Schätze des Ostens

Ingeborgs Tagebuch: Dokument des Mangels

Sie notierte vor der Wende, was es in den Kaufhallen der DDR nicht gab.

Florian Thalmann
Lesezeit 2 Min
Ingeborg Lüdicke aus Sachsen-Anhalt schrieb auf, was es in den Läden nicht gab. Auszüge finden Sie unten.

Ingeborg Lüdicke aus Sachsen-Anhalt schrieb auf, was es in den Läden nicht gab. Auszüge finden Sie unten.

© Berliner KURIER

Es ist nicht immer leicht, den wahren Wert eines Gegenstandes zu bemessen – so ist es auch bei vielen der 300.000 Objekte, die zum Fundus des DDR Museum gehören. Manchmal sind es die unscheinbaren Dinge, die für die Museumsmacher unersetzbar sind. So ist es auch bei diesem ganz besonderen Dokument. „Es ist einzigartig, auf der Welt gibt es nichts Vergleichbares“, schwärmt Sammlungsleiter Jörn Kleinhardt.

Es geht um das „Mangeltagebuch“, ein Büchlein, an dem der Zahn der Zeit bereits genagt hat. Wenn Kleinhardt es aus der Vitrine holt, dann nur mit Handschuhen, um das vergilbte Papier nicht zu beschädigen. Das Buch wurde geschrieben von einer Frau namens Ingeborg Lüdicke aus Sachsen-Anhalt – sie zeichnete vor der Wende auf, was es zu Zeiten der Mangelwirtschaft alles nicht gab.

„Sie notierte, für welche Dinge die Menschen in der DDR Schlange standen, was in den Kaufhallen fehlte und beschrieb sogar, wie die Zustände in den Arztpraxen waren“, sagt Kleinhardt. „Die Aufzeichnungen erfassen einen Zeitraum von zehn Jahren – auch nach der Wende schrieb sie kurzzeitig weiter.“ Inzwischen ist Lüdicke verstorben. Ihre Nachkommen fanden das Buch „und erkannten zum Glück den Wert und die historische Bedeutung“.

Heute laden die Einträge zum Schmunzeln ein. Am 5. Dezember 1983 notierte sie: „Apfelsinen und Bananen. Riesige Schlangen. Weihnachtsmarkt kannst du vergessen!“ Nur Tage später, am 12. Dezember, schrieb sie wütend: „Es gab Salzheringe, eine Schlange wartete bei -10 Grad, ohne mich. Lieber essen wir keine!“ Für die Historiker ist es ein spannendes Zeitzeugnis, vor allem, weil die Industrie-Zahlen in der DDR geschönt waren. „Offiziell gab es alles. Das Buch zeigt, wie es im Alltag der Menschen wirklich aussah.“

Schön wäre es, wenn es noch weitere solcher Bücher geben würde. „Denn das, was die Frau aufgeschrieben hat, ist eine Stichprobe. Es wäre toll, wenn wir Berliner Bezirke vergleichen könnten oder das Leben in der Stadt mit dem auf dem Land.“ Wer weiß, was noch alles auf deutschen Dachböden schlummert ...

Infos unter www.ddr-museum.de 

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