Claudia Glückstein Freund, Familie und 1500 Fans feierten mit, als Pechi die Weltcup-Norm erfüllte

Ihr grandioses Eis-Comeback

Kai-Uwe Zickerick
Lesezeit 4 Min

Erfurt - Es ist genau 12.04 Uhr. Die Tür zur Umkleidekabine geht auf. Claudia Pechstein wird von einem Blitzlichtgewitter empfangen. Sie wirkt angespannt, genervt. Kein Wunder beim ersten Rennen nach zwei Jahren Unrechts-Sperre. Nach drei Metern biegt sie noch einmal ab und verschwindet in der Toilette ...13.04 Uhr. Die Erde hat sich nur 60 Minuten weitergedreht. Für Claudia Pechstein aber um genau 180 Grad. Gerade ist sie ins Ziel gekommen. Über 3000 Meter. 4:15 Minuten musste sie laufen, um die Startberechtigung für den Weltcup am kommenden Wochenende in Salt Lake City zu bekommen. Claudia unterbietet die Norm sicher. Nach 4:10,05 bleibt die Uhr stehen.Es ist ein an sich unbedeutender internationaler Wettkampf in Erfurt, mit dem die zweite Karriere der fünfmaligen Olympiasiegerin beginnt. In Erfurt. In der Halle, die den Namen der Frau trägt, die Pechi im Laufe ihrer großen Laufbahn als weltbeste Langstrecklerin ablöste: Gunda Niemann-Stirnemann. Auch Gunda, die inzwischen Nachwuchstrainerin ist, lässt sich das Comeback der Ex-Konkurrentin nicht entgehen. Sie steht unter den 1500 Eisschnelllauf-Fans, die gekommen sind. Mehr als bei den Deutschen Meisterschaften 2010, mehr als beim Weltcup in Berlin.Claudia wird warm empfangen. Keine Pfiffe, freundlicher Beifall. Und gespannte Erwartung. Besonders bei ihrem Lebensgefährten Matthias Große und ihrer Familie, die fast komplett angereist ist. "Ich war immer aufgeregt, wenn Claudia läuft", sagt Mutter Monika, "doch diesmal ist es kaum auszuhalten." Alle sind mit Rasseln und Klatschpappen bewaffnet. Und auch der riesige Schaumgummi-Handschuh, den Pechi immer nach den großen Olympia-Läufen geschwenkt hat, ist dabei.Der volle körperliche Einsatz lohnt sich. Besonders für die Tochter. Natürlich ist sie kaputt, natürlich schmerzen die Oberschenkel. Aber die tolle Zeit zaubert ein Lächeln in Pechsteins Gesicht. Sie sagt: "Ich bin wieder da." Das sind die gleichen Worte wie am Dienstag, dem Tag, an dem die Unrechts-Sperre (es ist inzwischen medizinisch nachgewiesen, dass der erhöhte Blutwert Folge einer von Vater Andreas vererbten Anomalie ist) endete. Aber erst jetzt hat Claudia die Worte mit Leben gefüllt. Das spürt auch sie selbst. Ihre Mundwinkel sind nach oben gezogen, sie strahlt: "Ich bin so stolz, denn der Druck war riesig. Danke für all die Sympathien, die mir hier entgegengebracht wurden. Ich habe gezeigt, dass ich es noch kann." Und dann spricht sie diesen einen Satz, der deutlich macht, was diese beiden vergangenen Jahre tatsächlich bedeuteten: "Das war der größte Sieg meiner Karriere." Pechi schafft gut drei Stunden später mit 2:01,22 Minuten auch die Norm des Weltverbandes (2:03,50) über die 1500 m. Es rundet diesen am Ende so wunderbaren Tag im neuen Leben der fast 39-jährigen Frau ab. Denn begonnen hatte er - was kaum einer weiß - viel schlechter. Um 9 Uhr sollte ihr Blut abgenommen werden. Freiwillig, denn Claudia will ihre Werte jetzt selbst dokumentieren. Ein Mittel im noch immer laufenden Kampf um ihre Rehabilitierung. Doch es gibt Probleme. Der Arzt findet anfänglich ihre Vene nicht. Claudia wird übel, sie muss sich hinlegen. Vier Stunden später ist ihr nichts mehr anzumerken. Eine Kämpferin war Claudia Pechstein schon immer.Schon morgen geht es in die USA. Pechi wird in Salt Lake City die 5000 m laufen. Um sich dort für die Einzelstrecken-WM im März in Inzell zu qualifizieren. Dann erst wird sich der Kreis komplett schließen. Der Kreis, in dem mit dicken Lettern prangt: "Ich bin wieder da." ICH! BIN! WIEDER! DA!BU: Pechi: Endlich wieder eine Eis-Eilige ...BU: Danke, Trainer! Danke, Claudia! Pechi und ihr Coach Joachim Franke nach dem bestandenen Nervenkrieg in Erfurt.Zitat: "Ich bin so stolz, denn der Druck war riesig. Das war der größte Sieg meiner Karriere."Claudia Pechstein

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