Dieselverbot

Wer tankt heute Wut?

Das Verwaltungsgericht entscheidet über die Legalität von Fahrverboten in Städten.

Mike Wilms
Lesezeit 3 Min
Die Berliner stehen viel im Stau, aber der Anteil der Führerschein-Besitzer an der Bevölkerung ist gering. 

Die Berliner stehen viel im Stau, aber der Anteil der Führerschein-Besitzer an der Bevölkerung ist gering. 

© Getty Images

Das Urteil dürfte zugunsten möglicher Verbote ausfallen, aber die große Frage ist, ob das für Berlin überhaupt einen Unterschied macht. Denn: Laut einer neuen Studie haben nur 15,1 Prozent der Berliner einen Führerschein! Hart träfe es allerdings BVG, Taxis und das Gewerbe. Es ist schon erstaunlich, wie wenig sich Forschungsergebnisse mit gängigen Vorurteilen decken.

Berlin ist zwar zweifelsfrei Deutschlands drittschlimmste Stau-Stadt (nach München und Hamburg), aber auch die Hauptstadt der Nichtfahrer. „Mit 344 Autos pro 1000 Einwohnern weist Berlin die niedrigste Anzahl an Pkw aller 100 verglichenen Städte auf“, heißt es im neuen „Städteatlas 2018 – Die Deutschen und ihre Autos“. Auch bei der schon genannten Quote der Führerscheinbesitzer liegt Berlin auf dem letzten Platz (s. Grafik).

Ebenfalls überschaubar fällt der Anteil der Diesel-Autos aus: Von 1,2 Millionen in Berlin zugelassenen Pkw tanken 26 Prozent Diesel. Damit ist die Stadt nicht in der deutschen Top-10-Liste, die von Frankfurt am Main und Bonn (je 43 Prozent) angeführt und von Stuttgart (37 Prozent) abgeschlossen wird. Hinter Berlin liegen etwa Halle und Herne (je 23 Prozent).

Das heißt nun nicht, dass es unterm Strich wenig Diesel-Fahrzeuge in Berlin gäbe, denn 26 Prozent von 1,2 Millionen sind immerhin rund 300.000. Nach einer Schätzung von Thomas Lundt, Chef der Kfz-Innung, wären rund 95 Prozent der Berliner Diesel von einem City-Fahrverbot betroffen. Hintergrund: Nur ab September 2015 gebaute Fahrzeuge erfüllen die strenge Abgasnorm „Euro 6“ und würden damit den Kriterien der sogenannten „Blauen Plakette“ gerecht. Deren Einführung wurde vor dem heutigen Urteil erneut gefordert, etwa von der IG Metall.

Sollte je ein pauschales Fahrverbot für die Berliner Innenstadt und nicht nur für einzelne, hochbelastete Straßen-Abschnitte kommen, wäre die Wirtschaft massiv betroffen. Nach einem Gutachten der IHK dürften rund 88 000 gewerbliche Pkw, Transporter und Laster nicht mehr in die City. Die Umrüstung der älteren Fahrzeuge auf moderne Abgasnormen wie „Euro 6“ würde Berlins Unternehmen rund 240 Millionen Euro kosten.

Von mehr als 400 befragten Firmen nutzen 46 Prozent ihre Dieselfahrzeuge für den Liefer- und Güterverkehr. 40 Prozent fürchten, dass ein Diesel-Fahrverbot die eigene Geschäftstätigkeit einschränken würde. 12 Prozent der Firmen rechnen gar damit, ihr Geschäft aufgeben zu müssen. Man denke etwa an Handwerker, Anstreicher oder Umzugshelfer, die mit einem Diesel-Pritschenwagen umherfahren. Auch im Fuhrpark des Landes dominieren Diesel-Modelle.

So hat die BVG rund 1400 Busse mit Dieselmotor, aber nur vier E-Busse. Die BVG-Serviceflotte wurde dagegen schon komplett elektrifiziert: 106 Autos haben einen E-Motor. Um dem Taxi-Gewerbe bei einer Umstellung zu helfen, hat der Senat erst vor wenigen Tagen eine Neuerung beschlossen: Unternehmen erhalten Fördergeld, wenn sie ältere Diesel-Modelle verschrotten und dafür Hybrid-Autos anschaffen. Die Prämie beträgt 2500 Euro pro Fahrzeug. Fünf Millionen Euro stehen bereit. Das Geld reicht also für 2000 Taxis, ein Viertel des Fahrzeugbestands.

In der Öko-Bilanz der Bezirke führt laut „Städteatlas 2018“ der Mitte. Dort gibt es schon 57 Ladestationen für E-Autos, es folgt Charlottenburg-Wilmersdorf mit 39 Stationen. Schlusslicht ist Steglitz-Zehlendorf mit bislang erst einer Ladestation.  

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