Der Tod ist ein Ponyhof

Vom Streichelzoo ins Schlachthaus

Im Herbst, wenn die letzten Touristen und Ferienkinder abgereist sind und damit die „Streichelsaison“ beendet ist, haben die Pferdchen ausgedient. Hunderten droht das gleiche Schicksal: Bei der Versteigerung warten die Metzger.

Michael Santen
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„Oooch, ist das süüüß!“ Die Augen von Sabrina (7) strahlen mit der Sonne über dem Ferienhof in Bayern um die Wette. Entzückt streichelt das kleine Mädchen das hellbraune, flauschige Haflinger-Fohlen „Linus“. Drei herrliche Wochen verbrachte Sabrina mit ihren Eltern auf dem Ferienhof, auf dem Kühe, Hühner, Schweine und mehrere Haflinger gehalten werden. Für ein Großstadt-Kind ein unvergessliches Erlebnis.

Der Abschied von ihrem vierbeinigen Freund fiel Sabrina schwer. „Tschüss, bis zum nächsten Jahr“, hat sie ihm mit Tränchen in den Augen zugerufen. Was Klein-Sabrina (Gott sei Dank) nicht weiß: Nächstes Jahr wird „Linus“ vermutlich nicht mehr da sein. Im Herbst, wenn die letzten Touristen und Ferienkinder abgereist sind und damit die „Streichelsaison“ beendet ist, haben die Pferdchen ausgedient. Hunderten droht das gleiche Schicksal: Der Bauer oder Ferienhof-Besitzer bringt die oft erst sechs Monate alten Tiere zur Versteigerung – und da warten die Metzger. Denn vor allem in Österreich und Italien ist z.B. Salami aus Haflinger-Fleisch sehr beliebt…

Doch es gibt einen kleinen Hoffnungsschimmer – für einige Pferde. Immer öfter tauchen bei diesen Versteigerungen Menschen auf, die den Händlern und Metzgern die begehrten „Happen“ vor der Nase wegkaufen – die „Schutzengel der Fohlen“.
Wie das junge Paar (er Goldschmied, sie Bürokauffrau) aus Freiburg: „Wir lieben Pferde und waren ganz entsetzt, als wir hörten, dass Haflinger-Fohlen versteigert und dann zum Schlachten nach Süditalien gebracht werden. Wir haben eines gekauft und das tollt jetzt ausgelassen über unsere Weide.“ Sie tauften es „Stromboli“, wie den kleinen, aktiven Vulkan in Kalabrien (Süditalien). Als wollten sie damit sagen: „Ätsch, dieses Fohlen habt ihr nicht gekriegt!“

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„Schlachter zahlen für Fohlen gute Preise“, weiß Petra Kandzia (42) aus Drolshagen im Sauerland, Gründerin des Vereins „Schutzengel für Tiere“ und Betreiberin eines Gnadenhofes für Pferde, Kühe, Schafe, Ziegen, der sich aus Spenden und Patenschaften finanziert. „Ich finde das Wort Nutztier schrecklich. Als würden sie nur leben, um dem Menschen mit ihrem Tod zu dienen. Sie haben genauso Gefühle, wie Hunde oder Katzen. Aber die lieben und verhätscheln wir.“ Auch Haflinger hat Petra Kandzia schon gerettet: „Im Herbst 2009 eine Stute mit Fohlen für 1000 Euro. Und letzten Februar ein Fohlen für 400 Euro.“ Am liebsten würde sie bei Auktionen, bei denen nur „fehlerfreie“ und „makellos gezeichnete“ Exemplare eine Chance haben, dem Schlachthof zu entkommen, weil sie zur Zucht herangezogen werden, alle Tiere aufkaufen: „Aber das geht nicht, das ist ein Fass ohne Boden.“

Sabina Rödler, Musiklehrerin aus München, hörte im Radio einen Aufruf: „Da wurden Paten für Haflinger-Fohlen gesucht. Das war herzerweichend.“ Sie kaufte eines, vermittelte es „in liebe und gute Hände“. Inzwischen hat sie das über 30-mal gemacht: „Oft musst du 500 Euro für ein Fohlen bieten. Da erst steigen die Schlachter aus.“

Im Wendland-Dörfchen Prezier betreibt Dr. Christiane Suschka, Tochter des Berliner Schauspielers Hubert Suschka (1981 verstorben) den „Lebenshof Pferdeglück“. „Bei mir stehen 123 Tiere, davon 26 Pferde.“ Es begann mit einem Notruf im Internet: „Rettet Fohlen vor dem Schlachttransport!“ Suschka kooperierte mit der Organisation „Free Animal“, bekam von ihr 1000 Euro und rettete eine tragende (!) Stute mit 4 Monate altem Fohlen, die an der holländischen Grenze standen – kurz bevor der Schlachter aus Frankreich kam. „Es klingt unfassbar, aber es ist wahr: Es gibt sogenannte Gourmets, die nicht nur Fohlenfleisch essen, sondern sogar Gerichte aus Föten.“

Michael Aufhauser (59) betreibt heute den größten Gnadenhof, Gut Aiderbichl in Österreich (3 Millionen Besucher). Hier bekommen 2000 aus unsachgemäßer Haltung befreite und vor dem Schlachter gerettete Tiere ihr Gnadenbrot. 25000 Paten sichern das finanziell ab. „Es gibt einen riesigen Überschuss an Fohlen. Vor allem wegen der wahllosen Pferde-Vermehrung auf unseren Ferienhöfen“, prangerte er kürzlich in einer ZDF-Doku an. Gerne werde behauptet, das Durchfüttern im Winter sei zu kostspielig. Unsinn, denn Haflinger sind „leichtfüttrig“, also genügsam und anspruchslos.

So prangern alle „Schutzengel“ die „schwarzen Schafe“ der Ferienhof-Branche an, auf denen Jahr für Jahr Fohlen „produziert“ werden, um den zahlenden Gästen die gewünschten „Streichelobjekte“ bieten zu können. „Man kann das leider nicht verbieten“, bedauern sie. „Man kann nur an das Gewissen dieser Leute appellieren, mit dieser „Überproduktion“ endlich aufzuhören.“ Meist vergebens. Und Petra Kandzia weist noch auf ein zweites Problem hin: „Für bestimmte Kosmetik wird Stutenmilch verwendet. Also braucht die Kosmetik-Industrie tausende Stuten mit Fohlen. Die Stuten müssen immer wieder Nachwuchs kriegen, damit sie Milch haben und man sie melken kann. Die Fohlen sind überflüssig, die kommen weg.“
Und „weg“ bedeutet für die Tiere dann in den meisten Fällen: Endstation Pferdemetzger...

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