Wenn Depeche Mode auf ihrem neuen Album über fehlgeleitete Staatenlenker, unzufriedene Bürger und ausbleibende Revolutionen singen, dann muss in der Welt wirklich etwas schieflaufen. Olaf Neumann sprach darüber mit Hauptsongschreiber und Multi-Instrumentalist Martin Gore.
Ihr Album „Spirit“ ist stark beeinflusst vom Weltgeschehen. Viele Künstler scheuen sich davor, Position zu beziehen. Was hat Sie dazu ermutigt, es trotzdem zu tun?
Martin Gore: Während wir dieses Album geschrieben haben, ist in der Welt extrem viel passiert. Es wäre fast ein Verbrechen gewesen, diese Geschehnisse zu ignorieren. So einfach ist das.
Welche Motivation steckt dahinter? Sind Sie wütend auf die politischen Führer der Welt, die derzeit in Verantwortung sind?
Ich würde es nicht Wut nennen, sondern eher Enttäuschung. Ich zeige auch nicht zwangsläufig mit dem Finger auf die Staatenlenker. Mir geht es eher darum, nach dem zu fragen, was gerade da draußen passiert. Und vielleicht bringe ich den einen oder anderen Hörer ja dazu, sich einmal selbst diese Fragen zu stellen. Man könnte ja mal darüber nachdenken, was man persönlich dazu beitragen kann, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.
Möchten Sie Menschen dazu bringen, politisch aktiv zu werden?
Ich sage es mal so: Die Menschlichkeit ist irgendwie vom Kurs abgekommen. Wir Menschen müssen wieder auf den spirituellen Pfad zurückfinden. Die Entscheidungen, die im Moment getroffen werden, wirken auf mich wie fehlgeleitet. Viele Menschen sind mit ihrer jeweiligen Regierung unzufrieden, vielleicht auch mit dem ganzen System. Das sorgt bei ihnen für Frust und Zorn. Ich verstehe das völlig. Aber mit der Art und Weise, wie die Leute ihren Missmut herauslassen, ist niemandem geholfen. Damit schaden sie sich wahrscheinlich nur selbst. Die Gesellschaft zersplittert und bricht immer mehr auseinander. Das ist sehr gefährlich.
Kennen Sie einen besseren Weg, mit Frust und Zorn umzugehen?
Je enger die Menschen zusammenrücken und die Welt zu einer Gemeinschaft wird, desto besser. Ich weiß, das klingt jetzt nach Idylle. Aber eine globale Welt ist eine sicherere Welt. Der Aufstieg des Populismus kommt mir völlig gaga vor. Als die Briten sich für den Brexit entschieden, war ich wirklich schockiert. Und das geht jetzt weiter so. Wenn auch Frankreich die EU verlässt, was passiert dann? Werden dann noch mehr Länder gehen? Und in Amerika ist Trump sogar zum Präsidenten aufgestiegen. Das ist echt gruselig, ich lebe ja in den USA.
Ihr Album haben Sie in den USA aufgenommen. Wie stark ist dort Ihr Heimatgefühl?
Ich sehe mich immer noch als Europäer. Ich sage bewusst Europäer statt Engländer. Wenn ich Pech habe, kann ich mich aber nicht mehr lange Europäer nennen. Aber leben tue ich eben in den USA, wo ich einen 14-jährigen Sohn habe, mit dem ich die Wochenenden verbringe. Er ist der Grund, weshalb ich nicht zurück nach Europa kehren kann. Aber eines Tages werde ich mich vielleicht dazu entscheiden.
Wie pessimistisch sind Sie, was die Gegenwart und Zukunft betrifft?
Momentan bin ich alles andere als optimistisch. Wir leben in sehr merkwürdigen, geradezu aberwitzigen Zeiten. Die Gesellschaft ist direkt in der Mitte gespalten. Die einen wollen zum Beispiel raus aus der EU, die anderen wollen bleiben. Trump hat in Amerika zwar nicht die meisten Stimmen bekommen, aber die Wahl dennoch gewonnen. Wenige Wochen nach seinem Amtsantritt lagen seine Umfragewerte bei nur 40 Prozent. So unbeliebt war bisher kein anderer US-Präsident, aber seine Partei unterstützt ihn dennoch mit 87 Prozent. Wenn Trump seine rechte Politik fortsetzt, werden die Proteste auf den Straßen noch heftiger und noch größer werden.
Schließen Sie sich den Protesten an?
Auch in meiner Stadt gab es bereits eine Anti-Trump-Demo. Ich habe eine Tochter im Kleinkindalter und meine Frau ist gerade wieder schwanger. Im Moment kann ich nicht mit auf die Straße gehen, aber wenn es so weiterläuft, werde ich mich den Protesten selbstverständlich anschließen.
Momentan scheinen Sie nicht in der Stimmung zu sein, Songs zu schreiben, die Menschen fröhlich machen.
Wir haben genug fröhliche und unbeschwerte Lieder. Wenn Sie zu einer unserer Shows kommen, garantiere ich Ihnen eine Feier! Gestern haben wir „Where’s The Revolution“ geprobt. Ich glaube, diese Nummer wird sich zu einem Crowd-Pleaser entwickeln.
Dennoch ist „Spirit“ das wohl düsterste und unkommerziellste Album, das Depeche Mode je gemacht hat.
Vielleicht. Aber Sie müssen einfach mal auf das Düsternis-Messgerät schauen. Wenn man nämlich Depeche Mode mit der gesamten Musikindustrie hinsichtlich des Düsternisfaktors vergleicht, werden wir immer ganz oben stehen. Kann sein, dass diese Platte sogar noch zwei Prozent düsterer klingt als unsere anderen, aber der Unterschied ist eher marginal. Wir werden seit über 30 Jahren als Düsterband bezeichnet! (Lacht.)
Dieses Jahr steht ganz im Zeichen Ihrer Stadiontournee. Ist die Musik auf „Spirit“ Stadionrock?
(Lacht.) Ich glaube, manche der Stücke werden sehr gut im Stadion funktionieren, aber wir spielen ja auch nicht alle Titel. Das wäre sicher keine gute Idee. Auf unserer Setliste stehen auch viele unserer alten Favoriten, die die Leute kennen, neben einigen Überraschungen, die man nicht erwarten würde.
David Bowies Hymne „Heroes“?
Das habe ich nie gesagt. Aber wer weiß. Vielleicht. (Lacht.)
Die „Spirit“-Tournee führt Sie unter anderem nach Weißrussland. Es gilt als die letzte Diktatur Europas. Kann Musik die Verhältnisse verändern?
Schwierige Frage. Ich weiß es nicht. Ich kann nur sagen, dass ich Musik mag, die Menschen zum Nachdenken bringt. Genau das ist das Ziel dieser Platte: das eigene Verhalten reflektieren und darü-ber nachdenken, was man verändern sollte und vor allem wie.
„Spirit“ ist seit Donnerstag im Handel. Am 24. April erscheint zudem eine Doppel-LP mit sieben verschiedenen Remix-Fassungen von „Where’s The Revolution“. Die Band spielt am 22. Juni im Olympiastadion.
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