Der Deutsche Werner Felten, viele Jahre Chef des türkischen Senders "Radyo Metropol FM", rückt unser oft schräges Türken-Bild gerade

So tickt der Türke

Michael Santen
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Den markanten Satz, der wie eine Drohung klang, bekam Werner Felten 1999 in einem Personalgespräch zu hören. Er hat ihn bis heute nicht vergessen. "Da sind Sie allein unter Türken!" Die Warnung kam von einem der Gesellschafter der Betreiberfirma, die gerade "Radyo Metropol FM", Berlins ersten türkischsprachigen Sender, ins Leben gerufen hatte. Er galt ihm, Werner Felten, dem frisch eingestellten Geschäftsführer und Programm-Direktor. Ein 20-köpfiges türkisches Radioteam und er als "einsamer" deutscher Chef - ob der Arme sich über diesen Extrem-Job wohl im Klaren wäre, mag sich der Gesellschafter damals gefragt haben. Doch dessen Sorge war unbegründet. Die Integration des Deutschen funktionierte, die Zusammenarbeit verlief reibungslos, Team und Chef entwickelten ein fast freundschaftliches Verhältnis.Jetzt wurde jener Satz aus dem Sommer 1999 Titel eines Buches, das eben dieser Werner Felten (51) schrieb: "Allein unter Türken" (Südwest-Verlag; 16,90 Euro). Auf 240 Seiten schildert er seine Erfahrungen und Erlebnisse mit Türken - in der Redaktion, im Taxi, im Restaurant, bei Medien-Diskussionen und türkischen Hochzeiten."Mittendrin, statt von oben herab", sagt er. Ein umfangreiches Wissen, das sich da angehäuft hat. Denn bis zu seinem Ausscheiden 2007 war er tagein, tagaus von Türken umgeben. "Ich habe quasi acht Jahre in der Türkei gelebt und gearbeitet", sagt er und lacht, als ich ihn in einem türkischen Lokal in Kreuzberg treffe. Felten bestellt sich - auf Türkisch- einen schwarzen Tee."Ich habe die Sprache zwei Jahre lang gelernt. Schreiben kann ich sie nicht gut, aber sprechen und lesen. Ich lebte unter Türken, also wollte ich auch Türkisch können. Und ich wollte wissen, wie es ist, wenn alle Welt von Menschen im fortgeschrittenen Alter fordern, eine neue Sprache zu lernen. Viele, die das von Türken fordern, können keine Fremdsprache oder haben selbst mit der deutschen Sprache Probleme - ich meine auch viele Politiker..."In seinem "humoristischen Sachbuch", wie er es nennt, vergleicht er Sitten, Bräuche, Gewohnheiten von Deutschen und Türken, kämpft gegen Klischees.Denn auch nach gut 40 Jahren sind uns die Türken - 3 Millionen leben in Deutschland, 115 000 in Berlin - meist noch fremd. Andere Mentalität, andere Kultur, andere Religion - das sorgt für Distanz, das schafft Probleme.Mit Italienern, denen wir Eisdiele, Pizza, "Buon giorno" und "Ciao Bella" verdanken, wurden die Deutschen schnell warm. "Aus dem Islam kann man nicht austreten, also zum Gericht gehen und sich abmelden. Muslim ist man von Geburt an. Da Türken überwiegend in muslimischen Glauben hineingeboren werden, ist es für Deutsche logisch, dass Türken diesen Glauben auch praktizieren. Vielleicht ist das der Grund des Unbehagens vor den ,unbekannten Nachbarn' in Deutschland", mutmaßt Felten. Der Italiener ist uns vertraut, beim Türken fremdeln wir.Das will der Autor mit seinem Buch ändern. Er will, dass wir uns annähern, will uns "den Türken" (den es aber genauso wenig gibt, wie "den Deutschen"), näher bringen."Ich will mit Vorurteilen aufräumen. Wie oft höre ich: 'Ach, kennst du einen Türken, kennst du alle!' Stellen Sie sich vor, ein Neuankömmling lernt hier als Erstes einen Bier saufenden, Schnitzel vertilgenden, grölenden Deutschen kennen, der im Feinripp-Unterhemd verschwitzt herumläuft und die deutsche Fahne schwenkt - und würde behaupten: 'Ich weiß genau, wie der Deutsche ist!' Das würde uns doch auch nicht amüsieren, oder?"Felten kämpft gegen das Schubladen-Denken. So schreibt er: Für manche Polizisten sind Türken grundsätzlich kriminell, sie kennen sie nur als Straftäter. Für viele Lehrer sind Türken notorische Schulverweigerer und Unruhestifter. Politiker finden sie schlichtweg integrationsunwillig. "Und im Fernsehen ist der Türke entweder der Assistent vom Kommissar oder der auf die schiefe Bahn geratene Asoziale", ergänzt er kopfschüttelnd. "Dazwischen scheint es nichts zu geben."Felten schlürft genüsslich seinen Tee, lauscht mit einem Ohr der türkischen Popmusik, die seine alte Liebe "Metropol FM" durch die Boxen des Lokals schickt. Und er ist sofort wieder so engagiert, als wäre er als Anwalt vor Gericht und müsse seinen Mandanten, "den Türken in Deutschland", verteidigen: "Hier leben Kurden, Tscherkessen, Rumeli-Türken und Lasen, um nur einige zu nennen. Es gibt Mohammedaner, genauer gesagt Sunniten, Schiiten, Aleviten, auch Christen, Juden, Jesiden. Und Kopf-Tuchträgerinnen und Patriarchen aus anatolischen Dörfern, aber auch Intellektuelle aus Istanbul. Unternehmer, Ärzte, Politiker, Sportler, Kriminelle, Journalisten, Gemüsehändler. So viele Schubladen gibt es gar nicht, als da für jeden Türken eine passende dabei wäre."Ich frage ihn: Haben Sie selbst eigentlich mehr deutsche oder mehr türkische Bekannte und Freunde? Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: "Türkische! Sie sind die gastfreundlichsten, warmherzigsten und höflichsten Menschen, die ich kenne."In Ihrem Buch scheinen Sie der Integration wenig Chancen einzuräumen, wenn sich nichts Grundlegendes ändert, oder?"Deutschland besteht aus drei Teilen: West-, Ost- und Türkdeutschland. In Türkdeutschland liegen auch die anatolischen Dörfer, die sich nicht integrieren lassen wollen. Die Integration der Ostdeutschen hat nicht geklappt, weil sie die Westdeutschen erst gar nicht versucht haben. Aber das mit den Türken sollte dringend klappen. Immerhin möchte man jetzt, nachdem sie 41 Jahre im Land sind, damit beginnen. Aber, ehrlich gesagt - mir fehlt das Vertrauen in die Integrationskompetenz der Deutschen."Wie zum Beweis berichtet er von dem Echo, das gerade ein Interview mit ihm im Ruhrgebiet auslöste: "Es war kaumonline, da hagelte es 67 Kommentare. 65 waren negativ, viele voller Hass. Der harmloseste war der Rat, ich möge mit meiner Familie in die Türkei gehen."Die Reaktion auf sein Buch bei "Metropol FM" fiel anders aus - 20-fache Begeisterung: "Endlich hat mal einer über normale Türken geschrieben!" Und sich auf der letzten Seite vor ihnen verbeugt: "Es war schön bei Euch! Tesekkür Ederim, danke schön!"------------------------------KURIER-WIKIWerner Felten, 1959 in Trier geboren, hat in München Germanistik, Kunstgeschichte, Theaterwissenschaften studiert, war danach beim Südwestfunk in Mainz, beim Privatsender RPR (Rheinland-Pfalz-Radio) und bei "Radio Brocken" in Halle. 1999 trat er als Geschäftsführer und Programmdirektor beim neu gegründeten türkischen "Radyo Metropol FM" in Berlin an, prägte es acht Jahre. Seit 2007 lebt er als freier Medienberater in Frankfurt/Main. Er ist verheiratet (seine Frau leitet einen Kindergarten in einem sozialen Brennpunkt) und hat zwei erwachsene Kinder.------------------------------BU: Werner Felten war lange Zeit in seinem Job "Allein unter Türken". Im gleichnamigen Buch hat er seine Erlebnisse beschrieben und klärt die klassischen Türken-Klischees.Zwischenzeile: "DEN TÜRKEN" GIBT ES SO WENIG WIE "DEN DEUTSCHEN"Zwischenzeile: ZWEIFEL AN INTEGRATIONSKOMPETENZ HIERZULANDE

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