Der Polyester-Jesus von Swiebodzin 56 Meter hoch! Pfarrer Sylwester Zawadzki lässt die größte Christus-Statue der Welt bauen

150 km vor Berlin entsteht ein neuer Wallfahrtsort

Thomas Lebie Marcus Böttcher
Lesezeit 4 Min

Swiebodzin - Heiliger Gigantismus. Nur 70 Kilometer hinter der deutsch-polnischen Grenze, 150 Kilometer vor Berlin, entsteht die größte Jesus-Statue der Welt. Ein Wallfahrtsort für Millionen Katholiken. Der KURIER war dem Erlöser ganz nah.Kurvig schlängelt sich die E30 durch verträumte Kiefernwälder, Störche picken in saftigen Sauerampferwiesen. Heruntergekommene Bauernhöfe säumen den Weg nach Swiebodzin - eine verlassene, nahezu menschenleere Gegend. Nur Dorf-Puffs, grell geschminkte Straßenhuren und einige billige Bars wollen Besucher locken, ab und an hält sogar einer an.In gut zwei Monaten aber gibt es eine neue Attraktion. Die Attraktion. Größer. Imposanter. Und viel heiliger als alles bisher Dagewesene: eine Jesus-Statue. Riesige 33 Meter hoch (für jedes Lebensjahr des Heilands ein Meter), 100 Zentimeter höher als das Ebenbild auf dem Zuckerhut in Rio de Janeiro. Weltrekord.Vom Kopf des "Königs" wird eine hohe Krone glänzen - überzogen mit einer dünnen Schicht aus echtem Blattgold. Drei Meter ist sie hoch, drei Jahre wirkte Jesu öffentlich.Zählt man den Hügel unter der Statue mit, ragt das Denkmal sogar ganze 56 Meter in die Höhe. Umgeben von einem "Garten Eden" mit hunderten Pflanzenarten und einem Wasserfall. Das Symbol des Glaubens, das Abbild des Herrn - und das gerade hier, knapp 400 Meter neben der Autobahn der käuflichen Liebe, zwischen Berlin und Warschau.Pfarrer Sylwester Zawadzki, den Bauherren, interessieren "Club Alibi", dämmernde Rotlicht-Reklame und schwarze Leder-Miniröcke nicht. Natürlich nicht. Mürrisch empfängt der 78-Jährige die KURIER-Reporter. Eigentlich herrscht auf der Baustelle strengstes Fotografierverbot, ruppige Arbeiter verscheuchen allzu Neugierige. Für den KURIER machen sie und Zawadzki eine Ausnahme.Der Pfarrer trägt das traditionelle Birett auf den weißen Haaren, ein schwarzer Mantel verhüllt die Soutane und seinen mächtigen Körper. "Wenn das Denkmal fertig ist, können hier die Pilger symbolisch den Kreuzweg Christi nachvollziehen. Ich will einen Ort schaffen, an dem Gläubige Tag und Nacht beten können", sagt er.Wenn er dann mal fertig ist. Bislang sieht es gut aus. Der Jesus-Rumpf im wehenden Gewand steht, Kopf und Stahlstreben der Schulterpartie lagern dahinter im staubigen Sand Westpolens. Blaue Plastikplanen verdecken nur notdürftig die mächtigen Hände des Erlösers. 24 Meter voneinander entfernt werden sie später ins Lebuser Land weisen. 40 Kilometer weit wird man "ihn" sehen können."1996 haben wir angefangen, Schutt und Steine mit blanken Händen für den Hügel heranzuschaffen", erinnert sich Bauarbeiter Zenek S. (60). Heute bepinselt er Polyesterbahnen, die auf dem Grundgerüst aus Stahlstreben angebracht sind. Ende September wollen sie fertig sein. "Endlich ist es bald geschafft." Ob er stolz ist, dabei zu sein, wollen wir wissen. Für wenige Sekunden lässt S. den Pinsel fallen. "Na hören Sie mal, selbstverständlich. Eine Ehre", antwortet er. Dann bekreuzigt er sich.Bei aller Vorfreude auf den neuen Wallfahrtsort, der Millionen in die Region spülen wird: Nicht immer lief es so reibungslos auf der heiligsten Baustelle der Welt. Vor wenigen Jahren entzog die Baubehörde Zawadski die Genehmigung, wollte den halbfertigen Jesus schon abreißen. Grund: Durch Sonneneinstrahlung wären Gase im hohlen Innenraum entstanden, die Statue hätte explodieren können. Jesus sollte zur Problemlösung ein Entlüftungsrohr aus dem Kopf schauen. Zawadski polterte, schimpfte, protestierte, sprach von "Machenschaften des Satans". Und regelte die Angelegenheit.Wie die Entlüftung nun funktioniert, darüber möchten die Arbeiter nicht sprechen. Ein strenger Blick des Pfarrers reicht, und sie wuseln weiter. Die Kosten für das Mega-Projekt sind geheim. Beziehungsweise kennt Zawadski sie selbst nicht. Sagt er. Aber woher kommt das Material für Erdhügel und Statue? "Private Sponsoren. Die Metallkonstruktion? "Private Sponsoren. Die Leute spenden aus Dankbarkeit Geld und Material." Heiliger Gigantismus eben.------------------------------Pilgerweg spült Millionen reinKnapp 40 Kilometer südlich des Polyester-Jesus liegt Zielona Góra (dt. Grünberg), die Hauptstadt der Woiwodschaft Lebus. Durch die schlesische Stadt führt der weltberühmte Jakobsweg. Mit der Statue in Swiebodzin werden Millionen Touristen und Gläubige angelockt - die wiederum Millionen Zloty in die Region spülen.Endpunkt des Jakobsweges ist die spanische Stadt Santiago de Compostela. Hier befindet sich das Grab des Apostels Jakobus. Jakobspfade sind überall in Europa vernetzt, als eigentlicher Weg wird aber die Camino Francés verstanden, eine hochmittelalterliche Verkehrsachse in Nordspanien.------------------------------BU: Wie auf dieser Skizze soll der Polyester-Jesus von Swiebodzin über das Lebuser Land strahlen.

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