Die ehemaligen RAF-Terroristen und die DDR-Elite

Wann wir trauern Seit' an Seit'

Christian Klar und Eva Haule wollten mit ihrem Begräbnis-Besuch Systemkritik äußern.

Julia Haak Norbert Koch-Klaucke
Lesezeit 4 Min
Der ehemalige Generaloberst, stellvertretender Minister für Nationale Verteidigung, Chef des Hauptstabes der Nationalen Volksarmee und Sekretär des Nationalen Verteidigungsrates, Fritz Streletz (M l) und der ehemalige SED-Generalsekretär und Staatsratsvorsitzende der DDR Egon Krenz (M r) nahmen an der Trauerfeier für den früheren DDR-Verteidigungsminister Heinz Keßler Blumen teil. 

Der ehemalige Generaloberst, stellvertretender Minister für Nationale Verteidigung, Chef des Hauptstabes der Nationalen Volksarmee und Sekretär des Nationalen Verteidigungsrates, Fritz Streletz (M l) und der ehemalige SED-Generalsekretär und Staatsratsvorsitzende der DDR Egon Krenz (M r) nahmen an der Trauerfeier für den früheren DDR-Verteidigungsminister Heinz Keßler Blumen teil. 

© dpa

Die große Trauerhalle des Friedhofs Baumschulenweg ist Mittwoch früh gut gefüllt. 200 Menschen sind gekommen, um Heinz Keßler zu verabschieden. Der Ex-DDR-Verteidigungsminister starb Anfang Mai mit 97 Jahren.

Ganz vorne sitzen an diesem Tag die beiden früheren RAF-Terroristen Christian Klar (64) und Eva Haule (62, der KURIER berichtete). Man fragt sich, warum sie zur Beerdigung kamen und worin die Verbindung zwischen den drei Menschen besteht. Zufall ist dieser Besuch sicher nicht.

„Ich wundere mich überhaupt nicht, dass die beiden gekommen sind“

Klar und Haule sitzen in der vierten Reihe. Ganz hinten, hinter den Sitzbänken , stehen viele Leute dicht gedrängt an der Wand. Aber die Plätze rings um diese beiden bleiben an drei Seiten frei. Die ersten drei Reihen sind so gut wie nicht besetzt. Die Bilder wirken so, als hätten es Klar und Haule drauf angelegt, fotografiert zu werden.

Ganz sicher war es auch genau so beabsichtigt, sagt der FU-Forscher Klaus Schroeder. „Ich wundere mich überhaupt nicht, dass die beiden gekommen sind“. Schroeder leitet den Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität in Berlin. Er beschäftigt sich seit Jahren mit der deutschen Teilungsgeschichte, der Geschichte der DDR, dem Wiedervereinigungsprozess und mit Extremismus.

Heinz Kessler, früherer DDR-Verteidigungsminister.

Heinz Kessler, früherer DDR-Verteidigungsminister.

© dpa

Christian Klar ist heute 65 Jahre alt

„Christian Klar und Eva Haule haben an diesem Tag noch einmal für alle sichtbar dokumentiert: ,Wir sind gegen die BRD‘“, sagt Schroeder.

Christian Klar ist heute 65 Jahre alt. Er zählte zur zweiten Generation der Roten Armee Fraktion. Zwischen 1977 und 1982 war er an den meisten RAF-Anschlägen und Überfällen beteiligt. Wohl nahezu jeder, der zu dieser Zeit in West-Deutschland gelebt hat, erinnert sich an sein Gesicht. Jedenfalls daran, wie es damals ausgesehen hat. Seine Fahndungsplakate waren omnipräsent.

1982 wurde Christian Klar gefasst und verurteilt

Verbindungen zur DDR hat der Lebensweg von Christian Klar durchaus. Klar war an den Verhandlungen mit der DDR-Regierung beteiligt, die 1980 RAF-Aussteiger aufnahmen. Er selbst ließ sich in der DDR militärisch ausbilden, lernte schießen, wurde an der Panzerfaust geschult und im Anwenden von Sprengstofftechnik.

1982 wurde er gefasst und später wegen Mordes unter anderem an Generalbundesanwalt Siegfried Buback, an dem Banker Jürgen Ponto und an Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer zu lebenslanger Haft verurteilt. Es gab mehrfach öffentliche Kontroversen um seine vorzeitige Entlassung aus der Haft.

Eva Haule gehörte zur dritten RAF-Generation

Ein Porträt des früheren DDR-Verteidigungsminister Heinz Keßler steht auf dem Friedhof Baumschulenweg bei der Trauerfeier für die Beisetzung.

Ein Porträt des früheren DDR-Verteidigungsminister Heinz Keßler steht auf dem Friedhof Baumschulenweg bei der Trauerfeier für die Beisetzung.

© dpa

Zwei Bundespräsidenten lehnten sein Gnadengesuch ab. Erst 2008 kam er frei. 2016 wurde bekannt, dass er als freier Mitarbeiter für den Linken-Bundestagsabgeordneten Dieter Dehm tätig war.

Eva Haule gehörte zur dritten RAF-Generation. Haule engagierte sich in der Berliner Hausbesetzerszene, ab 1979 betreute sie RAF-Gefangene im Gefängnis, später auch Christian Klar. 1986 wurde sie verhaftet und später wegen dreifachen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Sie kam 2007 frei, ist heute Fotografin.

„Es ist eine psychologische Geschichte“

Der ehemalige SED-Generalsekretär und Staatsratsvorsitzender der DDR, Egon Krenz, nahm am auch auf dem Friedhof Baumschulenweg an der Trauerfeier teil.

Der ehemalige SED-Generalsekretär und Staatsratsvorsitzender der DDR, Egon Krenz, nahm am auch auf dem Friedhof Baumschulenweg an der Trauerfeier teil.

© dpa

Klaus Schroeder hält die Frage, ob es eine persönliche Bekanntschaft von Haule, Klar und Keßler gibt, für irrelevant. „Sowohl Keßler wie auch Klar und Haule sahen sich als politische Opfer“, sagt Schroeder. Sie hätten sich als Mitglieder einer marxistisch-leninistischen Avantgarde gefühlt, Keßler aus dem System heraus und die Terroristen als Kampftruppe.

Ähnlich sieht es auch ein Insider. „Es ist eine psychologische Geschichte“, sagt er. „Klar und Keßler saßen in der BRD im Gefängnis – das verbindet.“ Dazu kommt, dass Klar gute Kontakte zur Linkspartei und der DKP und damit auch zu den ehemaligen alten SED-Genossen hat. „Dass in diesen Kreisen auch solche Leute wie Klar und Haule mitandocken, kann schon mal passieren“, so der Insider.

Keßler hat sein bestes versucht gegen diesen kapitalistischen, sexistischen, rassistischen Staat

In der DDR habe die RAF zwar kaum Sympathisanten gehabt, ganz anders als im linken Spektrum der Bundesrepublik. „Aber Haule und Klar wissen, welchen Symbolwert die Bilder von ihrem Beerdigungsbesuch haben“, sagt Schroeder. Für ihn ist das Ziel der beiden ganz offensichtlich manipulativ.

„Es geht darum, die gemeinsame Ablehnung zu zeigen. Die Botschaft ist: Keßler hat sein bestes versucht gegen diesen kapitalistischen, sexistischen, rassistischen Staat. Leider vergeblich“, sagt Schroeder. So würden die Ex-Terroristen sich auch sehen.  

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