Bildungszeit

Diese Berlinerin schickt Sie in den Urlaub

27 Millionen Arbeitnehmer haben Anspruch auf fünf Tage Bildungsurlaub im Jahr und kaum einer weiß davon. Lara Körber gründete in Berlin ein Portal, das Sprach-, IT- und Gesundheitskurse leichter vermitteln will.

Foto von Autor/Autorin: Stefanie Hildebrandt
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Lara Körber lernt demnächst selbst in ihrem Bildungsurlaub ein Ehrenamt.

Lara Körber lernt demnächst selbst in ihrem Bildungsurlaub ein Ehrenamt.

© Lydia Gorges

Fünf Tage im Jahr dürfen Arbeitnehmer in Berlin sogenannte Bildungszeit nehmen. Während der fünf Tage im Jahr wird das Gehalt weitergezahlt, den eigentlichen Erholungsurlaub schmälert die Bildungszeit nicht.

Tolle Sache, nur wüssten es zu wenige, findet Lara Körber – und deshalb gründete sie in Berlin das Portal bildungsurlauber.de. Im Interview erklärt Lara Körber, warum Bildungsurlaub fortschrittlich ist und wie Sie dem Chef gute Argumente für die Auszeit zur Weiterentwicklung liefern.

Was hat Sie bewogen, ein Portal für Bildungsurlaub zu gründen?

Bildungsurlaub verbessert das Arbeitsleben der Menschen per Gesetz – deshalb wollen wir mit bildungsurlauber.de dessen Nutzungsquote erhöhen: durch einfache Kurssuche, Gesetzeshilfe und Unterstützung bei der Beantragung.

Mich fasziniert am Bildungsurlaub, dass es sich um eine Weiterbildungschance handelt, die sich an den individuellen Bedürfnissen von Beschäftigten orientiert. Für einige bedeutet Bildungsurlaub also, einen Englischkurs zu besuchen, um in internationalen Meetings mitreden zu können – für andere das Seminar in Gewaltfreier Kommunikation, damit es im Team in Zukunft besser läuft. Wieder andere nutzen ihren Anspruch auf Bildungsurlaub, um mit einem Yoga-Seminar endlich ihren Rückenschmerzen entgegenzuwirken. Beschäftigte können somit selbstbestimmt entscheiden: Was brauche ich gerade? Damit ist Bildungsurlaub keine allgemeine Möglichkeit, sondern eine individuelle Chance – das motiviert mich extrem.

Wie sind Sie mit dem Thema in Berührung gekommen?

Ich selbst war knapp zehn Jahre in Medienkonzernen und Agenturen tätig – von Bildungsurlaub hatte ich in dieser Zeit nie etwas gehört. Gebraucht hätte ich ihn allerdings. Mein Mitgründer Anian hat mir das erste Mal 2019 von Bildungsurlaub erzählt, als sein Vater einen Tai-Chi-Bildungsurlaub besuchte, um seine Rückengesundheit zu verbessern. Bei der anschließenden Recherche wurde uns schnell klar: Den richtigen Bildungsurlaub zu finden und zu beantragen ist kompliziert – das ändern wir mit bildungsurlauber.de.

Haben Sie selber schon einmal Bildungsurlaub genommen?

Tatsächlich steht in den kommenden Wochen mein erster Bildungsurlaub an, den ich für das Erlernen eines Ehrenamts nutzen werde. Ich freue mich schon sehr darauf – nach den ersten durch Corona geprägten Gründungsjahren bin ich nun sehr froh, ein kleines Team um mich zu haben, das mir das ermöglicht.

Warum nehmen bisher eher wenige Menschen ihr Recht auf Bildungsurlaub wahr?

Erstens kennen immer noch viele Arbeitnehmende ihr Recht auf Bildungsurlaub nicht. Zweitens haben viele Beschäftigte Angst, Bildungsurlaub zu beantragen. Gerade wenn ein Seminar danach klingt, als könnte das Lernen dort Spaß machen und einen neben dem Arbeits- auch noch im Privatleben weiterbringen. Drittens gibt es keine gesetzliche Kommunikationspflicht seitens der Unternehmen. Daher wird die Möglichkeit auf Bildungsurlaub häufig nicht aktiv in Feedbackgesprächen oder im Intranet angesprochen.

Warum sollten mehr Menschen sich weiterbilden?

Ich denke, auf diese Frage gibt es viele Antworten in der Theorie: neue Perspektiven, Qualifikationen, Wettbewerbsfähigkeit. In der Praxis sieht es aber eher so aus: Wir haben keine Zeit. Zwischen Arbeit und Alltag bleibt wenig Raum für die eigene Weiterentwicklung – deshalb bin ich überzeugt, dass viele von uns verlernt haben zu lernen, weil wir uns gehetzt fühlen vom Leben. Das Bildungsurlaubsgesetz schenkt uns wieder Zeit. Diese sollten wir nutzen, um wieder Spaß an Weiterentwicklung zu bekommen. Ich bin mir sicher, dass das eine Aufwärtsspirale lostritt.

Geben Sie uns drei gute Argumente für das Gespräch mit dem Chef an die Hand?

Ein Seminar muss offiziell als Bildungsurlaub vom jeweiligen Bundesland anerkannt sein – das heißt, der berufliche Mehrwert ist zertifiziert durch die Ministerien. Die Chefin oder Chef kann sich also auf das Mehrwert-Versprechen der Weiterbildung verlassen. Erklären Sie durchaus Ihre Seminarwahl und was Sie sich davon versprechen – damit schaffen Sie Transparenz und richten den Blick auf den zukünftigen Benefit für sich und den Arbeitgebenden. Seminare rund um mentale oder körperliche Gesundheit sind hochprofessionell. Denn in Deutschland sind allein Rückenleiden und psychische Erkrankungen – wie Burnout – für gut 30 Prozent der Arbeitsunfähigkeitstage von Beschäftigten verantwortlich. Gesundheit ist also keine alleinige Privatsache.

In vielen Firmen gibt es das unausgesprochene Gesetz, dass man keinen Extra-Urlaub nimmt, wie kann man das ändern?

Auf der einen Seite braucht es Arbeitnehmende, die ihr Recht auf Bildungsurlaub in Anspruch nehmen. Auf der anderen Seite findet auch gerade ein Umdenken bei vielen Unternehmen statt: Weiterbildung wurde hier bisher zu kurz gedacht – in Zeiten von zunehmendem Fachkräftemangel, steigenden Krankheitstagen aufgrund gesundheitlicher Belastungen und einem wachsenden Arbeitnehmer:innenmarkt wird Bildungsurlaub für Unternehmen zum Benefit.

Welche Kriterien muss ein Anbieter erfüllen, um als Bildungsurlaub zu gelten?

In Berlin werden nicht Anbieter selbst, sondern die Seminarinhalte auf u.a. beruflichen Bezug, Stundenplan, Didaktik vom Ministerium geprüft und erhalten dann erst eine offizielle Zertifizierung als Bildungsurlaub. Den Ansatz, Gesundheit dabei auch als Basis beruflicher Leistungsfähigkeit anzuerkennen, empfinde ich dabei vom Gesetz als sehr fortschrittlich.

Gibt es Kurse, die von den Berlinern besonders nachgefragt sind? Welche Kurse sind generell die Top 5?

Beliebt sind neben Sprachkursen Seminare, welche mentale oder körperliche Gesundheit mit Kreativität oder Naturerfahrungen verbinden. Und wie toll ist das denn bitte? Ich finde das großartig, dass Weiterbildung Spaß machen darf! Leistung kommt nicht von Leiden.

Besondere Kurse sind ebenfalls im Portfolio: So kann man etwa in einem Theaterkurs die Lust am Scheitern ausprobieren oder auf einer Wanderung in der Sierra de Grazalema in Andalusien seine Spanischkenntnisse vertiefen. Ein Kurs mit einer Coachin mit Pferden für Frauen in Führungspositionen ist ebenso möglich wie ein Schweißkurs oder Skifahren in Tirol. 15.000 Kurse sind aufgelistet. Informationen darüber, wie man Bildungsurlaub nimmt, finden Sie auf bildungsurlauber.de oder auf der Seite der Senatsverwaltung für Arbeit.  ■

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