Mit weiß gestrichenen Fahrrädern erinnert der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) in Berlin an Radfahrer, die im Straßenverkehr getötet wurden. Doch dieses Kinderfahrrad in Spandau ist anders. Es ist kein „normales“ Geisterrad, das nach Totensonntag wieder verschwindet. Es steht schon seit 16 Monaten dort.
Constantin starb fünf Tage vor seinem achten Geburtstag
Auf dem Kinderrad hat Constantin das Fahrradfahren gelernt. Es gehörte einst seiner großen Schwester. Constantins Vater musste es blau lackieren. Jungs fahren schließlich nicht mit einem lilafarbenen Fahrrad. So hatte es Constantin seinen Eltern erklärt.
Ein Jahr, bevor der Junge starb, bekam Constantin ein neues, größeres Rad. Damit fuhr der Zweitklässler zur Schule. Seine Mutter radelte jeden Morgen hinter ihm, passte auf, dass dem Kind nichts passiert. Sein altes Kinderfahrrad aber hatte Constantin ins Herz geschlossen. Seine Eltern durften es nicht verkaufen. Sie mussten das Rad für ihren Sohn im Keller aufbewahren.
Nun steht es an dieser vielbefahrenen Kreuzung. An der Stelle, an der der Junge am 13. Juni 2018 auf dem Weg zur Schule tödlich verunglückte.
Am Brunsbütteler Damm erinnert ein weißes Fahrrad an Constantin.
© Olaf Wagner
Der Fahrer eines Lkw übersah das Kind beim Rechtsabbiegen. Der Laster erfasste den bei Grün fahrenden Jungen. Constantin stürzte. Der Lkw-Fahrer bemerkte weder den Sturz des Jungen, noch, dass das rechte Hinterrad seines Lasters den Kopf des Kindes überrollte. Vor den Augen der Mutter. Der Junge war sofort tot. Fünf Tage vor seinem achten Geburtstag.
Die Altstadt von Spandau liegt keine zehn Fahrradminuten von der Unfallstelle entfernt. In einer Nebenstraße wohnen Julia und Alexander S., Constantins Eltern, und seine beiden Schwestern, 15 und 16 Jahre alt.
Auf einem kleinen Tischchen im Wohnzimmer steht ein Foto von Constantin. Davor brennt eine Kerze. Nicht nur in der Vorweihnachtszeit.
An der Wand dahinter hängt das blau-graue Basecap des Jungen. An der weiß getünchten Tapete fällt zudem ein buntes Bild auf. Es zeigt Batman. Es ist das letzte Bild, das Constantin zeichnete. Er hat es wie ein Künstler signiert. „Consti“ steht darauf. Malen war die Leidenschaft seines Sohnes, sagt Alexander S. Constantin besaß schon eine Staffelei.
Bewährungsstrafe für den nun arbeitslosen Lkw-Fahrer
Der Vater (49) nimmt das Batman-Bild von der Wand, streicht darüber, wischt sich die Tränen aus den Augen. Er lächelt seiner Frau zu, sie lächelt zurück und nickt. Constantins Eltern wollen reden. Über ihren toten Sohn, über den Unfall. Über Hilfe, die es für Hinterbliebene nur schwer gibt. Über Politiker, die den Lkw-Verkehr sicherer machen könnten, es aber nicht tun.
Sie wollen reden, jetzt, da der Prozess um den Tod ihres Jungen gerade vorbei ist. Da sie endlich in Ruhe trauern können, ohne immer an die Verhandlung denken zu müssen.
Vor zwei Wochen erst stand der Lkw-Fahrer Lorenz K. vor Gericht, der Constantins Tod verschuldet hat. Die Eltern des Jungen saßen ihm gegenüber. Sie hofften seit eineinhalb Jahren auf ein persönliches Wort der Anteilnahme, auf eine ehrliche Entschuldigung. Sie wurden enttäuscht.
Der nun arbeitslose Mann wurde vom Amtsgericht Tiergarten zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Er muss zudem 500 Euro an die Kindernothilfe zahlen. Den Führerschein durfte er behalten. Obwohl er gerade einmal vier Wochen nach Constantins Tod über eine rote Ampel gefahren und dabei geblitzt worden war.
Julia und Alexander S. haben überlegt, ob sie gegen das Urteil Berufung einlegen sollten. Eine Woche hatten sie Zeit. Sie haben sich dagegen entschieden.
Constantins Mutter: „Was hätte eine Berufung gebracht?“
Nicht, weil sie den Richterspruch als gerecht empfinden würden. Was ist schon gerecht, wenn ein Kind auf solch tragische Weise ums Leben kommt? Wenn eine Familie auf solche Art aus der Bahn geworfen wird. Wenn bei einem solchen Unglücksfall nicht sofort professionelle Hilfe angeboten wird – weder von den Behörden, noch von Krankenkassen. Was nutzt es, wenn die Betroffenen erst Monate nach so einem Unglück einen Termin beim Traumatherapeuten bekommen. Julia S., die den Tod des eigenen Kindes mitansehen musste, wartete länger als ein halbes Jahr darauf.
Anfang Dezember stand der Lkw-Fahrer Lorenz K. vor Gericht.
© Olaf Wagner
„Was hätte eine Berufung gebracht?“, fragt sie. Der Fahrer habe schon die höchstmögliche Strafe bekommen. Bewährung, und keine Geldstrafe, wie üblich in solchen Fällen von fahrlässiger Tötung.
Immerhin müsse der Lkw-Fahrer auch die Kosten des Verfahrens tragen. Anwälte bezahlen, den Gutachter, der bescheinigt habe, dass der Angeklagte den Jungen und dessen Mutter auf dem gut einsehbaren Radweg habe sehen können, ja sehen müssen. Viele Sekunden lang. Hätte er nur in die Rückspiegel geschaut. Der Gutachter bescheinigte, dass der Lasterfahrer beim Abbiegen nicht angehalten habe, vermutlich bei Rot gefahren sei.
Trotz Helm hatte Constantin keine Chance
Julia S. weiß, dass ihr Sohn keine Schuld trägt. Dass auch sie nichts falsch gemacht hat. Doch was taugt diese Gewissheit? Sie bringt ihr den Sohn nicht wieder zurück.
Constantins Schulweg war bequem, auch sicher. Er fuhr üblicherweise mit seiner Mutter am Havelufer entlang, ohne eine Straße kreuzen zu müssen. Doch am 13. Juni 2018 holte Julia S. den Sohn bei den Großeltern ab, bei denen Constantin übernachtet hatte. Sie sprachen noch über den anstehenden Geburtstag des Jungen. Im Garten war alles für die Party vorbereitet. Constantin freute sich. Er hatte sich ein Trikot der deutschen Fußballnationalmannschaft gewünscht.
Julia S. sagt, sie sei mit dem Sohn auf dem Radweg der Nauener Straße gefahren. Viele Schüler nutzen ihn. Am Brunsbütteler Damm hätten sie an der roten Ampel gewartet. Als es Grün wurde, habe sie ihrem Sohn zugerufen: „Fahr los!“. Zu spät sah sie den Lkw, der um die Ecke bog. Der Laster touchierte das Rad des Kindes. Constantin stürzte.
Die Mutter erinnert sich, dass sie damals ihr Fahrrad zur Seite warf und voller Panik schrie. Doch der Laster fuhr weiter. Bis Autos hupten, Passanten an das schwere Fahrzeug klopften. Constantin hatte keine Chance. Auch der Helm rettete ihn nicht. Julia S. erzählt, dass der Fahrer zu ihr gekommen sei. Doch anstatt ein Wort des Entsetzens oder der Entschuldigung hervorzubringen, sagte er mit Blick auf den toten Jungen nur vorwurfsvoll, er könne doch nicht auf alles achten. „Ich dachte, die Welt müsste stehenbleiben“, sagt die 42-Jährige.
Constantins Eltern kämpfen für Umbau der Unfallkreuzung
Julia S. erlebte den Tag wie in Watte gepackt, als wäre alles ganz weit weg. Sie rief ihren Mann an. Polizisten kümmerten sich um sie, boten ihr an, sie in die Rechtsmedizin zu fahren. Constantins Mutter bewegte sich wie in Trance. Erst zuhause brach sie zusammen.
Julia S. sagt, ohne die Familie und die Freunde hätten sie es nicht geschafft, das Erlebte zu verkraften. Eineinhalb Jahre mussten sie und ihr Mann auf den Prozess gegen den Lkw-Fahrer warten. Es war eine lange, zermürbende Zeit. „So etwas dürfte eigentlich nicht passieren“, sagt Constantins Vater.
Die Eltern haben sich nach dem Tod ihres Jungen nicht dem Schmerz hingegeben. Zusammen mit dem ADFC kämpften sie dafür, dass die Unfallkreuzung umgebaut wird. Sie soll getrennte Grünphasen für Autofahrer und den Radverkehr bekommen. „Es wird auch Zeit, dass sich die Politiker bewegen“, sagt Julia S., die noch immer in Therapie ist.
Sie fordert, dass in Lkw zwingend Abbiegeassistenten mit Notbremsfunktion und Kollisionserkennung eingebaut werden. 2000 Euro würde so ein System kosten. 2000 Euro, die ihrem Sohn das Leben gerettet hätten, weil der Laster nach dem ersten Kontakt mit ihrem Kind sofort abgebremst, der Junge so nicht überrollt worden wäre.
Weihnachten nach dem Unfall: „Wir feiern jetzt anders“
In der Wohnung ist es still. Einen Weihnachtsbaum gibt es seit dem vergangenen Jahr nicht mehr. Die Kinder hatten sich stets um das Baumschmücken gekümmert. „Wir feiern jetzt anders“, sagt der Vater.
Die Mutter hat sich ein Jahr lang nicht aufs Fahrrad getraut. Mit wackligen Beinen hat sie es wieder versucht – als Teil ihrer Therapie. Constantins Großeltern wollen nicht mehr, dass ein Enkel bei ihnen übernachtet. Sie hätten ein ungutes Gefühl dabei. Constantins Schwestern hüten nun den Kuschelbären, den der Junge bei seinem Unfall im Rucksack hatte. Sein Kuschelkissen liegt nun im Bett der Mutter.
Vor der Schule pflanzten Constantins Mitschüler einen Kirschbaum. Der Junge mochte Kirschen. Deswegen hatte er auch mit seinen Eltern im Garten Kirschbäume gepflanzt. Constantins Eltern erfüllten ihrem Kind den letzten Wunsch. Sie besorgten das heiß ersehnte Fußballtrikot. Der Junge trug es, als er beerdigt wurde.
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