Umstrittenes Denkmal in Kreuzberg

Erinnerung an Türken-Massaker vor 80 Jahren

60.000 Menschen kamen in der anatolischen Region Dersim ums Leben.

Maritta Adam-Tkalec
Lesezeit 12 Min
Kemal Karabulut, Sprecher der Kreuzberger Dersim Kultur Gemeinde Sabine Gudath.

Kemal Karabulut, Sprecher der Kreuzberger Dersim Kultur Gemeinde Sabine Gudath.

© Sabine Gudath


Kreuzberg wäre nicht Kreuzberg, wenn es an sich selbst genug hätte. Es muss schon gelegentlich Weltpolitik sein. Was waren das für Zeiten, als der Oranienplatz Camp für etwa 500 Flüchtlinge und Aktionsfeld für linke Unterstützergruppen war. Oder die Gerhart-Hauptmann-Schule Zuflucht einer unübersichtlichen Menschengruppe, die mit teils erpresserischen Mitteln versuchten, dem Staat ihren Willen aufzuzwingen. Allein der Wachschutz für die zweckentfremdete Schule kostete den Bezirk 3,9 Millionen Euro, die für die eigentliche kommunale Arbeit fehlten.

Aber wie gesagt: Das Größere drängt in den Kiez. Fakten sprechen für größeres Denken: 53 Prozent der Kreuzberger aller Geschlechtsvarianten haben Migrationshintergrund. Menschen aus mehr als 180 Ländern leben hier dicht beieinander. Ihre Geschichte migrierte mit, und das hat eben Folgen.

40.000 Dersimer leben in Berlin

Kemal Karabulut steht beispielhaft für die Debatte um eine neue Gedenkkultur, die vom migrations-freundlichen Kreuzberg ausgeht. Den Mann treibt die Geschichte seiner Leute um: Es ist die Geschichte eines Massakers in der anatolischen Region Dersim. 1937/38 ermordeten türkische Soldaten dort 60.000 Menschen. Heute leben nach eigenen Angaben 40.000 Dersimer in Berlin, 200.000 in Deutschland. Die ersten kamen als eingeladene Gastarbeiter in den 60er-Jahren. 82 Jahre sind seit dem Massaker vergangen; es war einer der schrecklichsten Massenmorde, die der türkische Staat an seinen Bürgern verübte. Viele der Berliner Dersimer tragen das Trauma mit sich, und Kemal Karabulut sagt: „Wir wollen mit unserer Geschichte von der hiesigen Gesellschaft anerkannt und wahrgenommen werden.“


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© Imago/Westend61/Berliner Kurier

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Der würdevolle Herr von 60 Jahren ist Sprecher der Kreuzberger Dersim Kultur Gemeinde e. V. und Vize-Vorsitzender der Föderation der Dersim Gemeinden in Europa. As 17-Jähriger kam er zum Studieren nach Deutschland aus Tunceli, Hauptstadt der mehr als 3000 Kilometer von Berlin entfernt gelegenen Provinz. Die darf nicht mehr Dersim heißen. Der Name soll vergessen werden, weil er an das Verbrechen erinnert. Statt Dersim soll man seit 1937 Tunceli sagen – „Eiserne Faust“. So will es der türkische Staat.

Ein kaum bekanntes Verbrechen

Einerseits sind die Verbrechen von Dersim international kaum bekannt, andererseits gelingt das verordnete Vergessen nicht. Weil es Leute wie Kemal Karabulut gibt, lebt die Erinnerung gerade in Kreuzberg weiter und bewirkt jetzt einen einmaligen Vorgang: Die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Friedrichshain-Kreuzberg beschloss am 27. März 2019, im Bezirk ein Denkmal für die Opfer des Dersim-Massakers errichten zu lassen. Deutsche Verantwortung oder Beteiligung ist zur Begründung des Beschlusses nicht angeführt. Es handelt sich um die Art Verbrechen, wie sie in vielen Ländern immer wieder verübt wurden und werden – auf dem Balkan, in Vietnam, Ruanda oder Burma.

Aus ihren Dörfern vertrieben: Mädchen von Dersim 1938.

Aus ihren Dörfern vertrieben: Mädchen von Dersim 1938.

© Türkische Armee/Dünya Bülteni 

2015 hat die Dersimer Kultur-Gemeinde den Denkmalantrag eingereicht. Ihr geht es um einen würdevollen Ort, an dem alljährlich am Gedenktag des Verbrechens, dem 5. Mai, die Trauernden zusammenkommen, um ihrer Toten und ihrer zerstörten Kultur zu gedenken.

Am 4. Mai 1937 hatte die Regierung des Gründers der modernen Türkei, des säkularen Staatspräsidenten Kemal Atatürk, beschlossen, die aus ihrer Sicht rückständigen, im Feudalen verhafteten, widerspenstigen Bewohner der Bergregion Dersim „zu züchtigen und zu deportieren“. Am Tag darauf begann die Gewalt, Anlass war ein Aufstand einiger Stämme. Um Widerstandsherde auszulöschen, sollten die bewaffneten Aufständischen, die sich gegen die Türkisierung gewehrt hatten, „an Ort und Stelle endgültig unschädlich“ gemacht, ihre Dörfer zerstört und ihre Familien fortgeschafft werden.

"Wie die Mäuse vergast"

Vom Sommer 1937 an brannten Bodentruppen Dörfer nieder und erschossen Zivilisten zu Tausenden. Die Luftwaffe bombardierte die Gebiete, wo Einwohner Widerstand leisteten. Ihsan Sabri Calayangil, ein türkischer Staatskommissar, der die Massaker organisierte, Anführer des Widerstands aufhängen ließ und in den 60ern türkischer Außenminister wurde, protzte später: „Wir haben die Dersimer in ihren Verstecken wie die Mäuse vergast.“ Der Satz soll später noch eine Rolle spielen.

Türkische Soldaten und Bewohner der Region Dersim, die 1938 zur Deportation zusammengetrieben wurden. Von den bis zu drei Millionen heutigen Dersimstämmigen leben ein Drittel weiter in der Region, ein Drittel an anderen Orten in der Türkei und ein Drittel in Europa. dersim Zaza Platformu

Türkische Soldaten und Bewohner der Region Dersim, die 1938 zur Deportation zusammengetrieben wurden. Von den bis zu drei Millionen heutigen Dersimstämmigen leben ein Drittel weiter in der Region, ein Drittel an anderen Orten in der Türkei und ein Drittel in Europa. dersim Zaza Platformu

© Dersim Zaza Platformu

1938 war die „Säuberung“ beendet. Die Modernisierer aus Ankara hatten gezeigt, wozu sie fähig waren, um mit dem Alten zu brechen. In einer neuen Republik der „Zivilisierten“ sollten es nur noch Türken geben. In diesem Geiste der ethnischen Homogenisierung handelten auch die damalige deutsche und die sowjetische Regierung.

Nicht türkisch, nicht kurdisch

Kemal Karabulut kocht erst einmal erstklassigen Kaffee, bevor er in seinem schlicht eingerichteten Büro im Vereinshaus am Kreuzberger Waterloo-Ufer nahe dem Halleschen Tor gerne und ausführlich Dersimer-Geschichte erzählt. Der graffitiübersäte Flachbau dient der Dersim-Gemeinde als Anlaufstelle für „Menschen, die sich zur Kirmanc/Zaza-Kultur zugehörig fühlen“, so steht es im Informationsblatt des Vereins. Zaza ist eine eigenständige, mit dem Altpersischen verwandte Sprache, keine kurdische. Kirmanc ist ein anderer Name für das Zazaische. Der Hinweis auf die Besonderheit will sagen: Wir sind weder Türken noch Kurden. Ihre spezielle Kultur pflegen viele der Dersim-Berliner mit Hingabe. Sie besuchen im Vereinshaus die Volkstanzgruppe, singen im Chor Lieder der alten Heimat, lernen Deutsch oder Zaza, feiern im Saal ihre Feste.

Weltweit zählen sich etwa drei Millionen Menschen zu der ethnisch-religiösen-sprachlichen Gemeinschaft. Sie hängen an ihrem alevitischen Glauben, stehen wie eh und je in Opposition zum in der Türkei herrschenden sunnitischen Islam. Aleviten halten keinen Ramadan, sondern fasten drei Tage zu Ehren des heiligen Xizir, der als freundlicher, weißbärtiger alter Mann imaginiert wird. Sie feiern eine Art Weihnachten, das Gagan-Fest. Frauen gehen nicht unterm Kopftuch. „Wir kennen viele Götter – des Hauses, der Tiere, der Pflanzen …“, sagt Kemal Karabulut. Sympathische Leute.

Warum sollte man deren Herzenswunsch nach einem eigenen Denkmal nicht umstandslos bejahen? Warum sollte man skeptisch sein, wenn der Bezirk ein öffentliches Grundstück zur Verfügung stellt und sich um die Finanzierung des Denkmals kümmert? 80.000, vielleicht 100.000 Euro soll es kosten, schätzt Kemal Karabulut und sieht kein Problem: „Wir zahlen seit Jahrzehnten hier Steuern, haben Anteile an öffentlichen Geldern.“ Dem Argument, dass da viele Zuwanderergruppen mit Geschichten von Gewaltexzessen ähnliche Ansprüche erheben könnten, begegnet er weitherzig: „Wenn Leute hier leben, haben sie das Recht auf Gedenken. Da muss der Staat entgegenkommen. Und wenn andere Bevölkerungen ein solches Trauma mit sich tragen, sollen sie innere Ruhe finden.“ Aber man solle auch nicht übertreiben.

Muss die BBV Partei ergreifen?

Gegenargumente führte Timur Husein, Vorsitzender der CDU-Fraktion der BVV Friedrichshain-Kreuzberg, bei einer Sitzung des Kulturausschusses an. Er hat nichts dagegen, den Dersimern ein Zeichen der Anerkennung zu senden, aber müsse der Staat eine einzelne Gemeinde unterstützen? Müsse die BVV Partei ergreifen in einem Konflikt, der „vor langer Zeit außerhalb unseres Landes stattfand“? Damit sei die BVV überfordert. Selbstverständlich könne die Gemeinde auf einem eigenen Grundstück jede Art von Gedenken ausüben.

Allerdings besitzt sie das Grundstück nicht, auf dem das Gemeindehaus steht. Es ist vom Bezirk gepachtet. Wie Husein in der Antwort auf eine Anfrage an die BVV erfuhr, zahlt die Gemeinde für 1 372 Quadratmeter monatlich 205,30 Euro Pacht, 15 Cent pro Quadratmeter. Im Beschluss der BVV heißt es, das Denkmal solle „ an öffentlich gut begehbarer und sichtbarer Stelle in der Nähe der Dersimer Gemeinde“ entstehen. Die CDU-Fraktion stimmte dem Antrag in der BVV nicht zu.

Dem Beschluss war eine politisch heiße Debatte vorausgegangen. Der ursprüngliche Antragstext hatte nämlich die Dersim-Massaker als „Völkermord“ bezeichnet. Kemal Karabulut findet, Völkermord sei genau das richtige Wort für „Tertele“, wie die Dersimer das Verbrechen nennen. Man könnte es auch mit „Große Katastrophe“ übersetzten. Alle Kriterien, mit denen die Uno einen Völkermord definiert, träfen zu, sagt Karabulut.

Die Sprengkraft des Begriffs ist enorm. Das weiß man von den Armenien- oder Herero-Debatten her. Als der Bundestag 2016 in einer Resolution die osmanischen Verbrechen von 1915/16 in Armenien als Völkermord bezeichnet hatte, tobten der türkische Präsident und die Volksseele. Eine Krise zwischen beiden Ländern folgte. Aus dem Kreuzberger Antrag verschwand schließlich die maximale Provokation.

Wütende Reaktionen

Türkisch-nationalistischen Vertretern in Berlin reicht das bloße Denkmal-Ansinnen für wütende Reaktionen. Als der Antrag gestellt wurde, drohte Bekir Yilmaz, Unternehmer und einflussreicher Vorsitzender der Türkischen Gemeinde Berlin , mit Protest „auf Volksebene“. Kein Wunder, dass die türkische Botschaft gegen das Projekt wühlt.

Für das Dersim-Massaker hat sich Erdogan 2011 entschuldigt – auch das politisches Kalkül: Auf Kemal Atatürk, den weltlichen Staatsgründer, kann die religiös gesinnte heutige Führung leicht alle Verantwortung abschieben – hin zur heutigen kemalistischen Opposition. Die türkische Nationalversammlung berief tatsächlich eine Kommission zur Aufarbeitung der Massaker ein – doch die Archive, in denen mutmaßlich mehr als 200 000 Dersim-Dokumente lagern, bleiben für unabhängige Forscher verschlossen.

Palästinensische Terroristin zu Gast

Auch Forderungen nach Schadenersatz, Rückbenennung der Provinz in Dersim, Errichtung eines Museums für Menschlichkeit im Zentrum von Dersim/Tunceli bleiben in der Türkei unerhört. Ebenso wie die nach Erhalt der Zaza-Sprache, einem Stopp für den Bau von acht naturzerstörenden Staudämmen in einem Nationalpark, nach Einstellung von Militärmanövern, die immer wieder Waldbrände auslösen.

Anders im Deutschen Bundestag: Zu Abgeordneten der Partei Die Linke verfügt die Dersim Gemeinde über beachtliche Verbindungen. Politiker mit kurdischem Hintergrund nehmen sich gerne solcher Anliegen an. Am 3. März 2019 reichte die Fraktion eine streng formulierte Kleine Anfrage an die Bundesregierung zum Dersim-Massenmord ein. Frage 7 dreht sich um das heikle Thema der Anerkennung als Völkermord.

Die Bundesregierung antwortet trocken, meist mit dem Hinweis, man möge Fakten selber recherchieren, oder mit dem Satz: „Es liegen keine eigenen Erkenntnisse vor.“ Kemal Karabulut gefällt die Kleine Anfrage aus ganz eigenen Gründen nicht: „Wir haben hier im Dersimer Gemeindevorstand die Fragen für die Kleine Anfrage gesammelt, besprochen und dann an die Linksfraktion weitergeleitet, doch die übernimmt die Positionen der kurdischen Seite“, sagt er. Es sei nämlich so, dass die Kurden ein Großkurdistan wollten und die Dersimer einfach in ihre Sache hineinzögen. Sie würden zum Beispiel als „Bergkurden“ bezeichnet, so wie einst die Türken alle Kurden zu „Bergtürken“ umlogen. „Wir sind aber keine Kurden“, sagt Karabulut. „Wir fühlen uns von den Kurden vereinnahmt.“

Brisant ist auch Frage 10 der Anfrage. Hier wollen die Linken wissen, ob die türkische Armee 1937/38 „Waffen oder Rüstungsgüter aus Deutschland“ einsetzte. Mit anderen Worten: War Deutschland doch verwickelt? Kemal Karabulut zeigt als Beleg ein angebliches Geheimdokument vor, unterzeichnet von Atatürk persönlich und zwölf seiner Minister, was den Eindruck von Geheimhaltung schmälert. Laut vorgelegtem Text wird der türkische Botschafter in Berlin beauftragt, 20 Tonnen Chemikalien, „Yperit, Saire, Chloracetophen“, samt Umfüllanlagen zu beschaffen. Yperit ist Senfgas, mit „Saire“ könnte der Kampfstoff Sarin gemeint sein, Chloracetophen wird als Tränengas eingesetzt. Es gibt keinen Beleg für die Echtheit des Papiers, viel weniger einen Beleg für das Zustandekommen eines Giftgasgeschäfts – wohl aber den Verweis auf den zeitgenössischen Satz, man habe die Leute „wie Mäuse vergast“. Andererseits: Überrascht wäre man nicht.

Überraschungen bietet allerdings auch die freundliche Kreuzberger Kulturgemeinde: Mitten in die Zeit intensiver Bemühungen um ihr Denkmal platzte die Nachricht, im Vereinshaus werde am 15. März 2019 die wegen Terrorismus verurteilte Palästinenserin Rasmeah Odeh auftreten. Die Frau hatte in einem Jerusalemer Supermarkt zwei Studenten mit Bomben getötet und sollte nun über „Palästinensische Frauen im Befreiungskampf“ sprechen.

Wie kommt es, dass sich die Dersim Gemeinde als Bühne für militante Antisemiten hergibt, das Ganze organisiert von weitbekannten antisemitischen Organisationen, zum Beispiel der als Terrororganisation klassifizierten, aber in Deutschland nicht verbotenen PFLP?

Kemal Karabulut versichert, man habe keine Ahnung gehabt. Man vermiete den Saal gelegentlich, und palästinensische Familien, die ihn mehrfach für Verlobungsfeiern genutzt hatte, wollten nun den Internationalen Frauentag begehen. Er selber habe erst nach dem großen Medienaufruhr mit der Zeitung in der Hand den Namen Rasmeah Odeh gegoogelt. Karabulut sagt, die Gemeinde habe die Veranstaltung von sich aus abgesagt. Die andere Version lautet: Die zuständigen Behörden verhinderten den Auftritt im letzten Moment, verboten der Terroristin politische Betätigung und entzog ihr das Schengenvisum.

Ein unangenehmes Thema für die auf ein friedfertiges Bild bedachte Kulturgemeinde. Angenehmer ist es, über den Fortgang in der Denkmalfrage zu reden. Am 24. Oktober lädt das Kreuzberger Kulturamt die Gedenktafelkommission und die Kommission für Kultur im öffentlichen Raum zur Detailbesprechung ein. Stéphane Bauer, Leiter des Fachbereichs Kultur und Geschichte, dämpft allerdings die Erwartungen. Eine Finanzierung des Denkmals durch den Bezirk sieht er nicht. Wer sonst könnte zahlen? Die Senatskulturverwaltung? Spender? Man wird sehen.

Auch zum Standort gibt es keine Entscheidung. In der Nähe des Vereinshauses solle es stehen, heißt es auch im BVV-Beschluss. Das Pachtgrundstück der Dersimer misst 1372 Quadratmeter, davon 771 bebaute. Dahinter liegt eine Grünanlage, auf der allerdings der Neubau der Zentral- und Landesbibliothek stehen soll. Findet sich da ein Plätzchen?

Kemal Karabulut hofft, dass der Gemeinde ein Grundstück geschenkt wird. Dann soll es einen Künstlerwettbewerb für die Gestaltung des Denkmals geben. Ein Vorschlag für den Denkmaltext ist mit den Behörden abzustimmen. Wenn es da nicht noch einmal zum Konflikt kommt. Taucht das Wort „Völkermord“ wieder auf? Und wer setzt die ganze Sache praktisch wie um? Wer trägt die Verantwortung?

Als im März der Kulturausschuss den Bezirksverordneten (ohne die CDU-Stimmen) die Befürwortung des Denkmals empfahl, merkte eine Mitarbeiterin der Verwaltung sorgenvoll an, man könne hier keine historische Aufarbeitung leisten, die in der Türkei brachliege. Stéphane Bauer fragte sich, wie man verhindern könne, dass eine bloße Kranzabwurfstelle entsteht. Das Grünflächenamt äußerte sich irritiert, weil es nicht ahnte, welche Aufgaben da auf die Mitarbeiter zukommen.

Erweitertes Denkmalaufstellen

Erweiterung des Berliner Erinnerungsraumes, eine neue postnationale Erinnerungskultur – darin soll der höhere Sinn des Ganzen liegen. Betrachtet man den Zustand von Denkmalen wie die „Menschenlandschaft Berlin“, sieht man, dass Kreuzberg das einmal Hingestellte nicht mag: Viele Objekte stehen beschmiert und bemitleidenswert da. Unwürdig. Die Skulptur „Unsere Träume“ aus weißen Carraramarmor, einst der migrantischen Jugend gewidmet, wurde 2006 in der Denkmalliste als „beschmiert, verschmutzt, veralgt“ beschrieben, und 2017 aus dem Böcklerpark „geräumt“, ohne auch nur den Urheber zu informieren.

Es will einfach nicht zusammenpassen, die alltägliche kommunale Pflicht, den Bezirk lebenswert für alle Gruppen zu halten – und die Lust am Globalen. Und es gibt einen weiteren Grund für Skepsis: Mit den Dersimern fängt das erweiterte Denkmalaufstellen an. Was kommt als nächstes? Ein Denkmal für die „palästinensischen Opfer Israels“?

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