Natascha Sorg schiebt mit der einen Hand den Kinderwagen, in dem ihr sieben Monate alter Sohn Arthur schläft, in der anderen hält sie ein Plakat: „Niere gegen Kitaplatz“. Die 30-Jährige aus Friedrichshain protestiert für mehr Kita-Plätze in Berlin, für mehr Erzieher, die besser bezahlt werden und dagegen, dass Erzieher ihre Ausbildung finanzieren müssen.
Zorn liegt in der Luft
Der kleine Arthur hat keinen Betreuungsplatz. Seine Mutter hat mit der Suche angefangen, da war Arthur noch nicht auf der Welt. Bei 40 Tagesmüttern habe sie nachgefragt, sagt die Sozialarbeiterin. Erfolglos. Dabei würde sie nach der Elternzeit gerne wieder arbeiten. Doch ohne Kita sei das unmöglich. „Obwohl ich einen gesetzlichen Anspruch darauf habe.“
Warum wir auf die Staße gehen
Franziska Craney (29) und Tochter Antonia (2) aus Neukölln: „Wir haben lange nach einem Kita-Platz gesucht und gefunden – aber weiter weg. Wir sind auch hier, um für höhere Gehälter der Erzieher zu demonstrieren, damit die Abwanderung der dringend benötigten Fachkräfte gestoppt wird.“
© Thomas Uhlemann
Daniela Kaya (34) mit Levi (2) aus Tempelhof: „Ich habe mein Kind mit sechs Wochen angemeldet. Als Levi ein Jahr alt war, habe ich mit Glück einen Kita-Platz bekommen. Auf den Platz gab es 400 Anmeldungen. Levi fühlt sich seit zwei Monaten unwohl. Die ausgebildeten Erzieher sind weg.“
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Natascha Sorg (30) mit Sohn Arthur (7 Monate), aus Friedrichshain: „Für meinen Sohn suche ich noch immer einen Betreuungsplatz. Dabei habe ich mich schon angemeldet, als ich schwanger war. Bei einer Kita-Besichtigungen waren einmal 120 Eltern, es gab nur zwei freie Plätze.“
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Dario Cassaniti, 33, mit Sohn Leonardo, ein Jahr und acht Monate, aus Kreuzberg: „Wir haben seit acht Monaten 30 Kitas angeschrieben, um einen Kita-Platz für Leonardo zu bekommen. Nun haben wir einen in Aussicht – im September 2019. Das ist katastrophal. Meine Frau und ich haben eigentlich noch ein weiteres Kind geplant.“
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Linda Hasselmann (36) mit Leo (5 Monate) aus Friedrichshain: „Wir haben uns seit Oktober vorigen Jahres um einen Kita-Platz bemüht und nun eine Zusage. Das ist wie ein Lotto-Gewinn. Meine Schwester ist Erzieherin. Ich kenne also die Situation der Erzieher. Auch für sie bin ich hier.“
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Es liegt Zorn in der Luft, als die Mütter und Väter mit ihren Kindern von der Friedrichstraße mit Plakaten und Luftballons zum Brandenburger Tor ziehen. Auch viele Erzieher sind gekommen. Anette Hube etwa. Die 54-Jährige leitet die Kita am Bullengraben in Spandau.
Auf ihrem T-Shirt ist ihre Wut zu lesen: „Wir Erzieher sind keine Maschine.“ „Ich kann nicht alle 150 Kita-Plätze besetzen, weil Stellen für Erzieher unbesetzt sind“, sagt sie. „Es ist gut, dass die Eltern mit dieser Demo das Heft in die Hand nehmen.“
„Wir hoffen, dass wir etwas losgetreten haben“
Monatelanges Warten auf einen Kita-Platz sei in Berlin Realität, sagt Doreen Siebernik, Landeschefin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. 3000 Betreuungsplätze fehlen. Dabei könnte Berlin diese sofort schaffen, wenn es genügend Fachkräfte gäbe. Siebernik fordert, dass Erzieher in Berlin das Gleiche verdienen, wie ihre Brandenburger Kollegen. „Dann bleiben die Fachkräfte hier.“
Überwältigt vom Protest zeigt sich Ann-Mirja Böhm vom Elternbündnis „Kitakrise Berlin“, das die Demo initiiert hat. „Wir hoffen, dass wir etwas losgetreten haben“, sagt sie. Für ihre kleine Tochter suchte sie lange einen Kita-Platz, kontaktierte 56 Einrichtungen und 150 Tagesmütter. Nun hat die Familie, die in Prenzlauer Berg lebt, eine Tagesmutter in Charlottenburg gefunden. Im Sommer bekommt die Tochter einen Kita-Platz in Wohnort-Nähe.
In dieser Kita steht auch schon das noch ungeborene zweite Kind von Ann-Mirja Böhm – ein Junge – auf der Geschwisterwarteliste. Es soll im September zur Welt kommen. „Wenn das mit dem Kita-Platz für unseren Sohn auch noch klappt, wäre unser Glück perfekt.“
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