Die Grafitti-Wand im Mauerpark ist bei Touristen ein beliebtes Fotomotiv.
© Peter Kagerer
Der Mauerpark zwischen den Bezirken Mitte und Pankow ist weit über Berlins Grenzen bekannt. New York hat den Central Park, London den Hyde. Und Berlin? Mit einer ruhigen, grünen Oase inmitten von Hauptstadthektik hat die einstige Brache zugegebenermaßen wenig zu tun. Trotzdem: Wenn das berühmte Berliner Lebensgefühl ein Zuhause hat, dann jeden Sonnensonntag hier. Der Fotograf und Reisejournalist Peter Kagerer (49) fängt es mit der Kamera ein.
Grüne Oase inmitten von Hauptstadthektik
Es fällt ein bisschen schwer, sich den Park gefüllt mit Menschen und Magie vorzustellen, wenn man an einem windigen Januarmittwoch hier unterwegs ist. Schlammpfützen umkurven, Baustellen ausweichen – tapfer muss man sein. Es ist zugig und die Pflasterstraße quer durch den Park zieht sich ganz schön. Das Grün ringsum sah auch schon mal frischer aus. Wie auch die unerschrockenen Muttis, die postnatal ihre Beine stretchen, während ihre Babys eingemummelt in teuren Kinderwagen schlummern. „Das ist sonst nicht meine Zeit“, gibt Peter Kagerer zu.
Bäume pflanzen auf dem ehemaligen Todestreifen. Aus Brache wird bunt.
© Archiv Berliner Unterwelten e.V.
Doch selbst zu unserem Interview hat er die Kamera mitgebracht und lichtet noch kurz einen einsamen Sportler ab, der die Mörder-Stufen am Amphitheater locker mit Schlusssprüngen nimmt. „An warmen Wochenenden aber ist das hier die größte Bühne der Stadt.“
Die Motive schwirren ihm nur so vor die Linse, versichert Kagerer. Man müsse einfach nur da sein. Von 12 Uhr mittags bis zum Sonnenuntergang ist er unterwegs und hält die Berliner Mischung für die Nachwelt fest. Der Fotograf vom Mauerpark zeigt Hauptstadtmenschen lebendig, schräg, bunt und vielfältig. Ab dem 6.2. sind seine Mauerparkbilder und die von weiteren vier Fotografenkollegen im Kiez zu sehen.
Lang ist’s her: Kinder auf dem Weg durch den heutigen Park.
© Archiv Berliner Unterwelten e.V.
Er hat sie alle abgelichtet, die Straßenmusiker, die Artisten, die Voyeure, die Picknicker, die Grill-Profis, die Veggies, die Eltern aus der Provinz, die Geschichtsinteressierten – sie sind wohl eher in der Unterzahl.
Dabei gäbe es doch eine Menge zu erzählen über dieses Fleckchen Berlin.
Nichts als Sand war hier, als die Stadt eine geteilte Stadt war. Auf dem heutigen Parkgelände befand sich der Grenzstreifen. Von 1961 bis 1989 herrschte Totentanz, keiner durfte passieren. Als mit der Mauer auch die Pflege des Sandstreifens wegfiel, setzten sich Anwohner Anfang der 1990er Jahre für die Errichtung eines Parks ein.
Eröffnung nach dem Mauerfall am 9. November 1994
Angesichts der schnell wuchernden Spontanvegetation auf dem Terrain pflanzten sie die ersten Bäume. Nach einigen Umbauarbeiten durch den Landschaftsarchitekten Gustav Lange eröffnete der Mauerpark offiziell fünf Jahre nach dem Mauerfall, am 9. November 1994. In diesem Frühjahr werden einige Relikte aus der Zeit der Teilung an einem neuen Geschichtsort wieder besser sichtbar sein.
Eine historische Panzersperre, die einst die Durchfahrt in Richtung Westen verhinderte, wird am neuen Zugangsbereich in der Bernauer Straße aufgestellt. Die Berliner Wasserbetriebe hatten sie bei den Arbeiten zum Stauraumkanal zwischen Bernauer und Gleimstraße entdeckt. Auch der Eingang eines freigelegten Fluchttunnels wird sichtbar gemacht, so wie es sich für einen Ort gehört, an dem Geschichte auf das ständige Werden des Hier und Jetzt trifft.
Der Mauerpark ist Anziehungspunkt für ganz unterschiedliche Menschen.
© Peter Kagerer
Weitgehend ungelenkt, nie fertig und immer wieder von Diskussionen um Lärm, Dreck und angemessene Nutzung begleitet, entfaltet sich im Mauerpark des Berliners Lust am Leben – unter den Augen von Touristen aus aller Welt, die genau dieses Berlingefühl suchen und finden.
Mauerpark wächst heute von 8 auf 15 Hektar
Und der Mauerpark wächst. Von 8 auf 15 Hektar wird der Park derzeit vergrößert. Der Entwurf stammt ebenfalls von Gustav Lange, der schon den vorhandenen Mauerpark gestaltete. Flächen für ruhigere Nutzungen als Gegenpol zur quirligen Wiesenfläche mit dem Amphitheater, mehr Wege, Spielplätze und Sanitäreinrichtungen machen den Mauerpark fit für die Zukunft. Relikte der ehemaligen Nutzung vor dem Krieg als Bahnhof werden erhalten und der Verlauf der Mauer nachgezeichnet. Das ehemalige Gewerbegebäude, die „Kartoffelhalle“ soll erhalten und zu einem nicht-kommerziellen, kulturellen Treffpunkt entwickelt werden.
Diese Berliner Piazza, auf der es um Sehen und Gesehen werden geht, auf der ein babylonisches Sprachengwirr herrscht und sich trotzdem meistens alle verstehen, ist ein Ort, den es zu bewahren gilt.
Peter Kagerer (49) plant ein Buch mit Mauerpark-Fotos.
© Sabine Gudath
Peter Kagerer, der hauptberuflich als Reisefotograf unterwegs ist, hat schon viele besondere Orte in der Welt gesehen, den Mauerpark vergleicht er am ehesten mit dem Freistaat Christiania in Kopenhagen. „Nur mit weniger Drogen. Ist ja schließlich nicht der Görli.“
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