Bäume, Gruben im Wald, ein altes Akkordeon, Erinnerungen eines greisen Ehepaares: Das ist das Material, aus dem ein Berliner Künstler Bilder einer nahezu bilderlosen Zeit schaffen will, in der vermeintlich Wehrlose dem Terror die Zähne zeigten.Es ist die Zeit der deutschen Besetzung einer weltvergessenen Gegend, die Ostpolen war und heute Weißrussland ist.Es ist die Zeit von 1941 bis 1944, als drei jüdische Müllersöhne beschlossen, sich nicht wie ihre Eltern und Tausende anderer Juden im Ghetto von Novogrudok von den Deutschen massakrieren zu lassen; als sie beschlossen, mit dem kleinen Bruder in die Wälder zu gehen, um am Ende mit 1200 Geretteten wieder herauszukommen.Davon gibt es einprägsame Bilder. Jedoch stammen die meisten aus dem Film "Unbeugsam -Defiance", in dem Daniel Craig nicht James Bond 007, sondern den Partisanenchef Tuvia Bielski spielte.Der Mann, der neue Bilder liefern soll, heißt Roman Kroke (36). Wer sein Äußeres und seine Arbeitswelt beschreibt, ist sofort in Gefahr, auf dem Holzweg zu landen.Ein Atelier im bunt-schmuddligen Tacheles an der Oranienburger Straße, ein Mann mit zerschlissener Melone auf dem Kopf, das Sakko direkt über dem feingerippten Unterhemd, ein irritierender Silberblick (oder täuscht das nur?) - das muss ein "Künstler" sein. Aber falsch. Kroke legt Wert darauf, Autor und Illustrator zu sein. "Künstler" ist ihm zu allumfassend nichtssagend.Wenig Wert legt er auch da-rauf, dass er bis vor drei Jahren noch Rechtsanwalt war, halbtags, um dann schließlich auf "Dr." und Messingschild am Potsdamer Platz zu verzichten. Deshalb erlebt er jetzt eine Geschichte, die normale Leute nicht erleben. Das klingt hochtrabend, aber es ging so...Kroke zeichnete Szenen für einen belgischen Dokumentarfilm von 2009. Der Film dreht sich um eine holländische Jüdin. Etty Hillesum schrieb Tagebuch. Sie endete 1943 im KZ.Ein Vertreter guckt in Tampa (Florida) fern. Eine Serie über skurriles Essen, diesmal in Berlin. In dem Film tauchen Kroke und sein Hillesum-Projekt auf.Der Vertreter Brendon Rennert ist Enkelsohn von Tuvia Bielski. Er schickte Kroke eine Mail. Kroke soll für die "Bielski-Familienstiftung" Illustrationen über Waldleben und Kampf von Großvater und Großonkeln zeichnen.Dafür krabbelte Kroke durch den "Naliboki"-Wald westlich von Minsk. Denn Zeichnen bedarf der Recherche. Er traf das weißrussische Ehepaar Viktor und Nina Shimon. Beide über 80 und glücklich. Kroke: "Sie waren begeistert, erzählen zu können, begeistert, dass sich jemand für sie und ihre Geschichte interessiert." Selbst wenn es ein Deutscher ist.Viktor, der damals als Kurier zwischen den Partisanen im Wald und dem Ghetto diente: "Ich hatte Botschaften in die Jacke eingenäht und kam an den Posten vorbei, weil ich doch ,zum Schneider musste'. Einmal habe ich eine Botschaft gesehen, aber konnte sie nicht lesen: Sie war auf Jiddisch geschrieben."Das klingt wie eine Anekdote. Weniger anekdotisch ist die Schilderung der Brutalität, mit der Deutsche, Kollaborateure und Partisanen aufeinander losgingen, tötend und folternd.Das Vibrieren in den Stimmen der Alten zeugt noch heute von der allgegenwärtigen Angst.Nina buk mit ihrer Mutter Brot. Nachts kamen die Partisanen, um es zu holen. Hätten die Besatzer das mitbekommen, wäre das das Ende des Dorfs und seiner Bewohner gewesen.Den Backofen hat Kroke gesehen, die Ruine der Bielski-Mühle und Gruben. Der alte Victor, der dort für Partisanen und Flüchtlinge das Akkordeon gespielt hatte, führte ihn hin.Die Gruben sind die Überreste der Unterschlüpfe, der Synagoge, der Schule, des Krankenhauses, des Gerichts, der Werkstätten. Eine Stadt im Wald, gut getarnt und schwer zu finden - heute ohne Dächer, aber mit ein paar Löchern mehr, weil Schlaumeier nach Gold suchen, das reichere Flüchtlinge dort vergraben haben könnten.Dort hat Roman Kroke etwas wie Intimität gefunden. Die Bäume stellten sie her. Bäume, die in wahrscheinlich blutgetränkter Erde wurzeln, gedüngt mit den Knochen der Toten von vor fast 70 Jahren und grünende Bindeglieder zwischen dem Heute und dem Damals. Deshalb werden sie mit den Gesichtern, dem Akkordeon, den Ruinen in Krokes Bildern erscheinen.Bis zu 20 sollen es werden. Es wird etwa ein halbes Jahr dauern, bis sie fertig sind. Am Ende sollen sie in Brendon Rennerts Wanderausstellung durch Schulen und Museen der USA ziehen und seine Botschaft verbreiten helfen: "Ich sage den Leuten, dass mein Großvater ein ganz gewöhnlicher Mann war, der in der Lage war, ungewöhnliche Dinge zu tun. Buchstäblich jeder Mensch hat die Fähigkeit zu entscheiden, ob er den ersten Schritt tut oder eben nicht. Raus aus der Kuschelecke - Tuvia tat, was er tat, weil er nicht glaubte, eine Wahl zu haben."www.Roman-Kroke.dewww.BielskiFoundation.org------------------------------BU: Kommandeur Tuvia Bielski - er starb 1987 in den USA. Das Foto rechts zeigt Landsleute, die sich im Wald vor den Deutschen versteckten.BU: Roman Kroke kraxelt durch die Reste der Bielski-Mühle. Das Foto daneben zeigt den Hof der Familie vor dem Zweiten Weltkrieg.BU: Roman Kroke und der "Baum des Gedenkens": In einem Baum, der in der Vergangenheit wurzelt, hat er Porträts von Menschen aus Ostpolen integriert.
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