Sie haben richtig gelesen. Im „Metropol“, dem DDR-Luxushotel in Mitte, kamen Tierpark-Tiere in die Pfanne. Das verriet Koch Herbert Frauenberger (64) dem KURIER. Auf der Leipziger Buchmesse stellte er jetzt sein Werk „Ostdeutsche Gerichte mit Geschichte(n)“ vor – darin auch diese unglaubliche Anekdote.
Frauenberger kochte auch im „Weißen Schwan“ in Weimar.
© privat
„Als Koch zu DDR-Zeiten hatte man immer mit der Mangelwirtschaft zu kämpfen, auch in einem edlen Hotel“, sagte er. „Wir bekamen Vorgaben, wie viel Fleisch wir pro Monat verarbeiten durften. Wenn das verbraucht war, mussten wir uns etwas anderes einfallen lassen.“ Über Bekannte seiner Mutter kam er 1980 an die West-Zeitschrift „Essen und Trinken“, darin ein Bericht über ein neues Mailänder Restaurant mit tropischem Fleisch. „Also kam ich auf die Idee, bei Dr. Heinrich Dathe vorstellig zu werden.“
Frauenberger besuchte den Tierparkdirektor in seinem Büro, doch begeistert war der nicht, als der Koch sein Anliegen vortrug. „Er schmiss mich raus“, sagt Frauenberger. „Und wies mich darauf hin, dass die Tiere im Park angeschaut werden, nicht gegessen.“ Reumütig schrieb Frauenberger dem Park-Chef am nächsten Tag einen Entschuldigungs-Brief.
Eigentlich wäre es das gewesen – doch knapp zwei Wochen später kam ein Schreiben der Tierpark-Direktion. Er solle mit dem Obersekretär des Parks Kontakt aufnehmen. „Die hatten sich Gedanken gemacht: Wenn sie uns ein Tier verkauften, konnten sie von dem Geld mehr Fleisch zum Verfüttern kaufen.“ Also kam der Deal zustande. „Wir bekamen fortan ein Wisent, ein Bison, Bären, Antilopen, Hirschziegen, Nutrias und auch mal ein Hängebauchschwein.“ Geschossen wurden die Tiere laut Frauenberger im Park, zerlegt in einer Ross-Schlächterei in Heinersdorf.
Weiß man heute im Tierpark von dieser alten Geschichte? „Wir haben uns erkundigt. Keiner weiß davon, dass es solche Absprachen gab“, sagte Sprecherin Christiane Reiss. „Wir können es uns auch nicht vorstellen. Höchstens den Verkauf eines Bisons. Und Nutrias gab es im Park damals gar nicht.“ Doch Frauenberger schwört darauf. „Einmal bekamen wir gleich zehn Nutria-Böcke, aus denen machten wir Kasseler. Das war köstlich“, sagt er.
Tierpark-Direktor Dr. Dathe mit einem Mini-Löwen.
© Berliner Verlag/Dargelis
Es handelte sich dabei laut seiner Erzählung um Tiere, die beispielsweise für die Zucht nicht geeignet waren – oder Arten, deren Population im Park zu groß wurde und die deshalb aus Artenschutzgründen abgegeben werden mussten. „Wenn in einem guten Bärenjahr viele Jungtiere geboren wurden, war das aber meist auch in anderen Parks der Fall, deshalb konnten die Tiere nicht abgegeben werden.“ Gut für Frauenberger. „Ich kochte zum Beispiel Bären-Steak nach Trapper-Art, gebeizt in Whisky. Ich war ja schon immer kreativ.“ Dass die Tiere aus dem Park kamen, erfuhren die Gäste aber nicht.
Dem Hotel Metropol schadete der Deal jedenfalls nicht, denn nicht nur Frauenberger, auch die Besucher waren begeistert. Und so findet sich im neuen Buch des Kochs auch ein Rezept als Erinnerung an die damalige Zeit: Geschmortes Nutria in Waldpilzsauce.
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