDR, die Djamila heute am liebsten nur noch vergessen will.
Mutter floh in den Westen: Djamila Rowe erzählt von ihrer traumatischen Kindheit
„Was hat dir die DDR genommen?“, fragen wir Djamila Rowe bei unserem Interview. Wir wollen mit ihr über ihre Vergangenheit sprechen, die sie fürs Leben gezeichnet hat. Djamila muss über ihre Antwort kaum nachdenken: „Meine Kindheit, meine Jugend und auch ein bisschen meine Würde.“
Djamila besucht uns im Verlag am Alexanderplatz – eine Gegend, in der sich Djamila nur ungerne aufhält. Nicht, weil sie Berlin Mitte nicht mag, sondern weil Erinnerungen in ihr hochkommen. Erinnerungen an eine Zeit, in der sie – das kann man so knallhart sagen – förmlich um ihr Überleben gekämpft hat.
Heute lebt Djamila in Berlin Charlottenburg. Es sei noch immer ein „sehr bedrückendes, beklemmendes Gefühl“, zurück in den Osten zu fahren, sagt sie. „Ich bin froh, wenn ich wieder nach Charlottenburg kann.“
Djamila hat in den 70er und 80er Jahren im Osten Berlins viel erlebt, die ersten Jahre ihrer Kindheit verbrachte sie in Lichtenberg. Nach eigenen Angaben entzog das DDR-Regime ihrer Mutter das Sorgerecht, als Djamila gerade einmal sechs Monate alt war. Der Grund: schwere Misshandlungen.
Während Djamila zu ihren Großeltern kam, wo sie ebenfalls Gewalt erfuhr, floh die Mutter in den Westen – und ließ ihre Tochter im Osten zurück.
18 Monate Jugendwerkhof: Djamila Rowe über den Horror ihrer DDR-Jugend
Der richtige Horror begann für Djamila aber erst in ihrer Teenager-Zeit. Die damals 14-Jährige kam für mehrere Jahre in insgesamt fünf Kinderheime und schließlich für 18 Monate in den Jugendwerkhof Crimmitschau. Die schlimmste Zeit ihres Lebens, sagt sie.
Jugendwerkhöfe dienten in der DDR offiziell der „Umerziehung“ von Jugendlichen, die als schwer erziehbar galten oder sich nicht an die gesellschaftlichen Vorgaben des Staates hielten. Disziplin, strenge Regeln und Arbeitspflichten standen im Mittelpunkt.
Djamila Rowes Erzählungen gehen unter die Haut.
© Henk Hogerzeil/Berliner Zeitung
Als Djamila in den Jugendwerkhof kam, hatte die Stasi sie schon lange auf dem Schirm. „Ab dem Zeitpunkt, als meine Mutter vom Osten in den Westen geflüchtet ist, war ich im Fokus der Stasi.“ Jahrelang wurde Djamila überwacht, sogar von Nachbarn ausspioniert. Irgendwann kamen Leute in die Schule und nahmen Djamila mit. „Die bringen dich einfach weg und sagen, dass das Jugendamt beschlossen hat, die Vormundschaft für dich zu übernehmen.“
Plötzlich steigen der sonst so taffen Djamila die Tränen in die Augen, die Stimme bricht, als sie von dem Moment erzählt, in dem sie in Gefangenschaft kam. Ja, Gefangenschaft – den Jugendwerkhof vergleicht sie immer wieder mit einem Knast, Djamila ist längst nicht die Einzige. Gitter vor den Fenstern waren ganz normal. „Stell dir das Schlimmste vor, das du dir vorstellen kannst! Psychische und physische Gewalt durch die Erzieher. Ich musste dort im Dreischicht-System arbeiten. Wenn man versucht hat, abzuhauen, wurden einem die Haare auf drei Millimeter abrasiert, damit man in der Gruppe als Ausbrecherin gebrandmarkt war. Einer hält dich fest, der andere schneidet oder rasiert ...“ Immer wieder unterbricht Djamila ihre Sätze, muss schwer schlucken, bevor sie weiterreden kann. Doch der ehemaligen Dschungelkönigin ist es wichtig, ihre Geschichte zu erzählen, damit all das Leid, das sie und andere Jugendliche erlebt haben, nicht vollkommen aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwinden.
Djamila stellt klar, dass in den Jugendwerkhof nicht ausschließlich schwer erziehbare Jugendliche eingewiesen wurden. „Ich kann ganz klar sagen: Mich haben sie deswegen weggesperrt, weil mein Mutter republikflüchtig war. Das steht auch so in meiner Akte“, sagt sie und ergänzt: „Aber sie haben es nicht geschafft, mich zu brechen.“
Mehrere Male versuchte Djamila, dem Jugendwerkhof zu entkommen – vergeblich. „Ich war damals so verrückt, zu denken, ich könnte ausbrechen oder weglaufen. Ich habe es mehrfach versucht. Ich bin an einem Laken aus dem Fenster geklettert und von Crimmitschau nach Berlin getrampt. Mein Plan war es immer, wegzulaufen und mich zu verstecken, bis ich 18 bin. Ich habe es nicht geschafft … Einmal habe ich mich bei einer Freundin versteckt, doch dann hat die Mutter die Polizei gerufen und ich wurde wieder abgeholt. Damals gab es einen Hausmeister beim Jugendwerkhof, der hat pro Kind ein Kopfgeld bekommen, wenn er sie wieder eingefangen hat – 20 Mark waren es damals. Mich hat er auch ein paarmal eingefangen.“
Vom Jugendwerkhof in die Freiheit: Djamila Rowes Weg nach dem Mauerfall
Nach den gescheiterten Fluchtversuchen folgte die Strafe. „Als erstes haben sie mir meine privaten Sachen weggenommen. Ich hatte keine Hose mehr, keinen Pullover mehr, ich hatte nur noch blaue Arbeitskleidung. Die anderen Jugendlichen mussten mich überwachen, rund um die Uhr, ich durfte nicht mal alleine auf die Toilette gehen.“
Djamila Rowe mit 13 Jahren.
© privat
Als Djamila dann für eine Zeit in den Mädchen-Jugendwerkhof in Klaffenbach strafverlegt wurde, folgte der nächse Horror. Djamila erzählt, dass sie beinahe von den anderen Mädchen vergewaltigt wurde. „Man mag es kaum glauben, aber ich war bis zum meinem 18. Lebensjahr Jungfrau und das war für die anderen Mädchen was Neues – viele von ihnen waren vorher Prostituierte gewesen. In meiner ersten Nacht in Klaffenbach wollten mich die anderen Mädchen mit einer Zahnbürste entjungfern. Ich wurde breitbeinig an Händen und Füßen festgehalten.“ Doch Djamila hatte Glück. Ein Mädchen aus Berlin kannte sie und beschützte sie in dieser Nacht. „Dafür haben sie in der Nacht, als sie mir das antun wollten, ein anderes Mädchen – das hieß Manuela, ich werde es nie vergessen – grün und blau geschlagen.“
Zweimal wollte sich Djamila das Leben nehmen, doch die Erzieher hinderten sie daran. Als sie dann mit 18 Jahren entlassen wurde, bekam sie vom Staat eine Wohnung und Arbeit gestellt. Die Überwachung von der Stasi ging weiter – bis zum Mauerfall 1989. Djamila war 22 Jahre alt. „In der Nacht, als die Mauer gefallen ist, war ich eine der ersten, die rüber ist. Ich habe meine Wohnung abgeschlossen, habe alles zurückgelassen und bin nur mit meinem kleinen Beautycase in den Westen gegangen.“ Djamilas Ziel: Die Parfümabteilung im KaDeWe. Sie wollte dazugehören, auch eine von den wunderschön geschminkten Frauen sein, die sie so bewunderte – und sie schaffte es. Dann kam die Öffentlichkeit.
Dschungelkönigin Djamila Rowe: Warum die Vergangenheit sie bis heute verfolgt
Anfang der 2000er-Jahre wurde sie durch die sogenannte Botschafter-Affäre bundesweit bekannt. Die damalige Kosmetikerin behauptete, eine Affäre mit dem Schweizer Botschafter Thomas Borer gehabt zu haben. Die Vorwürfe sorgten für großes Medieninteresse. Später stellte sich heraus, dass es diese Affäre nie gab. Dennoch machte der Skandal Djamila Rowe schlagartig zu einer der bekanntesten Frauen in der deutschen Boulevard- und TV-Welt.
Djamila Rowe 2004 zu Anfang ihrer Karriere.
© U. Geisler/Future Image/Imago
Ab diesem Moment war Djamila regelmäßig im TV zu sehen, so richtig steil bergauf ging es aber erst 2023 mit ihrem Sieg beim RTL-Dschungelcamp. Dort eroberte Djamila die Herzen der Zuschauer durch ihre herzliche und selbstironische Art im Sturm. Gleichzeitig zeigte sie erstmals ihre verletzliche Seite und sprach über ihre schwere Kindheit und Jugend.
Heute ist Djamila dort, wo sie immer hinwollte. „Ich habe heute eine innere Ruhe“, sagt sie. Trotzdem hat sie ihre Vergangenheit sehr geprägt. Sie halte von Menschen nichts mehr, Tiere seien ihr grundsätzlich lieber, erzählt sie. Vertrauen fällt ihr noch immer schwer. Sie lässt sich zwar ab und zu auf dem roten Teppich blicken, meidet aber laute, volle Events. Stattdessen geht sie mit ihren Hunden an der Spree spazieren. Im TV auftreten sei ihr nicht mehr wichtig. Nur wenn die Gage stimmt, lasse sie sich eventuell noch mal auf eine Reality-Show ein, stellt sie klar.
Djamila Rowe bei ihrem Sieg im Dschungelcamp 2023.
© Stefan Thoyah
Djamila ist stolz auf sich, dass sie nie wie einige ihrer Kollegen in der Branche in eine Alkohol- und Drogensucht geriet, dass sie nie insolvent war. Sie habe mit dem Erlebten abgeschlossen, möchte keine Therapie machen. Die Spaziergänge mit ihren Hunden seien eine Art Therapie für sie. „Irgendwann muss ja auch mal Schluss sein. Man muss die Vergangenheit loslassen, sonst zerbricht man daran. Wenn ich jetzt immer wieder darüber nachdenke, was mir Schlimmes passiert ist, gehe ich daran kaputt. Das habe ich alles durch. Ich fokussiere mich auf die Zukunft und versuche, das Alte zu vergessen.“
Doch wird Djamila jemals vergessen können? Selbst wenn sie das Erlebte tagsüber verdrängt, holt sie das Ganze nachts wieder ein. „Ich habe es bis heute nicht geschafft, die dicke Stasi-Akte, die es über mich gibt, komplett zu lesen. Ich habe Angst davor. Das Problem ist, dass viele Dinge in deinen Träumen wiederkommen.“
Viele Bilder von sich aus der damaligen Zeit hat Djamila nicht mehr. Nur ein einziges Foto aus ihrer Jugend kann sie dem Berliner KURIER zur Verfügung stellen. Vielleicht gehört das bei Djamila auch zum Vergessen dazu.
Djamila Rowe über die Angst, keine gute Mutter sein zu können
Wirklich zur Rechenschaft gezogen wurde übrigens kaum jemand für das, was den Jugendlichen in den Jugendwerkhöfen angetan wurde. Doch immerhin, Djamila bekommt heute eine SED-Opferrente wegen einer zu Unrecht erlittenen Freiheitsstrafe.
Djamila Rowe will nach dem, was sie erlebt hat, nur noch nach vorne schauen.
© Henk Hogerzeil/Berliner Zeitung
Immer wieder wird in der Öffentlichkeit auch über Djamilas Aussehen gesprochen. Zuletzt wollte sie einige Eingriffe rückgängig machen, vor allem die übergroßen Lippen, doch so ganz ist das noch nicht geglückt.
Auch Djamila selbst kommt in Interviews immer wieder auf ihre Schönheitseingiffe und die Wirkung ihres Looks zu sprechen. Doch auf die Frage, ob sie mit ihrem bewusst überzeichneten Erscheinungsbild möglicherweise auch Erlebnisse aus ihrer Vergangenheit kompensieren oder hinter sich lassen wolle, antwortet sie ausweichend. „Da gibt es viele Leute in der Branche, die sich das noch nicht eingestehen wollen. Man muss selbst den Weg für sich finden. Ich bin zufrieden mit dem Weg, den ich gegangen bin.“
Zum Ende des Gesprächs wollen wir von Djamila noch eines wissen: Gibt es etwas, dass ihr die DDR nicht nur genommen, sondern auch gegeben hat? Ihre Antwort: „Die Stärke, die ich heute habe. Ich bin in einem Haifischbecken tätig, wo man viele Kollegen fallen sieht. Ich bin jetzt 59 Jahre alt und oft gefallen. Ich habe jede Art von Gewalt erlebt. Trotzdem muss ich sagen, so verrückt wie das klingt, ich bin daran gewachsen. Ich bin mir sicher, andere wären daran zerbrochen, aber ich bin immer wieder aufgestanden.“
Auch wenn die Erinnerungen Djamila bis heute begleiten, hat sie für sich einen Weg gefunden, nicht von ihnen bestimmt zu werden. Eine Haltung, die Respekt verdient und vielen Menschen Mut machen kann, die selbst schwere Schicksalsschläge erlebt haben.
Den zweiten Teil unseres Interviews, in dem es speziell um Djamila Rowes schwierige Beziehung zu ihren Eltern geht, lesen sie demnächst beim Berliner KURIER.
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