Erasmia - Jogi Löw ist der umjubelte Vater des wunderbaren schwarz-rot-goldenen Fußballwunders. Der Bundestrainer bastelte trotz vieler Rückschläge das Team, das uns bei der WM in Südafrika begeistert. Doch im KURIER-Interview bleibt er zurückhaltend und hat nur ein Ziel: den vierten WM-Titel für Deutschland zu gewinnen.?Herr Löw, die Welt schwärmt vom DFB-Team. Können Sie selbst glauben, was Ihre Mannschaft gerade leistet?!Ja. Für mich ist das sicher auch ein Traum. Trotzdem überrascht es mich nicht, dass die Mannschaft in der Lage ist, dem Druck stand zu halten. Natürlich dachte ich nicht unbedingt, dass wir 4:0 gewinnen. Aber dass wir Argentinien schlagen können, wusste ich.?Müssen Sie sich nicht trotzdem manchmal zwicken?!Nein, ich muss mich nicht zwicken. Was die Mannschaft leistet, hat sich in der Vorbereitung angedeutet.?Nach dem Spiel sind sie in den Katakomben am weinenden Maradona in den Armen seiner Tochter vorbei gegangen. Was haben Sie bei der Szene gedacht?!Ich wollte eigentlich kurz stehen bleiben und ihm alles Gute wünschen. Es war aber nicht möglich. Beide haben geweint, es war eine unglaubliche Enttäuschung. Da hat man schon Mitgefühl. Argentinien ist eine große Fußball-Nation, sie hatten natürlich den Anspruch, Weltmeister zu werden. Ich weiß, wie sich Maradona fühlt. Diese Niederlage war für ihn brutal, da bricht eine Welt zusammen.?Ist die aktuelle Mannschaft die beste Nationalelf allerZeiten?!Nein, das geht mir zu schnell. Dafür müssen wir diese Leistung über Jahre bestätigen. Und dafür brauchen wir den Titel, erst dann kommen wir in die Geschichtsbücher.?Ist für Michael Ballack in dieser Mannschaft überhaupt noch Platz?!Diese Frage stellt sich im Moment nicht. Unsere Aufgabe war, ihn zu ersetzen. Das ist uns gelungen. Bastian Schweinsteiger war gegen Argentinien, wie schon so oft, überragend. Als Spieler, aber auch als Persönlichkeit.?Trotzdem: Kehrt Ballack noch einmal zurück?!Das ist im Moment kein Thema. Wir sind jetzt bei einer WM, man wird sehen, was danach insgesamt passiert. Aber Michael hat über Jahre hinweg bei uns seine Leistungen gebracht.?Was hat Ihnen Angela Merkel nach dem Spiel gesagt?!Ich habe ihre Ansprache leider verpasst, weil ich bei den Medien war. Aber die Kanzlerin hat auf mich gewartet. Wir haben uns alle sehr über ihren Besuch gefreut, sie verhält sich schon wie ein Teil unserer Mannschaft. Wir haben noch ein wenig gesprochen und mit einem Bier angestoßen.?Nicht nur die Kanzlerin brachte Glück - sondern auch der blaue Glückspulli ...!Ich bin nicht abergläubisch. Aber vor dem Argentinien-Spiel wurde ich vom Trainerteam dazu aufgefordert. Wir hatten mit dem Pullover zwei Mal vier Tore geschossen. Da wollte ich kein Spielverderber sein. Und es hat wieder geklappt.?Also bleibt der Pulli an?!Eigentlich sollte er mal wieder in die Wäsche. Aber das muss ich mir jetzt noch einmal gut überlegen.?Wie stehen nun die Chancen gegen Spanien?!Spanien war in den vergangenen beiden Jahren konstant stark, diese Mannschaft ist über alle Zweifel erhaben. Sie sind enorm gut eingespielt, von der Systematik her viel besser als Argentinien, ein viel härterer Brocken.?War Spanien in den letzten Jahren Ihr Vorbild?!Sie sind spielerisch die dominante Nation im Weltfußball. Aber: Die Vorzeichen sind anders als 2008. Damals waren sie überlegen, jetzt ist es ausgeglichen. Wir haben eine Chance, Spanien zu schlagen. Wir sind mit Spanien auf Augenhöhe.?Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, im Falle des WM-Titels auf dem Höhepunkt aufzuhören?!Darüber habe ich keine Sekunde nachgedacht. Ich habe der gesamten sportlichen Leitung verboten, über die Vertragssituation zu sprechen. Wir wollen davon jetzt nichts hören, jede Ablenkung vermeiden.?Werden denn alle Personalien einzeln verhandelt oder bleiben sie nur als Team?!Das weiß nicht, darüber habe ich nicht nachgedacht.?Auch nicht über mögliche Angebote anderer Nationen, großer Vereine?!Nein, nicht eine Sekunde. Ich will nichts von Angeboten hören. Ich habe mich auf einhalbes Jahr auf dieses Turnier intensiv vorbereitet, da will ich keine Ablenkung. Ich denkehier am Tag 16, 18 Stundenüber Fußball nach, ich bin hochkonzentriert. Auf Fußball, nicht auf meinen Vertrag. Ich liege auch nicht abends im Bett und denke im Stillen über meine Zukunft nach.?Entscheidet Ihr Kopf oder Ihr Bauch?!Es wird eine Kopf- und Bauchentscheidung.?Am Sonntagmorgen bekamen Sie Besuch von Franz Beckenbauer. Hat er die letzten Tipps für den Titelgewinn gegeben?!Der Franz war kurz da und ich habe mich mit ihm auch über das Spiel und die WM unterhalten. Er ist bei uns immer herzlich willkommen.------------------------------Zitat: "Was wir jetzt leisten, überrascht mich nicht. Es deutete sich in der Vorbereitung schon an."
Ihre Meinung interessiert uns. Feedback zu diesem Beitrag senden Sie bitte an leser-bk@berlinerverlag.com