Berlin - Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will. Dieser starke Arm gehörte gestern Claus Weselsky und seinen 20 000 Lokführern der Gewerkschaft GDL. Zum zweiten Mal in dieser Woche legten sie den Bahnverkehr in Berlin und Brandenburg weitgehend lahm.Diesmal hatte sich die GDL die Zeit von 8.30 Uhr bis 11.30 Uhr für ihren Warnstreik ausgesucht. Die S-Bahn blieb wie versprochen verschont. 80 Prozent alle Regional- und Fernzüge fielen aus. Zehntausende Fahrgäste zitterten bei Minusgraden auf den Bahnsteigen.Viele Passagiere hatten trotzdem Verständnis für die Lokführer, die mit ihrem Warnstreik die Deutsche Bahn und sechs große Privatbahnen an den Verhandlungstisch für einen Branchentarifvertrag zwingen wollen. Andere aber waren wütend und verzweifelt, wie eine Frau am Ostbahnhof, die mit Tränen in den Augen klagte: "Ich muss nach Zossen zur Beerdigung meines Vaters. Die Regionalbahn fährt nicht, ein Taxi kann ich mir nicht leisten."Am Nachmittag nahm der Bahnverkehr wieder Fahrt auf, doch die Streiknachwehen waren bis in die Abendstunden zu spüren. Bisher kam kein neues Angebot der Arbeitgeber. Die Signale stehen auf Grün für weitere Warnstreiks!------------------------------Das sagen die BetroffenenIch fühle mich total verkohltLaura Kling (21), Studentin aus Karlshorst: "Mein Verständnis für den Streik hält sich arg in Grenzen. Ich studiere in den Niederlanden, wollte 10.26 Uhr vom Ostbahnhof nachSchiphol fahren. Deswegen habe ich früh extra bei der Bahn-Auskunft angerufen. Dort hieß es, dass es keine Probleme gibt. Und nun stehe ich hier schon eine Stunde in der Kälte."Hut ab vor den LokführernMichael Schilling (39), Maurer aus Marzahn: "Ich wollte zu meiner Schwester nach Fürstenwalde, komme nun zu spät. Trotzdem habe ich Verständnis. Die Lokführer kämpfen dafür, dass ordentliche Arbeit auch ordentlich bezahlt wird. Und die Tendenz zu Niedriglöhnen und Leiharbeit betrifft ja leider alle möglichenBranchen in unserer Gesellschaft."Streik ist völlig in OrdnungAnne-Dorothea Segger, Lehrerin im Ruhestand aus Freiburg/Breisgau: "Ich bin gern etwas länger unterwegs gewesen, denn ich unterstütze den Streik der Lokführer. Schließlich bin ich zu einer Tagung der sozialen Bewegungsstiftung nach Berlin gekommen. Die kämpft dafür, dass die Armen nicht immer ärmer und die Reichen nicht immer reicher werden."Sperrt die Bahn-Bosse ein!Albert Schulz (70), Rentner aus Friedrichshain: "Der Streik wird doch auf dem Rücken des kleinen Mannes ausgetragen. Die Gewerkschaft sollte sich die Bahn-Bosse vorknöpfen, sie nicht aus ihrem Bahn-Tower lassen, bevor sie nicht einen vernünftigen Tarifvorschlag machen. Zum Glück ist wenigstens die S-Bahn heute gefahren. Das bleibt hoffentlich so."Es muss sich was ändern!Norbert Koch (64), Lokführer im Ruhestand aus Frankfurt/Main: "Für den Streik warte ich gern zwei Stunden auf meinen ICE nach Frankfurt. Heute verdient ein Lokführer gerade mal 2500 Euro Brutto, dafür wäre ich früher nicht aufgestanden. Wir hatten noch eine ordentliche Ausbildung, heute kann man mit zwei bis drei Monaten Lehrgang einen Zug steuern."
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