+++Das Zugunglück von Hordorf+++

Mit Tempo 100 rasten die Züge ineinander

Holger Schacht Stefan Dörr Claudia Wittke-Gaida
Lesezeit 3 Min

Grelles Scheinwerferlicht beleuchtet die Trümmer der Regionalbahn nahe des Bahnhofs in Hordorf. Zugtüren ragen in die Luft, herausgerissene Sitze liegen vor dem blau-gelben Waggon auf dem schneebedeckten Acker. Unter Decken verhüllt liegen Leichen. Für zehn Menschen wurde die Heimfahrt mit dem "Harz-Elbe-Express" am Samstagabend eine Fahrt in den Tod. Ärzte befürchten, dass die Zahl der Toten noch steigen könnte ...Samstagabend, 22.24 Uhr: Im dichten Nebel donnert die Regionalbahn auf halber Strecke zwischen Magdeburg nach Halberstadt (Sachsen-Anhalt) an den Bahnhof von Hordorf heran. Auf der eingleisigen Strecke hat der Lokführer keine Chance, als ihm plötzlich ein Güterzug entgegenrast. Bei Tempo 100 kracht sein Zug mit 50 Insassen auf den tonnenschweren, mit Kalk beladenen Güterzug.Die Wucht des Aufpralls ist so stark, dass der Express komplett aus den Schienen geschleudert wird, auf die Seite gedreht auf ein Feld kracht. Trümmer des zerfetzten Waggons fliegen hunderte Meter weit in die Nacht. Der gigantische Knall war sieben Kilometer weit bis nach Oschersleben zu hören. Der Güterzug dagegen kommt fast unversehrt auf dem Gleis nach 500 Metern zum Stehen.Es ist eisige minus zehn Grad kalt und neblig, als die ersten Retter das gespenstische Trümmerfeld in der Nacht erreichen - und gleich Großalarm auslösen."Da lag etwas und ich habe es angefasst. Es war eine Leiche", sagt Dirk S., der als einer der Ersten am Unglücksort ist. Die vorderen Sitzreihen des zerfetzten Triebwagens sind bis zum vierten Fenster zermalmt, blutverschmierte Kleidungsstücke liegen neben zerrissenen Teilen der Deckenverkleidung im Schnee. Einige Passagiere wurden beim Aufprall aus dem Waggon geschleudert. Den 164 Helfern und Polizisten im Einsatz bleibt nur noch die traurige Aufgabe, ihre Leichen zu bedecken, Nummern aus Pappe auf die leblosen Körper zu stellen.Es sind die Fahrgäste, die im Waggon vorn gesessen hatten. "Sie waren sofort tot", so ein Polizeisprecher. Identifizieren konnten die Einsatzkräfte bisher nur zwei von ihnen - den Lokführer und die Zugbegleiterin, Mutter von drei Kindern. Einsatzleiter Armin Friedrichs: "Viele Passagiere hatten keine Ausweise bei sich." Etliche junge Fahrgäste waren unterwegs zur Disco nach Halberstadt.23 größtenteils schwer Verletzte werden aus den Trümmern geborgen. "Es gibt noch weitere Insassen, die in Lebensgefahr schweben", hieß es gestern. Zwei verletzte Männer waren von einem Fußballspiel in Magdeburg auf dem Heimweg nach Halberstadt. Sie riefen noch im zertrümmerten Waggon per Handy um Hilfe.Der leichtverletzte Fahrer des Güterzuges stand unter Schock, soll nur geschrien haben: "Hoffentlich keine Toten." Am Abend erklärte ein Polizeisprecher im MDR: Möglicherweise war der Fahrer beim Aufprall gar nicht im Führerstand ...Der Triebwagen des Zugs muss vor Ort auseinander geschweißt, Stück für Stück abtransportiert werden. Feuerwehr-Einsatzleiter Bernd Delecke: "Es ist ein schwerer Einsatz, und ich hoffe, dass die Kameraden durchhalten."------------------------------Zwischenzeile: UNHEIMLICHER KNALL WAR KILOMETER WEIT ZU HÖRENZwischenzeile: VERLETZTE RIEFEN IN DEN TRÜMMERN UM HILFEBU: Landesvater erschüttert Der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Wolfgang Böhmer (CDU), eilte gestern zum Unglücksort (re.), zeigte sich erschüttert vom Ausmaß der Katastrophe. Währenddessen arbeiteten Männer am Gleis der Unfall-Strecke. Das Signal hinten steht auf Stopp (li.).

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