Umwelt

So hat ein DDR-Kühlschrank geholfen, das Ozonloch über der Antarktis zu schließen

Die Weltwetterorganisation meldet das zweite gute Jahr in Folge über der Antarktis. Den entscheidenden Schritt dorthin machte 1993 ein Werk im Erzgebirge.

Foto von Autor/Autorin: Tobias Esters
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Über den Polargebieten schützt die Ozonschicht Menschen und Ökosysteme vor der UV-Strahlung der Sonne.

Über den Polargebieten schützt die Ozonschicht Menschen und Ökosysteme vor der UV-Strahlung der Sonne.

© imago stock&people/imago

Das Ozonloch über der Antarktis war 2025 so klein, wie es seit Anfang der 90er-Jahre nur selten war. Zum zweiten Mal hintereinander lagen Ausdehnung und Tiefe deutlich unter dem langjährigen Mittel, berichtet die Weltwetterorganisation (WMO) zum Welt-Ozon-Tag am 16. September. Die DDR ist entscheidend daran beteiligt.

Am Ende der Welt fiel ein Wert aus der Reihe

„Das ist eine Erfolgsgeschichte im Umweltschutz“, sagt WMO-Generalsekretärin Celeste Saulo. Seit dem Jahr 2000 erhole sich die Schicht, in wenigen Jahrzehnten könne sie vollständig zurück sein.

Entdeckt wurde der Schaden von einer Handvoll britischer Forscher um Joe Farman, die an der Halley-Station in der Antarktis jahrelang Messreihen führten. Ihre Veröffentlichung im Mai 1985 machte aus einer chemischen Theorie ein globales Alarmsignal.

Verursacher waren Fluorchlorkohlenwasserstoffe, kurz FCKW: Treibgase und Kältemittel aus Spraydosen, Kühlanlagen und Löschschäumen.

Zwei Jahre später unterschrieben die Staaten das Montrealer Protokoll und verbannten die Stoffe schrittweise vom Markt. Die WMO führt die heutige Erholung genau darauf zurück.

Die Ozonschicht liegt in etwa 15 bis 30 Kilometern Höhe und filtert die UV-Strahlung der Sonne heraus, die Haut, Augen und Erbgut schädigt und Hautkrebs auslösen kann.

„Kälte ohne Reue“: Mit Plakaten und einer Hamburger Bestellnummer warb Greenpeace ab 1992 für den FCKW-freien Kühlschrank aus dem Erzgebirge.

„Kälte ohne Reue“: Mit Plakaten und einer Hamburger Bestellnummer warb Greenpeace ab 1992 für den FCKW-freien Kühlschrank aus dem Erzgebirge.

© HärtelPRESS/imago

Man könnte meinen, die Rettung sei komplett in Konferenzsälen in Montreal und Genf entschieden worden. Die Industriegeschichte erzählt es anders – ein Teil davon spielt in Sachsen.

Auf der Hausgerätemesse Domotechnica fiel Greenpeace im Februar 1991 ein Aussteller aus dem Erzgebirge auf: dkk Scharfenstein isolierte seine Kühlschränke als einziger Hersteller ohne FCKW, mit geschäumtem Polystyrol. Was in der DDR schlicht Mangelwirtschaft gewesen war, wurde jetzt zum Vorteil.

Zehn Prototypen – und die ganze Branche gegen sich

Die Firma war nach der Wende ein Sanierungsfall unter Treuhandaufsicht. Die Idee der Umweltschützer: Kühlschränke nicht mit den neuen Chemie-Ersatzstoffen zu betreiben, sondern mit Propan und Butan. Westdeutsche Hersteller winkten ab. Die Sachsen sagten zu.

Greenpeace steckte nach eigenen Angaben 26.000 Mark in zehn Prototypen. Im Juli 1992 zeigten die Umweltschützer und das Werk das Gerät der Öffentlichkeit – und bekamen die geballte Wut einer Branche zu spüren, die längst auf andere Kältemittel gesetzt hatte. „Mein Telefon stand nicht mehr still“, erinnert sich Wolfgang Lohbeck, der das Projekt für Greenpeace vorantrieb, in der Chronik der Organisation.

Der Startknopf unter Beobachtung: Als in dem sächsischen Werk die Serienfertigung des „Greenfreeze“ begann, kamen die Kamerateams aus dem ganzen Land.

Der Startknopf unter Beobachtung: Als in dem sächsischen Werk die Serienfertigung des „Greenfreeze“ begann, kamen die Kamerateams aus dem ganzen Land.

© Wolfgang Schmidt/imago

Dann kam der Umschwung: Binnen vier Wochen gingen 65.000 Vorbestellungen ein, darunter Großaufträge von Versandhäusern. Die Treuhand ließ ihre Liquidationspläne fallen, 540 Menschen behielten ihren Arbeitsplatz.

Am 15. März 1993 lief in dem Werk, das sich inzwischen Foron nannte, der erste „Greenfreeze“ vom Band – der weltweit erste serienreife Kühlschrank ohne FCKW und ohne die umstrittenen Ersatzstoffe.

Das Werk der Deutschen Kühl- und Kraftmaschinen im Erzgebirge, das jahrzehntelang Kühlschränke für den halben Ostblock baute.

Das Werk der Deutschen Kühl- und Kraftmaschinen im Erzgebirge, das jahrzehntelang Kühlschränke für den halben Ostblock baute.

© HärtelPRESS/imago

Verdient hat Greenpeace daran nichts, die Erlöse gingen an die Firma. Und weil niemand die Technik schützen ließ, konnte sie jeder kopieren. Genau das taten andere Firmen: erst die deutschen Hersteller, dann die europäischen, später die asiatischen. Schon Anfang der 2010er-Jahre arbeitete nach Greenpeace-Angaben über die Hälfte aller neu gebauten Kühlschränke weltweit nach diesem Prinzip.

Der Firma selbst nutzte der Ruhm wenig. 1996 war Foron insolvent und wurde danach mehrfach weiterverkauft. In Scharfenstein endete die Kältetechnik 2002, den Markennamen gab es noch bis 2009.

Die WMO rechnet damit, dass die Ozonwerte weltweit um 2040 wieder das Niveau von 1980 erreichen, über der Arktis um 2045 und über der Antarktis erst um 2066.

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