Wagen 4, kurz nach der Abfahrt in Leipzig: Ein 20-Jähriger geht im ICE 2595 die Ablageflächen ab und durchsucht die Taschen der Reisenden. Eine Mitreisende beobachtet ihn und informiert die Zugbegleiterin. Zufällig sitzt ein Bundespolizist privat im Zug – er nimmt den Mann fest. In dessen Bauchtasche finden sich Gegenstände im Wert von 1500 Euro. Ohne den Beamten wäre der Verdächtige am nächsten Halt ausgestiegen.
Solche Meldungen kommen fast täglich. Zwischen Januar und Oktober 2025 registrierte die Bundespolizei allein in Hochgeschwindigkeitszügen 2519 Diebstähle von Taschen und Handgepäck. Wie gehen die Gauner vor, worauf haben sie es abgesehen und wie schützt man sich am besten?
Der gefährlichste Moment ist der Halt im Bahnhof
Einige Beispiele zeigen, wie schnell man als Zugreisender bestohlen werden kann: Am Stuttgarter Hauptbahnhof verschwand ein Rucksack aus der Gepäckablage eines ICE, während der Zug am Gleis 13 stand. Der Bestohlene bemerkte den Verlust erst, als der Zug wieder anfuhr.
In Hamburg-Harburg betrat ein Mann laut Bundespolizei den ICE 584 ohne Rucksack und verließ ihn wenig später mit einem. Darin: Laptop und Kopfhörer.
Auch während der Fahrt läuft es nach diesem Muster. Einer 15-Jährigen wurde im ICE 842 das Handy gestohlen. Der Verdächtige war in Bochum zugestiegen, hatte sich neben sie gesetzt – und stieg in Essen aus.
Selbst große Koffer sind nicht sicher: Am Münchner Hauptbahnhof stieg ein Täterpaar unmittelbar hinter einer 26-jährigen Reisenden in den ICE 724, nahm ihren Koffer aus dem Gepäckregal und verließ den Zug durch dieselbe Tür. Der Vorgang dauerte etwa eine Minute, im Koffer lagen zwei Laptops und Schmuck im Wert von 4400 Euro.
Was die Diebe im Zug suchen
Ganz oben auf der Wunschliste der Langfinger in der Bahn stehen Smartphones, Laptops und Kopfhörer: klein, teuer, sofort weiterverkäuflich. Dazu Bargeld und Karten, weil sie sich in Minuten nutzen lassen.
Im Hamburger Hauptbahnhof verschwand am 20. August eine Laptoptasche mit Rechner, Geldbörse und 900 Euro Bargeld aus dem ICE 920. Während er Anzeige erstattete, stellte der Bestohlene fest, dass seine Karten bereits in einem Kiosk in der Nähe eingesetzt worden waren.
Das Problem mit dem Gepäckregal an der Abteiltür
Große Koffer passen nicht in die Ablage über dem Sitz. Sie landen in den Regalen am Wageneingang – dort, wo der Besitzer sie nicht sieht und der Dieb den kürzesten Weg nach draußen hat.
Andreas Roßkopf von der Gewerkschaft der Polizei, Bezirk Bundespolizei, beschreibt das Muster so: Im Fernzug werde fast nur beim Halt geklaut. Die Täter stiegen ein, nähmen einen Koffer und stiegen wieder aus. Bis das Opfer etwas merke, fahre der Zug längst.
Die Bundespolizei rät deshalb, größeres Gepäck mit einem Gepäck- oder Fahrradschloss an der Ablage zu sichern. Denn: Auf bahn.de steht, dass für die Beaufsichtigung des Gepäcks jeder Reisende selbst verantwortlich ist.
Solche Gepäckregale für große Koffer sind in vielen Zügen der Deutschen Bahn meist gleich an der Abteiltür zu finden. Da ist eine Reisetasche schnell von einem Langfinger gegriffen. Tipp: Mit einem kleinen Fahrradschloss anschließen. Und keine Wertsachen darin aufbewahren.
© Martin Wagner/Imago
Geringe Aufklärungsquote bei Taschendiebstahl
Die Chance, den Verlust ersetzt zu bekommen, ist gering. Bundesweit lag die Aufklärungsquote bei Taschendiebstahl 2025 nach der Polizeilichen Kriminalstatistik insgesamt bei 6,9 Prozent.
So schützen Sie Ihr Gepäck im Zug
Wertsachen an den Körper. Laptop, Handy und Portemonnaie gehören nicht in die Ablage über dem Sitz, sondern in eine Tasche zwischen den Füßen oder auf dem Schoß.
Großen Koffer anschließen. Die Bundespolizei empfiehlt für Gepäck, das nicht in Sitzplatznähe passt, ein Gepäck- oder Fahrradschloss. Es verhindert allerdings nur die Mitnahme, nicht das Öffnen – Wertsachen gehören deshalb auch nicht in den abgeschlossenen Koffer.
Beim Halt aufmerksam sein. Wer ein- und aussteigende Fahrgäste im Blick behält, ist ein unattraktives Ziel.
Platz nicht unbewacht lassen. Auch nicht für den kurzen Weg zur Toilette oder ins Bordbistro.
Nicht mit der Tasche neben sich einschlafen. Genau diese Situation taucht in den Polizeimeldungen immer wieder auf.
Ortung aktivieren. In mehreren Fällen führte das Signal von Handy oder Kopfhörern direkt zum Täter.
Diebstahl sofort melden. Videoaufnahmen aus Zügen werden nur kurze Zeit gespeichert, und nur die Polizei darf darauf zugreifen. Wer erst zu Hause Anzeige erstattet, hat die Aufnahmen verloren. Karten sperren Sie rund um die Uhr unter 116 116.
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