Der Journalist Karl Hoffmann erlebt das Flüchtlings-Drama auf Lampedusa

Die große Höllenfahrt ins Ungewisse

BK
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In Reih und Glied stehen die jungen Tunesier vor der Laderampe der "Palladio". "Viva Lampedusa" ruft einer vor dem Einsteigen und hebt die Hand zum Victory-Zeichen. 125 Erwachsene und 20 Minderjährige gehen an Bord, vor ihnen liegt eine achtstündige Seereise: 250 Kilometer bis nach Sizilien, ausgesprochen bequem, verglichen mit der Höllenfahrt von Tunesien nach Lampedusa. Aber es sei das Risiko wert gewesen, denn die Reise führte sie in die "liberté", die Freiheit, sagen die Boat People. Und jetzt wollen sie sich auf die Suche nach Arbeit und Wohlstand weit weg von Tunesien machen.Während die Leinen der "Palladio" gelöst werden und das Schiff langsam Fahrt aufnimmt, diskutieren die Fischer auf der Mole die dramatische Lage. "Hoffen wir, dass Gaddafi an der Macht bleibt." Ohne Gaddafi wird es hier einen zweiten Ansturm geben, da sind sich die 5000 Lampedusaner sicher. Seit letzter Woche sind sie in heller Aufregung. Zwei Jahre lang war der Flüchtlingsstrom unterbrochen. Viele Bewohner hatten schon fast vergessen, dass nur 150 Kilometer entfernt ein neuer Kontinent liegt, wo Millionen Menschen von Diktatoren zum Leben in Unfreiheit und tiefer Armut gezwungen wurden. Jetzt ist entlang der tunesischen Küste der Damm gebrochen. In weniger als einer Woche verdoppelte sich die Bevölkerung Lampedusas."On cherche le travail" - wir suchen Arbeit", antworten die Tunesier, wenn man sie nach ihren Plänen fragt. Und dabei gehen sie fest davon aus, dass jeder von ihnen eine Arbeit in Europa finden wird. Wozu sonst hätten sie 800 oder 1000 Euro bezahlt für die gefährliche Überfahrt? Hassan ist 25 und Elektriker. Solche wie ihn braucht Europa, da ist er sicher. Mohammed ist 27, hat viele Jahre lang als Kellner in Hotels auf Djerba gearbeitet. Er sei kein Terrorist und auch kein Sträfling, wie in den Zeitungen der vergangenen Tage zu lesen war. Hart arbeiten, sauber bleiben, die Vorschriften achten - Mohammed zählt alle Tugenden auf, von denen er glaubt, dass sie seine Chancen in Europa erhöhen. Er hat natürlich nicht das Interview des italienischen Außenministers am vergangenen Sonntagabend im Fernsehen gehört. Die Tunesier könnten unmöglich in Europa bleiben, erklärte der Minister. Und das kann nichts anderes heißen, als dass man die Tunesier auf schnellstem Weg wieder in ihr Heimatland zurück bringen will.------------------------------Zwischenzeile: Sie zahlen 1000 Euro für die gefährliche Überfahrt

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