Der Fluch von Prenzlauer Berg

Späti-Chef in den Trümmern seiner Existenz

Wie geht es für den Besitzer weiter?

Philippe Debionne_richtig Eric Richard
Lesezeit 3 Min
Yunus Uygur in seinem zerstörten Geschäft.

Yunus Uygur in seinem zerstörten Geschäft.

© Eric Richard

Dennoch ist Yunus Uygur dankbar. Dankbar darüber, dass bei dem Unglück niemand verletzt wurde. „Einer meiner Mitarbeiter rief mich am 5. Mai um zehn Uhr morgens ganz aufgeregt aus dem Laden an“, so der 56-Jährige im Gespräch mit dem KURIER-Reporter.

Zwischen Betonbrocken, lose von der Decke hängenden Kabeln und vom Schutt zugestaubten Nutella-Gläsern erzählt der Mann weiter: „Er sagte noch, dass da was aus der Decke rieselt. Und kurz darauf hat es plötzlich einen gewaltigen Rumms gegeben. Es klang wie ein Erdrutsch. Unglaublich laut und echt bedrohlich. Und dann war Ruhe.“

Der halbe Laden wurde von den Trümmern begraben.

Der halbe Laden wurde von den Trümmern begraben.

© Eric Richard

Als Yunus Uygur kurz darauf in seinem Geschäft in der Kanzowstraße steht, traut er seinen Augen nicht: Große Teile der Decke in dem Altbau sind eingestürzt, haben den halben Laden unter sich begraben. Glück im Unglück: Angestellte und Kunden  standen zufällig an einer anderen Stelle, als die schweren Betonbrocken und Holzteile nach unten brachen. Warum die Decke einstürzte, weiß hier bislang niemand.

Genau wie die Statik des Hauses wird auch das geprüft. „Das ist  das Allerwichtigste: Niemand wurde verletzt oder ist gestorben“, sagt Uygur, der sichtlich um Fassung ringt. Denn für den gebürtigen Kurden, der als armer Mann nach Deutschland kam, ist der Spätkauf sein Leben.

Ein Leben, für das er hart geschuftet hat. Mitte der 00er-Jahre hatte er versucht, sich als Obst- und Gemüsehändler eine Existenz  aufzubauen, mit frischer Ware direkt vom Großmarkt. Doch im Prenzlauer Berg  dieser Zeit mussten Äpfel und Birnen, Karotten und Kartoffeln mindestens Bio sein. Am besten  noch handgepflückt und natürlich mit einem Lächeln an den Mann (oder die Frau)  gebracht. 

Das Lächeln hatte er, das Bio-Siegel nicht. Weil das Geschäft immer schlechter lief, schlief Uygur irgendwann sogar  im Kellerverschlag seines Ladens. Und  sparte eisern, Euro für Euro. Bis er den Spätkauf am S-Bahnhof Prenzlauer Allee eröffnete.  Zwar auch mit Obst und Gemüse, aber nicht nur.

Bier, Zigaretten, Tiefkühlpizza, Süßigkeiten, Katzenfutter, Einwegrasierer – eben alles, was jeder Mensch braucht. Aber nicht immer zu Hause hat. Ein Späti eben. Zwar immer noch in Prenzlauer Berg, aber in jenem Teil davon, in dem nicht nur die Bio- und Yoga-Fraktion wohnt, die für Lebensmittel und alles andere ohne mit der Wimper zu zucken den dreifachen Preis zahlen kann.

Der 56-Jährige verkauft nun Obst und Gemüse vor seinem Laden, um trotzdem ein wenig Geld zu verdienen.

Der 56-Jährige verkauft nun Obst und Gemüse vor seinem Laden, um trotzdem ein wenig Geld zu verdienen.

© Eric Richard

Und zahlt. Zu Yunus Uygur kommen Ur-Berliner, Schüler, Studenten, Arbeiter. Und zwar nicht nur, wenn die umliegenden Supermärkte  zu haben. Es ist das Tante-Emma-Laden-Prinzip, mit einem Pläuschchen hier oder einem geschenkten Apfel da.

Jetzt können Uygurs Kunden nicht mehr kommen. Zwar ist die Hausverwaltung sehr bemüht, den Schaden zeitnah reparieren zu lassen, und der Obst- und Gemüseverkauf geht derzeit vor statt im Laden weiter.

Trotzdem macht Uygur ein Minusgeschäft. Und wenn er nicht bald wieder öffnen kann, ist der Traum des 56-Jährigen vom eigenen kleinen Laden endgültig begraben.

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