Auch sie gehören dazu: Die Flüchtlinge im Berliner ICC. Seit Dezember 2015 betreiben die Malteser im Ballsaal und dem Ex-Verwaltungstrakt des „Raumschiffs“ eine der großen Notunterkünfte. 600 Flüchtlinge leben hier, 140 Kinder. 40 hauptamtliche und 100 ehrenamtliche Mitarbeiter kümmern sich um das Quartier – und die Betreuung der Fremden.
Dafür, dass sie nicht fremd bleiben, kämpft jetzt ein Berliner Fotograf. Daniel Sonnentag startete gemeinsam mit Verlegerin Penny Eifrig und ihrer Tochter Saede das Projekt „They Have Names“ („Sie haben Namen“). Er fotografiert Flüchtlingskinder und ihre Familien, bringt ihre Geschichten an die Öffentlichkeit. Auf die Idee kam der 34-Jährige schon vor Monaten. „Ein Freund arbeitet als Tanzpädagoge unter anderem bei einem Tanzprojekt mit Flüchtlingskindern im ICC“, erzählt er. Sonnentag begleitete die Tanzstunden mit der Kamera und staunte.
Aya, Elham, Fatima, Manaf Mohammed, Haifa...
Fatima ist vier Jahre alt, kam mit Vater und Bruder Hussein aus dem Irak. Die Familie scheiterte an Berlins Bürokratie, lebt nun wieder an der Kriegsfront. Sonnentag: „Ich hoffe, dass sie irgendwann wiederkommen und Berlin bereichern.“
© DANIEL SONNENTAG
Familie Mohammed: Papa Manaf (31), Mama Haifa (25), Zainab (8, l.), Zahraa (6, r.), Ruqaya (5, vorn) und Qasim (3) flohen aus Mossul, als die Truppen des IS einmarschierten Manafs Freunde töteten, kamen nach Berlin. Nun suchen sie dringend eine Wohnung, im besten Fall in Charlottenburg.
© DANIEL SONNENTAG
Elham floh mit ihren Eltern Kameran und Ghazal und ihren Brüdern Hamudi und Fayik aus Syrien. „Sie hat immer diese Traurigkeit in ihren Augen. Aber das macht es umso schöner und mich glücklicher, wenn sie lächelt“, sagt Sonnentag.
© DANIEL SONNENTAG
Aya kam mit ihrer Familie im Dezember 2015 aus Syrien nach Berlin. Ihre Familie sucht derzeit verzweifelt nach einer Wohnung. Ihr Vater Ahmad arbeitet als Praktikant in einer Baufirma, obwohl er dort kein Geld verdient, weil er noch keine Arbeitserlaubnis hat. Sonnentag: „Er sagt, er ist froh, endlich etwas tun zu können und nicht immer nur warten zu müssen.“
© DANIEL SONNENTAG
Das Berliner Staatsballett organisiert die Aktion „Tanz ist Klasse!“, gibt unter anderem Tanzkurse in Berliner Schulen – und seit einiger Zeit auch im ICC. Hier erklären die Tanzpädagogen Stefan und Bettina den Flüchtlingskindern die nächsten Schritte.
© DANIEL SONNENTAG
„Ich war beeindruckt. Die Kinder, die ich sah, waren beim Tanzen keine kleinen Menschen mit schlimmen Geschichten im Gepäck, sondern konnten befreit ihren Spaß haben. Das ging mir sehr nah.“ Er meldete sich als ehrenamtlicher Kinderbetreuer im ICC an, half dreimal pro Woche aus – und zog bald auch mit der Kamera durch die Hallen, um die Familien zu porträtieren. Seine Motivation: „Es wird oft über die Flüchtlinge diskutiert, aber es sind immer nur ,die Flüchtlinge‘. Viele Leute haben die Meinung, die sie haben, weil sie die Menschen nie kennen lernten.“
"Nicht alle sind Engel, es gibt auch Idioten" - Lesen Sie auf der nächsten Seite weiter...
Er wollte die Gemeinsamkeiten zwischen Flüchtlingen und Deutschen zeigen. „Im ICC leben Hunderte Leute. Nicht alle sind Engel, es gibt auch Idioten. Aber es sind trotzdem die gleichen Menschen wie wir.“ Ein Beispiel ist die kleine Aya. „Einmal sagte sie zu mir, sie könne leider keine Prinzessin sein, sie habe keine Krone“, erzählt Sonnentag. „Aber wenn sie müde ist, will sie getragen werden. Und wenn ich mit anderen Mädchen spiele, wird sie eifersüchtig. Also ist sie doch eine Prinzessin – und erinnert mich damit sehr an meine kleine Nichte.“
Aya kam mit ihrer Familie im Dezember 2015 aus Syrien nach Berlin. Welches Schicksal hinter dem Mädchen liegt? Darüber habe sie nie gesprochen. Die Geschichten der Vergangenheit sollen nicht im Vordergrund des Projektes stehen – auch wenn sie allgegenwärtig sind. „Einmal stand ein kleiner Junge neben mir, als ich mit einem Kollegen über das Wetter redete. Plötzlich rief der Junge ,Papa Haus, Bombe, bumm!‘“ Angesichts solcher Erlebnisse sei es immer wieder faszinierend, wie gut die Neuankömmlinge ihren Alltag bewältigen.
Auch die Familie, die Sonnentag für ein anderes Bild vor die Linse bekam, kämpft sich tapfer durch den Alltag. Papa Manaf, Mamma Haifa und die Kinder Zeynep, Sahra, Rukaya und Quasim kommen aus dem Irak. Manaf kämpfte zehn Jahre in der Armee. Als die Truppen der Terrormiliz Islamischer Staat das Gebiet um Mossul einnahmen, töteten sie seine Freunde und Kollegen.
„Ich musste meine Familie retten und das Land verlassen“, sagt er. Sie zogen nach Deutschland. Eine Arbeit findet er hier nicht, momentan sucht die Familie verzweifelt nach einer Wohnung. Sonnentag begleitet den Familienvater regelmäßig zum Sport. „Für mich ist beeindruckend, wie stark die Liebe in der Familie ist“, sagt er. „Ich wuchs selbst in Neukölln unter Türken und Arabern auf – die waren mir fremder als diese Familie.“
Lesen Sie weiter, um zu erfahren, welche besonderen Aktionen Sonnentag demnächst geplant hat...
Um noch mehr Menschen ihre Geschichten zugänglich zu machen, will Sonnentag bald eine Spendenaktion starten, Geld für ein Buch sammeln. Einen Verlag hat er bereits. Bei einem Straßenfest am 10. September vor dem Rathaus Tiergarten zeigt er seine Fotos an einem Stand. Mit seinem Projekt will er auch mit einem berühmten Vorurteil aufräumen: Immer wieder werde Flüchtlingen vorgeworfen, sie hätten kein Interesse, sich zu integrieren. Sonnentag hat andere Erfahrungen gesammelt.
Oft habe man eher das Gefühl, dass Behörden die Integration verhindern. Eine Familie durfte nicht in eine Dreiraum-Wohnung ziehen. Es sei zu wenig Platz, so die Behörden-Mitarbeiter. Nun müssen Mutter, Vater und Kinder weiter im ICC wohnen – auf zehn Quadratmetern. „Viele warten darauf, sich anpassen zu können – aber ihnen wird in unserer Gesellschaft zu selten die Chance dazu gegeben.“
Auch dafür hat er ein Beispiel. Neulich besuchte er mit zwei Familien einen Strand. „Wir dachten im Vorfeld: Hoffentlich liegen dort keine FKKler.“ Doch es passierte: Direkt neben ihrem Platz ließen sich nackte Badegäste nieder. „Der Vater der Familie sagte: Wir sind in Deutschland, damit arrangieren wir uns. Aber schön ist es nicht“. Sonnentag schiebt lachend hinterher: „Und – ganz ehrlich? Unrecht hatte er damit nicht.“
- [object Object]
Ihre Meinung interessiert uns. Feedback zu diesem Beitrag senden Sie bitte an leser-bk@berlinerverlag.com