KURIER-Serie: Meine zweite Seite

Früher studierte ich ... heute schlucke ich Schwerter

Jewels wollte einzigartig sein. Also lernte sie das Handwerk der Schwertschlucker.

Florian Thalmann
Lesezeit 6 Min
50 Zentimeter lang ist das Schwert, das Jewels auf der Bühne schluckt. 

50 Zentimeter lang ist das Schwert, das Jewels auf der Bühne schluckt. 

© Laura Silleras

Es ist gut, dass die schöne Jewels heute nicht mehr auf die Bühne muss. So kann sie hier sitzen, in einem edlen, kleinen Café im Herzen von Berlin, direkt in den Hackeschen Höfen. Sie kann einen Milchkaffee trinken und – und das kommt nicht oft vor – ein Stück Kuchen essen. „Wenn ich arbeiten muss, ist Kuchen absolut verboten“, sagt Jewels und nimmt einen Bissen. Denn wenn Jewels arbeitet, braucht sie vor allem eines: eine Speiseröhre, die von  innen picobello sauber ist.

Jewels ist der Künstlername der jungen Frau – ihr echter soll nicht in der Zeitung stehen – und  eine gute Umschreibung für das, was sie ist: ein Juwel. Juwelen sind selten, genau wie das, was Jewels tut. Sie hat Politik studiert, ein eigentlich recht ernstes Fach, doch dabei geblieben ist sie nicht. Heute geht sie einem anderen Beruf nach: Die Berlinerin ist eine von weltweit drei Schwertschluckerinnen. Und lässt auf der Bühne zu poetischer Musik mühelos eine 50 Zentimeter lange Metall-Klinge in ihre Kehle gleiten!

Jewels  studierte Linguistik und Politik, spricht vier Sprachen fließend – und träumte doch immer von einem Leben auf der Bühne. Der Wunsch ging in Erfüllung.

Jewels  studierte Linguistik und Politik, spricht vier Sprachen fließend – und träumte doch immer von einem Leben auf der Bühne. Der Wunsch ging in Erfüllung.

© Sabine Gudath

Jewels stammt aus dem russischen St. Petersburg, wanderte mit ihren Eltern schon früh aus. Als sie elf Jahre alt war, zog die kleine Familie nach Schweden. „Schon als Kind war ich fasziniert von der Arbeit auf der Bühne“, erzählt sie.  Sie wollte die Bretter der Welt erobern – aber womit? „Ich wusste es nicht. Klar war mir nur: Ich wollte mit dem, was ich auf der Bühne zeige, zu etwas ganz besonderem werden, einzigartig sein.“ In einer Welt, die schon Künstler aller Kategorien kannte, ein hoher Anspruch.

Eine von Männern dominierte Branche

Dann kam ihr die Idee, die eigentlich von Männern dominierte Kunst des Schwertschluckens zu erlernen. Schwertschluckerinnen gab es damals nicht – und auch heute lassen sich die Damen, die diese Art der Körperkunst beherrschen, an einer Hand abzählen. Drei bis vier sind es laut der „Sword Swallowers Association“, der inernationalen Vereinigung der Schwertschlucker.

Jewels begann, sich intensiv mit dem Thema zu beschäftigen, las Bücher über Stunts und studierte in der Literatur den  Körper des Menschen. Sie wollte die Anatomie kennenlernen, „denn ohne das Wissen kommt man in diesem Bereich nicht weit. Wenn man auf der Bühne sein Leben riskieren will, muss man verstehen, wie der eigene Körper funktioniert.“

Jewels übte, bis sie ihren Würgereiz kontrollieren konnte

Schwertschlucker müssen vor allem in der Lage sein, ihren Würgereiz zu kontrollieren. Der angeborene Reflex ist ein lebenswichtiger Schutzmechanismus – er soll verhindern, dass Fremdkörper in das Innere des Körpers gelangen können. Die meisten Babys würden ohne ihn nicht überleben. „Man muss ihn so lange provozieren, bis sich der Körper daran gewöhnt. Ganz abtrainieren kann man sich den Reflex aber nie“, sagt Jewels und lacht. „Beim Zahnarzt  merke ich das.“

Als Kind begann sie mit dem Training, nutzte zuerst eine Feder, mit der sie sich im Hals kitzelte. Nach der Feder kam die Zahnbürste – Jewels schob sich den Stiel in den Rachen.

Das Mädchen übte und übte, schluckte im Alter von 14 Jahren zum ersten Mal ein echtes Schwert. „Es hat ein paar Monate gedauert und ich musste ständig trainieren. Wenn man so eine Kunst erlernen will, muss man es wirklich wollen.“

Von den Auftritten finanzierte sie ihr Studium

Früh ging sie auch auf die Bühne, um ihr Können anderen Menschen zu zeigen – ganz zum Leidwesen der Eltern. „Meine Akademiker-Familie wollte, dass ich einen ordentlichen Beruf erlerne oder studiere“, sagt Jewels. Weil sie trotzdem vom Varieté träumte, schlich sie sich in der Nacht aus dem Haus und trat auf – beispielsweise in Fetisch-Clubs. Später studierte sie in London Politikwissenschaften und Linguistik. Ihr Studium finanzierte sie mit ihren Auftritten.

Inzwischen hat Jewels reichlich Erfahrungen gesammelt, stand in unzähligen Varieté- und TV-Shows auf der Bühne. Für ihre Auftritte nutzt sie ein Schwert mit einer etwa 50 Zentimeter langen Klinge aus versilbertem Stahl. Langsam lässt sie diese in ihren Rachen gleiten, bis nur noch der Griff aus ihrem Mund ragt – die Klinge geht dann durch die Speiseröhre und die Magenöffnung bis zum Grund des Magens. „Ich muss in diesem Moment absolut konzentriert sein. Wenn ich nicht ganz bei der Sache bin, auch nur für einen Moment an etwas anderes denke, kann das lebensbedrohlich sen.“

Lebensgefährlicher Unfall

Auch deshalb schaut sie sich vor einem Auftritt die Bühne genau an, prüft die Technik, studiert das Umfeld, in dem sie ihre Kunst zeigen soll – so geht sie sicher, dass Ablenkungen während der Performace ausgeschlossen werden. Nur einmal war sie bisher nachlässig – die Folge war eine Verletzung. 

Ein Bekannter verhalf ihr zu dem ungewöhnlichen Röntgen-Fotoshooting.

Ein Bekannter verhalf ihr zu dem ungewöhnlichen Röntgen-Fotoshooting.

© zVg

Das Unglück passierte, als sie auf der Bühne stand, das Schwert bis zum Anschlag im Rachen. Über ihr löste sich die Befestigung eines Vorhangs, der schwere Stoff fiel nach unten, diekt auf die junge Frau und das Schwert, das in ihrem Rachen steckte. „Dabei  wurde meine Speiseröhre perforiert.“ Was sie rettete, waren auch ihre Kenntnisse in Anatomie. „Auch deshalb ist es wichtig,  gut über den eigeen Körper Bescheid zu wissen. Ich konnte den Ärzten  genau sagen, was passiert war und wie ich mich verletzt hatte.“ Über Leben und Tod entschied außerdem, dass Jewels vor den Ärzten, die sie behandelten, schon aufgetreten war. „Die kannten mich“, sagt sie.

Diese Röntgenaufnahmen ihres Körpers ließ Jewels in einer Berliner Klinik anfertigen.

Diese Röntgenaufnahmen ihres Körpers ließ Jewels in einer Berliner Klinik anfertigen.

© zVg

Jewels ist aber auch der künstlerische Anspruch wichtig. „Es reicht nicht, nur ein Schwert zu schlucken.“ Sie zaubert, führt Entfesselungs-Darbietungen vor, liest als Mentalmagierin die Gedanken der Zuschauer. In ihrer Schwert-Darbietung lässt sie auch den Stiel einer Rose in ihre Kehle gleiten und schluckt einen Wäscherei-Kleiderbügel, den sie in ihrer Speiseröhre zu einem Herz verbiegt – all das zu poetischer Musik. Ästhetiki ist ihr wichtig, weshalb sie vier Stunden vor einem Auftritt nichts isst. „Beim Essen produziert die Speiseröhre Schleim, der würde dann am Schwert hängen.“

Doch bis dahin hat die Künstlerin noch Zeit. Und schließlich hat das Leben nach der Bühnen-Karriere auch einen entscheidenden Vorteil: Es gibt Kuchen ohne Ende.

Infos: www.beautiful-jewels.de

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